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Umbau des Suhrkamp-Verlages:Lesen und lesen lassen

Seit dem Tod des Verlegers Unseld vor einem Jahr macht sein Suhrkamp-Verlag mehr durch Pannen als durch sein Programm auf sich aufmerksam. Nun soll Unselds Witwe in die Geschäftsführung aufrücken. Erwartet worden war eine solche Wendung, vorgesehen war sie nicht. Von Thomas Steinfeld

Wer in der vergangenen Woche die Feier in der Paulskirche erlebte, in der sich Verleger, Schriftsteller, Kritiker und die Stadt Frankfurt von Siegfried Unseld verabschiedeten, weiß, dass sein Verlag vor Schwierigkeiten steht. Suhrkamps großer Stand auf der Messe stand verwaist, zwei junge Frauen passten auf ihn auf, die Belegschaft gedachte im runden Saal ihres vor fast einem Jahr verstorbenen Chefs: Alle Energien schienen sich auf die Vergangenheit zu konzentrieren, für den Alltag, für das Geschäft war keine Kraft mehr da.

Die "edition suhrkamp" mit ihren Regenbogenfarben gilt Lesern als Bildungsgrundlage und als Rüstzeug für Diskussionen. Vor 40 Jahren, am 2. Mai 1963, erschienen die ersten 20 Bände der Edition.

(Foto: Foto: dpa)

Am Ende der Veranstaltung trat Ulla Berkéwicz nach vorne, mit weißem Gesicht und wallendem Schwarz. Sie war die Witwe, in ihr sollte sich das Gedenken konzentrieren - um dann, gestärkt durch eine gemeinsame Verpflichtung auf den Toten, neues Leben zu inspirieren. Aber wurden diese Hoffnungen eingelöst?

Wenig Verständnis hatte die Presse für die literarische Totenmesse mit ihren tausend geladenen Gästen. Zu rückwärts gewandt erschien ihr dieses Verlagsprogramm, und hinter dem Auftritt der Witwe ahnte sie eine Ankündigung: den baldigen Eintritt von Ulla Berkéwicz in die Geschäftsführung des Verlags. Verstärkt wurde dieser Eindruck dadurch, dass Günter Berg, der verlegerische Geschäftsführer des Verlags, nicht auf die Rednertribüne trat.

Diese Erwartungen werden nun bestätigt. Noch auf der Buchmesse hieß es im Verlag, in offener Illoyalität gegenüber dem eigenen Geschäftsführer, Günter Berg verfüge nicht über das Charisma von Siegfried Unseld, ja, er könne gar nicht darüber verfügen, weil er bloß ein Angestellter sei.

Die Schauspielerin und Schriftstellerin Ulla Berkéwicz hingegen besitze nicht nur dieses Charisma, sondern verwalte auch den größten Teil der Geschäftsanteile. Deshalb hoffe man nun, dass Siegfried Unseld durch Ulla Berkéwicz ersetzt werde. Am Dienstag dieser Woche beschloss die Gesellschafterversammlung des Verlags, die Geschäftsführung um zwei Personen zu erweitern: um Rainer Weiß, den langjährigen Leiter des literarischen Programms, und um Ulla Berkéwicz, die als Sprecherin der Geschäftsführung fungieren soll. Im Verlag liegt die Versendeliste für die Pressemitteilung schon bereit.

Erwartet wurde eine solche Wendung der Verlagsgeschicke schon, vorgesehen war sie nicht. Denn Siegfried Unseld hatte in seinen letzten Jahren eine komplizierte Konstruktion geschaffen, die sein intellektuelles und finanzielles Erbe sichern sollte, auf dass dieser Verlag, der ein halbes Jahrhundert lang die Heimat nicht nur der kritischen, sondern auch der ästhetisch anspruchsvollen Bundesrepublik gewesen war, gelassen in ein sechstes, siebtes, achtes Jahrzehnt gehen könne.

Im Kern sah diese Konstruktion die Einrichtung einer Stiftung und die strikte Trennung der Exekutive von der Legislative vor: Ein verlegerischer Geschäftsführer sollte sich um den Verlagsbetrieb im engeren Sinne kümmern. Ihm zur Seite gestellt wurde ein Stiftungsrat aus den verdientesten Köpfen des Landes, der wie ein Lenkungsausschuss funktionieren sollte: Seine Aufgabe sollte es sein, auf die Kontinuität des Verlags zu achten, die großen programmatischen Entscheidungen zu treffen, dem Unternehmen die Richtung zu weisen, Vorschläge zu machen, für intellektuellen Reichtum zu sorgen.

