Verblasste Mythen Das Kassengestell

Das Synonym für unsportliche Bräsigkeit und weltfremdes Strebertum - vom Aufstieg und Fall der Kassenbrille.

Von Von Alex Rühle

(SZ vom 20.08.2003) — Es ist rätselhaft: Felix Magath trägt im Aktuellen Sportstudio eine Brille, die aussieht wie eine Büroklammer, und Wolf-Dieter Poschmann sagt, hui, das sei ja nun wirklich der letzte Schrei.

Die Brille als "Eye-Wear" - auch bei Daniel Küblböck.

(Foto: Foto: dpa)

Elton John tritt seit Jahren mit Baugerüsten auf der Nase auf. Und ganze Studiengänge schieben sich Gestelle ins Gesicht, die man in einer Galerie für zeitgenössischen Nippes auch als Migräneinstallation verscherbeln könnte. Aber keiner sagt was dagegen, schließlich ist das alles Designer-Eye-Wear.

Schämen auf Lebenszeit

Wehe aber, jemand trägt eine schlichte, zweckorientierte Brille. Dann sind die selbst ernannten Kabarettisten da, rufen Kassengestell, Kassengestell, und man darf sich schämen auf Lebenszeit. Woher kommt das? Warum ist die Kassenbrille selbst heute, wo es sie ohnehin kaum noch gibt, Synonym für unsportliche Bräsigkeit und weltfremdes Strebertum?

Am 15. Juni 1883 wurde in Deutschland die gesetzliche Krankenversicherung auf staatlicher Grundlage eingeführt; jeder Arbeitende in Industrie und Handwerk hatte sich fortan zu versichern, wofür ihm "freie ärztliche Behandlung, Arznei, sowie Brillen, Bruchbänder und ähnliche Heilmittel" bezahlt wurden: Die Kassenbrille war geboren.

Anfangs wurde das gesetzliche Anrecht auf eine Kassenbrille nur in seltenen Fällen in Anspruch genommen: Eltern, die ihren Kindern eine Brille verschreiben ließen, waren pädagogisch schlicht inkompetent. Wer schlecht sehe, so die Meinung der Schulmedizin, sei selber schuld.

In einem "Handbuch zur Schulhygiene" aus den achtziger Jahren des Neunzehnten Jahrhunderts wird behauptet, wer schwachsichtig sei, habe "zu lang in schlecht gedruckten Unterhaltungsbüchern bis in die Dämmerung gelesen". Wahrscheinlich habe er auch noch heimlich an sich herumgemacht. Wer sich aber ordentlich zusammenreiße, der werde seine Sehschwäche schon in den Griff bekommen. Weshalb Schwachsichtigkeit, so die Marburger Soziologin Susanne Buck, "eher in ihrer Entstehung zu verhüten als durch Brillen zu korrigieren" war.

Durch ärztliche Aufklärung sollten die Augen diszipliniert werden. Der Augenarzt Hermann Cohn schrieb dazu: "Die Brille ist, wie das Opium, unter Umständen ein Heilmittel, unter Umständen ein Gift. Keinem Schüler ist das Tragen von Augengläsern ohne ärztliches Attest gestattet!" Den Kindern wurden keine Brillen verordnet, stattdessen zwängte man sie in der Schule in martialische Gestelle, damit sie sich nicht zu tief über das Schulbuch beugten.

Zudem galt Sehschwäche über viele Jahrzehnte als eine Art Bildungskrankheit: Wer viel liest, muss davon ja schwache Augen bekommen. Dieser kulturhistorisch folgenreiche Irrtum hatte seinen Ursprung darin, dass die ersten größeren Augenuntersuchungen an Schulen stattfanden. Die Ärzte, die das Sehvermögen der Kinder testeten, waren überrascht, wie viele Kinder doch schwachsichtig waren.

Ursache dafür konnte in ihren Augen nur die Schule sein: Der Volkskörper ist gesund, wer aber viel liest, dessen Augen scheinen zu leiden. Obwohl die Reihenuntersuchungen verschiedener Militärärzte schon vor dem Ersten Weltkrieg die These von der Kurzsichtigkeit als Bildungskrankheit widerlegten, hält sich bis heute sowohl das Vorurteil, dass zu viel Lesen oder schlechte Beleuchtung die Augen kaputtmachen, als auch das Image vom Brille tragenden Musterschüler, der natürlich so lebensuntüchtig und sonderlich dahertapst wie er auf der anderen Seite gescheit ist.

Wilhelm II. schnarrte kurz vor der Jahrhundertwende: "Die Männer sollen nicht durch Brillen die Welt ansehen, sondern mit eigenen Augen und Gefallen finden an allem, was sie vor sich haben, ihrem Vaterlande und seinen Einrichtungen!"

Der Krieg machte scharfsichtig

Erst durch den Ersten Weltkrieg wurde das Brilletragen populär: Die Militärärzte, die bis 1914 Schwachsichtige meist verächtlich ausmusterten - was hat jemand, dessen körperlicher Mangel so deutlich sichtbar ist, im preußischen Heer verloren - rekrutierten plötzlich Halbblinde.

