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Uraufführung:Dann und wann betäubt von der Vergangenheit

Schnörkellose Genauigkeit: Szene aus "Die Glasmenagerie".

(Foto: K. West)

Selten sieht man Tänzer derart scharfzüngig durch ihre Körper sprechen: John Neumeier choreografiert Tennessee Williams' "Die Glasmenagerie" in Hamburg.

Kaum eine Ballerina kann dem Drang nach Schönheit widerstehen. Von Kindesbeinen an auf Eleganz getrimmt, überzeugen die meisten allenfalls gegen Ende ihrer Karriere im Charakterfach. Alina Cojocaru ist eine Ausnahme. In Rumänien geboren, als Solistin des Royal Ballet London zu Weltruhm gelangt, lässt die Tänzerin nicht nur Prinzessinnen erstrahlen. Vielmehr leuchtet sie auch geschundene und versehrte Seelen aus. Cojocarus große dunkle Augen können bezaubern und gleich darauf einen Abgrund an Verzweiflung aufreißen. Ihre zierliche Erscheinung scheint das Zerbrechliche schon in sich zu tragen, das Verzagte und Verhuschte, das sie auf der Bühne aus sich herausholt.

Auf diese Weise ist die knapp Vierzigjährige nun in den Mittelpunkt der jüngsten Premiere von John Neumeier gerückt: Hamburgs Ballettchef, ein Literaturverrückter seit seinen Anfängen, hat sich Tennessee Williams' "Die Glasmenagerie" vorgenommen. Er verwandelt sie in fesselndes, wenn auch bisweilen etwas arg bemühtes Ballett-Theater.

Im Vorfeld hat Neumeier zwei Grundsatzentscheidungen getroffen: Er stockte das vierköpfige Personal auf und erweiterte den intimen Schauplatz des Originals. 1944 in Chicago uraufgeführt, konzentriert sich Williams' Kammerspiel auf das Heim der Familie Wingfield und dessen Bewohner: auf Mutter Amanda, Sohn Tom und die körperbehinderte Tochter Laura. Dazu kommt in Rückblenden der erzählten Geschichte Jim O'Connor, Toms Arbeitskollege und früherer Mitschüler der Kinder. Er soll Laura den Hof machen, ist aber längst liiert - was den Familienhimmel zum Einsturz bringt.

Auf der Hamburger Staatsopernbühne gesellt sich nun der Autor Tennessee Williams zum Quartett seiner Figuren, weil Neumeier dessen Biografie und den Gang des Dramas als Parallelaktion denkt. Wie die Geschwister Wingfield ist der Schriftsteller mit einer dominanten Mutter groß geworden. Der Vater, ein alkoholsüchtiger Handelsvertreter, kreuzte selten auf. Die innige Zärtlichkeit zwischen Tom und Laura entspricht der Beziehung, die Williams mit seiner schizophrenen Schwester Rose verband. Der letzte Spiegelstrang, den Neumeier freihändig ausdeutet, ist Toms Homosexualität: Sie doppelt Tennessee Williams' schwules Begehren, was freilich keine neue Idee ist, sondern im Schauspiel schon etliche Male durchexerziert wurde. In Neumeiers Tanzversion erzeugt es eine seltsame Unwucht.

Dabei geht das Konzept ansonsten hervorragend auf, dank geschickt gereihter Szenen, klug gewählter Musik von Charles Ives und Philip Glass sowie einer fabelhaften Besetzung. Alina Cojocarus erbarmungswürdig hinkende Laura tanzt sich träumend in den Himmel überirdischer Verzückung. Ihre nagende Sehnsucht vermag allein das zum Leben erwachte Einhorn zu stillen, das zu ihrer Glasmenagerie gehört. Eine perfekte Wunschfantasie, die Sterbliche unweigerlich enttäuschen müssen: So auch der sportliche Jim alias Christopher Evans, der das Mädchen betört, bevor er alle Heiratshoffnungen zerstört. Was niemanden härter trifft als Mutter Amanda, die Patricia Friza virtuos als etwas abgehalfterte Südstaatenschönheit porträtiert.

Zwischen dem ersten Auftritt in Turban und Starsonnenbrille und dem Ende im Morgenrock verglüht diese Frau, verzehrt sich in selbstsüchtiger Sorge um den Nachwuchs und alltäglicher Erniedrigung. Dann und wann wird sie von der Vergangenheit betäubt und von der Erinnerung an verflossene Kavaliere und einen Ehemann eingeholt, der bald das Weite suchte. Eindrucksvoll zeichnet John Neumeier auch den Tom-Tennessee-Zwilling, den Félix Paquet und Edvin Revazov verkörpern: unter Dauerbeobachtung der eine, Dauerbeobachter der andere. Nur walzt der Choreograf Toms Coming-Out am Bartresen mit Regenbogen-Schälchen und Bondage-Spielchen allzu klischeehaft aus. Gegen soviel Zeigestolz kommt auch Kaschemmenverruchtheit à la Jean Genet nicht an.

Stramm sitzt dagegen das Gesellschaftsgerüst, wenn Tom dem Broterwerb in der Schuhfabrik nachgehen muss oder Laura durchs Schreibmaschinen-Examen fällt. Im zackigen Spitzenschuhstakkato rattert die Lehrerin das Diktat herunter, während die unbeholfene Schülerin vor dem Zehnfingersystem in die Knie geht.

Neumeiers Bewegungssprache arbeitet nicht nur an dieser Stelle mit schnörkelloser Genauigkeit. Selten sieht man Tänzer derart scharfzüngig durch ihre Körper sprechen, selten mit so fein schraffierten Charakteren spielen. Selbst Hände, die vermeintlich dasselbe tun, berühren hier ganz unterschiedliche Sphären. Schiebt Tom die Handflächen nach vorne, ertastet er scheinbar endlose Wände, unsichtbare Mauern, die sein Daseinsgefängnis begrenzen. Die mütterlichen Hände steigen dagegen bogenförmig empor, während der Blick stier am Himmel klebt: Wo soll hier noch Zuversicht keimen? Und Lauras Finger knoten Schicksalsgeflechte, aber sie fassen kein Vertrauen, halten nichts fest. Unvergesslich bleibt, wie das Mädchen die Scheu vor Jim überwindet und zuletzt doch den Stich ins Herz empfängt. Alina Cojocaru macht das Theater zum Leben und die Kunst zur Wirklichkeit. Unter den Tänzerinnen, die John Neumeier im Lauf seiner langen Karriere beflügelt haben, ist sie ohne Zweifel so etwas wie die Muse der Menschlichkeit.

Zu den Klängen von Charles Ives' "The Unanswered Question" dämmert das Bühnenlicht über Neumeiers "Glasmenagerie", zwei Stunden später versinkt sie mit derselben Musik im Dunkeln. Laura löscht die letzte Kerze, Tom sieht ihr aus weiter Ferne zu. Als Zuschauer ist man beiden sehr nah gekommen.