Jürgen Habermas gehört diesem Rat an und Hans Magnus Enzensberger, Adolf Muschg, Wolf Singer und Alexander Kluge. Den Vorsitz in diesem Gremium führt die Witwe - nach dem Willen des Erblassers hätte sie ihren Platz in der Legislative finden sollen.

Funktioniert hat diese Konstruktion nicht. Dieses eine Jahr ohne Siegfried Unseld war, einem attraktiven Programm zum Trotz, von Pannen überschattet, die jede für sich vielleicht ein kleines oder mittleres, aber letztlich vergängliches Unglück darstellt, in der Gesamtheit aber den Eindruck erweckt, es fehle im Suhrkamp Verlag an einem Management, das große Entscheidungen zu fällen und zu tragen bereit ist.

Angefangen hatte diese Serie mit der Auseinandersetzung um den angeblichen Antisemitismus in Martin Walsers "Tod eines Kritikers". Eine Woche zögerte der Verlag, bevor er sich dann doch entschied, das Buch zu veröffentlichen. Die Reihe setzte sich in diesem Sommer fort im Skandal um das Buch "Nach dem Terror" des britischen Philosophen Ted Honderich, das Jürgen Habermas seinem Verlag empfohlen hatte: Hier werde Verständnis für palästinensische Selbstmordattentäter gezeigt, lautete die Kritik, in deren Folge das schon ausgelieferte Werk aus den Buchhandlungen zurückgezogen wurde.

Arno Münsters Biographie von Ernst Bloch wurde zwar angekündigt und gesetzt, aber nach einem Streit mit dem Autor nicht gedruckt. Und die große Biographie zum 100. Geburtstag von Theodor W. Adorno, einem der intellektuellen Pfeiler des Suhrkamp Verlags, erwies sich nicht erst beim zweiten Hinsehen als eine Materialsammlung, die zu keiner literarischen Form gefunden hatte.

In all diesen Fällen versagten die Sicherungen, die Siegfried Unseld mit der Einrichtung von Gewaltenteilung und Stiftungsrat eingesetzt zu haben glaubte - ja, schlimmer noch: Ausgerechnet die Hauptsicherung erwies sich als mächtiger Agent der Unsicherheit.

Wenn Ulla Berkéwicz nun Sprecherin der Geschäftsführung wird, geschieht etwas, das unmöglich wäre, handelte es sich bei diesem Verlag um ein normales Unternehmen: Die Witwe säße gleichzeitig in Vorstand und Aufsichtsrat der Firma. Darüber hinaus ist sie Mehrheitsgesellschafterin der Holding, die den Verlagen übergeordnet ist - eine solche Anhäufung von Macht wäre in einer Aktiengesellschaft ausgeschlossen.

Der Stiftungsrat aber wird in Zukunft weniger zu sagen haben, und wenn er sich im November das nächste Mal trifft, wird er nur noch abnicken können, was anderswo entschieden wurde.

Er wird sich dann fragen müssen, warum es ihn eigentlich gibt. Auch Günter Berg, der jetzige verlegerische Geschäftsführer, müsste sich mit formell beschränkten Kompetenzen abfinden, was um so schmählicher wäre, da er keinen erkennbaren Fehler gemacht hat.

Im Gegenteil: Er hat es in den vergangenen Wochen und Monaten wahrlich nicht an Energie und unternehmerischer Kompetenz fehlen lassen - nur war die Konstruktion so beschaffen, dass jede seiner Entscheidungen an der nächsten Ecke umgeworfen werden konnte. So viel Unsicherheit, so viel Willkür kann es wohl in Zukunft nicht mehr geben, wenn die vier wichtigsten Akteure im Ringen um Suhrkamp gezwungen sein werden, an einem Tisch zu sitzen und am Ende einen Beschluss zu fällen.

Nur: ob Ulla Berkéwicz in der Lage ist, einen Verlag zu führen, wird man erst wissen, wenn es für eine andere Entscheidung längst zu spät sein wird.

Für Probezeiten und Bewährungsfristen gibt es keine Zeit mehr. Längst hat die ökonomische Krise auch diesen Verlag eingeholt, und hätten Elke Heidenreich und Joschka Fischer nicht den Roman "Der Schatten des Windes" von Carlos Ruiz Zafón so gelobt, hätte der Verlag seit einem Jahr kein Buch mehr unter den ersten zwanzig Titeln auf der Bestsellerliste platzieren können. Bei einem Umsatz von 45 Millionen Euro bezahlt der Suhrkamp Verlag hundertvierzig Angestellte - viel zu viele, um damit in erster Linie das Gedenken an Siegfried Unseld zu pflegen.