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Uraufführung:Paralleluniversen

Die Uraufführung von Konstantin Küsperts "Pest" schnurrt in Regensburg in einem guten Tempo - und gerät doch allzu possierlich

Nachrichtenschnipsel von einer Krise in Mitteleuropa und von "Plünderungen im großen Stil" - und in all dem anklopfenden Chaos kämpft ein Junge um seine Zukunft. Georgios ist 14 und unter der Knute seines Vaters, der ihn als Fußballprofi sehen will. Und er lässt sich breitschlagen. In dieser Welt. Sie ist eine von vielen im Denk-Universum des Regensburger Autors Konstantin Küspert und in dessen Stück "Pest", das im dortigen Theater am Haidplatz uraufgeführt wurde.

Die Bühne der Uraufführung ist eine, die schnelle Schnitte zwischen den Paralleluniversen erlaubt, die Küspert der Quantenphysik abgelauscht hat. Ihr zufolge passiert alles, was theoretisch passieren kann. Also hat auch jede Entscheidung, die man nicht trifft, irgendwo anders Folgen. "Pest" malt diese Viele-Welten-Theorie am Beispiel seines Protagonisten aus, der in Welt eins der Zwangsherrschaft eines medikamentös unterstützten Funktionierens anheimfällt. In Welt zwei wird Georgios Physiker, aber auch Mitverursacher eines Unfalls in einem Atomkraftwerk. Und während er Jahre später die Menschen in der Sperrzone zu retten versucht, schnallt sich in einer weiteren Welt sein Sportler-Pendant einen Waffengürtel um.

Das Stück macht sich durchaus intelligent unsere gerade wieder neu angefachten Ängste vor Terror und Krieg zunutze und schürt nur scheinbar die grassierende Hysterie derer, die selbst die Entscheidung darüber, was sie zum Frühstück essen, auf die Goldwaage legen. Alles ist wichtig, sagt es. Doch egal, wie wir uns entscheiden, die Welt wird so oder so den Bach runter gehen. Also kann man auch gleich auf seinen Verstand und sein Gewissen hören.

Auf Anneliese Neudeckers Bühne, wo Uraufführungsregisseurin Katrin Plötner die Schauspieler in Mikros keckern, mümmeln, Werbejingles summen oder atmosphärische Umgebungsgeräusche machen lässt, schaut es anfangs so aus, als tauge dieses Terrorkommando der guten Laune und des Konsums als adäquates Gegengewicht zur Düsternis der Haupthandlungsstränge. Doch seine Wirkung verbraucht sich rasch, und Comicstimmen am Telefon und bis zum Gehtnichtmehr ausgereizte Halleffekte wirken bald allzu possierlich bis deplatziert.

So schnurrt die Inszenierung zwar in einem guten Tempo und leidlich unterhaltsam ab, indem eine fahrbare Trennwand den bei besonders katastrophalen Wendungen hereinwehenden schwarz-weißen Plastikmüll mitsamt der in ihm gerade zu Tode Gekommenen von einer Seite respektive Welt zur anderen schiebt. Und die Schauspieler Sina Reiß, Ulrike Requadt, Patrick O. Beck, Michael Haake und Jakob Keller machen ihre Sache gut, wenn auch einige Schlüsselszenen in ihrer Abstraktheit etwas hingeschludert wirken. Doch letztlich lässt einen das Los und Leid derer da oben reichlich kalt.

© SZ vom 23.11.2015
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