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Uraufführung:Das Orakel redet Klartext

Berliner Ensemble

Angenehm pathosfrei: Felix Rech und Kathrin Wehlisch.

(Foto: Matthias Horn)

Wer war Heiner Müller? Das Berliner Ensemble erforscht "Heiner 1-4".

Wie erinnert man sich an den Dichter, der das eigene Denken und damit das eigene Leben geprägt hat wie kein anderer Mensch? Wie begegnet man als älterer Mensch der eigenen Jugend und dem verwirrten, mit viel zu vielen, schlecht sortierten Gefühlen aufgeladenen jungen Mann, der man mal war? Armin Petras, der sich als Dramatiker Fritz Kater nennt, schreibt immer über sich selbst. Aber weil er ein scheuer und ehrlicher Mensch, im Theaterkontext also eine Seltenheit ist, erfindet er sich dafür Masken, Verfremdungsfilter und raffinierte Ironie-Abstandhalter.

Vielleicht ist das der Grund dafür, dass er Theater macht: Im Theater kann man über sich sprechen, ohne dauernd man selbst sein zu müssen. Das Theater ist der Ort, an dem man die eigenen Verletzungen und Sehnsüchte (und von diesen Ressourcen hat Fritz Kater wie jeder ernst zu nehmende Künstler offenbar mehr als ein ruhiges Leben passt) in ein Spiel verwandeln kann. So kann man so tun, als käme man mit der Überdosis an Empfindungen und Gedanken zurecht. Das ist übrigens der Unterschied zwischen Theater und Performance. Das Theater braucht den Schutz des Spiels, weil sich nur in dieser Zone der Überschuss an Konflikten, Gedanken und Gefühlen öffentlich verhandeln lässt. Performer haben solche Probleme nicht. Sie müssen ihr Selbst öffentlich aufblähen, um es herzustellen. Größere Gedanken, Verletzungen oder Konflikte stehen ihrem Offensiv-Narzissmus nicht im Weg.

Armin Petras alias Fritz Kater erzählt diskret - zur Auflockerung führt er Hanswurste vor

Armin Petras, beziehungsweise Fritz Kater erinnert sich am gut gewählten Tatort, dem Berliner Ensemble, an den Dichter und Apokalyptiker Heiner Müller: "Heiner 1-4". Der Titel signalisiert, dass damit noch nicht alles gesagt ist und auf Nummer 1 bis 4 noch ein paar Kater-Heiners folgen könnten. Lars-Olaf Walburg inszeniert die Uraufführung im Kleinen Haus klug und unprätentiös. Ein paar gute Schauspieler (der bewährte BE-Veteran Veit Schubert, die großartige Kathrin Wehlisch, Carina Zichner, Bardo Böhlefeld und Felix Rech, der sowieso immer gut ist) spielen lässig, klar und angenehm pathosfrei in einer Probebühnensituation. Ab und zu heben oder senken sich das Gerüst, an dem die Scheinwerfer hängen, oder die niedrige Begrenzung der Spielfläche. Zwischendurch sorgt etwas Bodennebel für Götterdämmerungsatmosphäre (Bühne: Robert Schweer), ansonsten braucht der Abend keine ablenkenden Schaureize. Kater Petras nährt sich dem Dichter über Umwege. Er blättert durch Fotos, in denen Müllers letzte Geliebte, Brigitte Mayer, ihre Intimität festgehalten hat. Nach einer gemeinsamen Nacht schauen sie in großzügig geöffneten Bademänteln gelöst in die Kamera. Vier Jahre später ist Müller ein sterbender Mann. Die Blicke sind stoisch, klar und ratlos. Im Gesicht der Geliebten sieht man die Verzweiflung. Kater betrachtet die Fotos geduldig und genau, er registriert jeden Lichtfleck. Er verbietet sich übergriffige Interpretationen, alles ist sichtbar, man muss nur hinsehen. Auf diese Weise erzählt Kater nur in Bildbeschreibungen, diskret, sachlich und klar, eine Liebesgeschichte. Es war übrigens sehr schön, dass Brigitte Mayer mit ihrer und Müllers Tochter Anna in der Premiere waren. Beide sahen danach unverschämt gut und glücklich aus. Offenbar hat ihnen der Abend gefallen.

Auf der zweiten Erzählebene collagiert Kater dumme Journalistenfragen und sarkastische, lustige, düster klarsichtige Müller-Interviewantworten: Das Orakel redet Klartext. Dann gibt es zur Auflockerung noch etwas Trash-Spaß: In der BE-Chefetage drehen ein paar Hanswurste durch, weil ein Martin Regie führen soll, ein Luschke Kaffee holen muss, Carlos Hegemann von Vulkanen träumt und sich ein Knallchargen-Theaterkritiker, ein gewisser "Riieediger, der Idiot", zum Probenbesuch angesagt hat. Nach diesem Abend will man sofort alles von Heiner Müller lesen.