Das preußische Kriegsministerium hatte ab sofort fehlsichtige Soldaten mit normierten Kassengestellen zu versorgen, was von den Optikern freudig zur Kenntnis genommen wird: "Man erkennt mehr und mehr", hieß es in der Deutschen Optischen Wochenschrift im November 1915, "wie wichtig Brillenverordnungen sind. Möge davon allmählich auch etwas mehr an das Publikum dringen. Vielleicht ist jetzt ein Anfang gemacht."

Es brach an die Blütezeit der Brille: Wer eine brauchte, ließ sich seit Ende des Ersten Weltkrieges einfach eines der wenigen Modelle verschreiben, die es im Handel gab, und fertig: Zunächst schlanke Stahl- und etwas schwerfälligere Nickelbrillen, deren dünne Bügel schmerzhaft ins Fleisch schnitten. Später kam die runde, in dunklem Zellhorn gefasste Windsorbrille auf den Markt.

Mitte der fünfziger Jahre begann dann der Untergang: Die Kassenbrille wurde mehr und mehr zur Klassenbrille. Das optische Hilfsgerät wurde zum Modeinstrument, wer es sich leisten konnte, zahlte ab jetzt zu, um sich schickes Design auf die Nase binden zu können. Die Bardot warb für schmetterlingsförmige Brillengestelle, Modelle bekamen eigene Namen, ähnlich den gehobenen Mittelklassewagen hießen sie "Senator", "Rocco" oder "Regina".

Die Brille wurde zur "Eye-Wear", der Designterror ging los. Seither trugen Menschen abstruse Plastikgestelle oder riesige Kloben, die das halbe Gesicht verdeckten, und alle Welt sagte, ah, doch, doch, das streicht seinen Typ heraus.

Der ADAC warnte noch Ende der Achtziger Jahre ausdrücklich vor den so genannten Direktorenbügeln, trutzig schwarzen Kolben, die das periphere Sichtvermögen einschränkten wie Scheuklappen und zu vielen Autounfällen führten. Vielleicht riet Helmut Kohls Imageberater dem frisch gebackenen Kanzler deshalb sofort nach der geistig-moralischen Wende, sein prügeldickes Gestell gegen Filigraneres einzutauschen.

Kohl trug jedenfalls fürderhin immer elegantere, halbleiterleichte Brillen, bis er sich Anfang der Neunziger an Wilhelm Zwos Worte zu erinnern schien und wieder mit eigenen Augen auf das Vaterland und seine neue Einigkeit blickte: "Jetzt bin ich in ein fortgeschrittenes Alter gekommen, da zeig ich mich lieber in meinem vollen Glanz ohne Brille".

Erich Honecker hingegen, der eisern bei seiner knochendicken Parteidioptrin geblieben und deshalb von Steffen Mensching einmal als "staatsratsvorsitzendes Kassengestell" bezeichnet worden war, hatte da längst alle Zeichen der Zeit übersehen: Das Kassengestell war spätestens ab Mitte der Siebziger Jahre zur festen Spange für die Augen geworden. Es galt als unsexy wie eine Wollstrumpfhose und führte den anderen täglich vor Augen, dass die Eltern weniger verdienten.

"Wie sollte man mit Kassenbügel und flaschendickem Glas vor den Augen je den Richtigen kennen lernen", klagt eine Frau in einem Internet-Chatroom für Brillenträgerinnen über ihre Jugend in den Sechzigern. Eine andere Frau antwortet seufzend, das kenne sie, das Kassengestell sei bei ihr "eine Art Antibabybrille" gewesen. Kein Wunder, dass kaum ein Accessoire so negativ konnotiert ist und von minderbegabten Kabarettisten und lieblosen Schriftstellern derart häufig missbraucht wurde: Wer zeigen wollte, dass seine Romanfigur unsportlich und/oder streberhaft war, der verpasste ihm kurzerhand ein Kassengestell.

Acht aus 640

1972 kam dann der Hamburger Optikermeister Günther Fielmann auf die Idee, modische Brillen auf Rezept auszugeben. Die Kassenbrille, bis dahin mit ihrem uniformen Design ein untrüglicher Nachweis über die Zugehörigkeit zur unteren Einkommensgruppe, wurde endlich designt. Ab 1977 gab Fielmann eine Drei-Jahres-Garantie auf die Qualität seiner Brillen. Über einen Sondervertrag mit der AOK wurden 1981 aus den bis dato acht Kassengestellen 640 individuell entworfene Brillen.

Jetzt verschwindet auch der Rest, wird die Brille vollends zum modischen Accessoire: Nachdem die Kassen 1997 bereits die meisten Zuschüsse für Brillenfassungen strichen und auch die Erstattungsbeträge für die Gläser senkten, sollen nun im Zuge der Gesundheitsreform auch noch die letzen 50 Euro Zuschuss gestrichen werden, die die Kassen im Durchschnitt zahlen, so, als sei alles an der Brille nur noch Modeartikel.

Was ja wieder merkwürdig an den Wilhelminismus erinnert - sollen die Leute doch mit eigenen Augen Gefallen finden an allem, was sie vor sich haben, ihrem Vaterlande und seinen leeren Kassen.