Üble Nachrede:Augen auf und durch

Üble Nachrede: Lesley M. M. Blume: Und alle benehmen sich daneben. Wie Hemingway seine Legende erschuf. Aus dem Englischen von Jochen Stremmel. dtv, München 2017. 512 Seiten, 24 Euro. E-Book 20,99 Euro.

Lesley M. M. Blume: Und alle benehmen sich daneben. Wie Hemingway seine Legende erschuf. Aus dem Englischen von Jochen Stremmel. dtv, München 2017. 512 Seiten, 24 Euro. E-Book 20,99 Euro.

Rücksichtslos: Lesley M. M. Blume berichtet, wie Ernest Hemingway sein Leben im Paris der Zwanzigerjahre in den Roman "Fiesta" verwandelte.

Von Frauke Meyer-Gosau

Als Ernest Hemingways erster Roman "The Sun Also Rises" (deutsch "Fiesta") 1926 mit Aplomb in New York erschien, hatten etliche Leute in Europa und den USA guten Grund, sich düpiert zu fühlen. Kaum verborgen unter durchsichtigen Pseudonymen und für Eingeweihte leicht erkennbar, wurden hier diejenigen vorgeführt, die mit dem vormaligen Reporter des Toronto Star zu Beginn der 1920er Jahre in den Pariser Cafés zusammengesessen, getrunken, wie er vom Schriftsteller-ruhm oder, im Falle der Damen, von einer lukrativen Heirat geträumt hatten.

Nicht minder konnte sich eine Handvoll berühmter Zeitgenossen gekränkt fühlen. Hemingways Förderer Sherwood Anderson etwa, der den jungen Autor mit Kontakten und Empfehlungsschreiben für die Pariser Literatenszene ausgestattet hatte und am Ende mit einer bösen Satire beleidigt wurde. Gertrude Stein, die mit dem jungen Mann dessen Texte durcharbeitete und zusammen mit ihrer Lebenspartnerin Alice B. Toklas sogar Patin des ältesten Sohnes von Hadley und Ernest Hemingway geworden war, wurde ebenfalls verstoßen. Wie auch Ezra Pound, der sich neben Stein als Hemingways Mentor betätigt hatte, oder Ford Maddox Ford, der ihm Publikationsmöglichkeiten verschaffte, und Dorothy Parker, die für ihn in New York die Werbetrommel rührte, was ihr ein hässliches Spottgedicht eintrug. Dass auch F. Scott Fitzgerald, der sich wie sie alle als engen Freund Hemingways sah und ihm den Weg zu seinem angesehenen Verlag Scribner gebahnt hatte, nicht ungeschoren davonkam, wird danach nicht verwundern.

Ernest Hemingway besaß offenbar eine überwältigende Fähigkeit, Freundschaften zu schließen und Unterstützer zu gewinnen - und es machte ihm Spaß, sie hernach in der literarischen Öffentlichkeit dem Gelächter preiszugeben. Allesamt hatten sie ihm geholfen, vom begabten Journalisten zu einem Autor zu werden, dessen extrem reduzierter Stil, dessen Direktheit in der Darstellung menschlicher Beziehungen ihn zur Stimme der desillusionierten jungen Generation nach dem 1. Weltkrieg prädestinierte. Das Roman-Motto von der "lost generation" stammte von Gertrude Stein. Die anderen Freunde aus den Kneipen am Montparnasse aber, die ihm zweimal nach Pamplona zum Stierkampf gefolgt waren, lieferten ihm das lebende Material für die Roman-Figuren und ihre Geschichten.

Detailreich und manchmal auch leicht verklatscht rekonstruiert die amerikanische Journalistin und Romanautorin Lesley M. M. Blume in ihrem Buch "Und alle benehmen sich daneben", wie die amerikanische Literatur Anfang der zwanziger Jahre von Paris aus zu einem neuen Ton, einer neuen Sprache und Erzählweise fand. Dabei geht der deutsche Untertitel ziemlich kräftig an der Sache vorbei - das amerikanische Original trifft es mit der Formulierung "Die wahre Geschichte hinter Hemingways Meisterwerk 'The Sun Also Rises'" dagegen genau: Nicht die Hemingway-Legende und ihre Entstehung sind das Thema, sondern die Geburt eines Schriftstellers aus beharrlich eigensinniger Arbeit, zu der ganz wesentlich eben auch die zielbewusste Beziehungs-Arbeit gehörte (sowie, nicht zu vergessen, das Vermögen seiner Ehefrau).

"Daneben" benahmen sich im Pariser Freundeskreis Ernest Hemingways übrigens tatsächlich so ziemlich alle. Der Ausdruck bedeutete nichts anderes, als sturzbetrunken einigermaßen verrückte Dinge zu tun (wie Hemingways Bewunderer Harold Loeb, der in Pamplona einem Stier auf den Kopf sprang und, an dessen Hörner geklammert, unter dem Jubel des Publikums quer durch die Arena ritt; in der Charakterisierung von Loeb, der im Roman "Robert Cohn" heißt, ließ Hemingway dann seinem Antisemitismus freien Lauf).

Da alle miteinander regelmäßig zu viel tranken, kam es immer wieder zu bizarren Ereignissen und persönlichen Dramen. Nur einer, der an all dem, nicht selten als treibende Kraft, beteiligt gewesen war, konnte daraus die scharf umrissenen Profile der verzweifelt halt- und ziellosen Nachkriegsgeneration entwickeln, Ernest Hemingway auf seinem Weg zum Weltautor.

Ein mitunter vergnügliches, manchmal Staunen machendes, dann aber auch wieder in Einzelheiten sehr verliebtes und in der Übersetzung zudem störend am amerikanischen Sprachduktus klebendes Buch ist das. Literatur- wie Paris-Begeisterten wird es nicht nur überraschende Aufschlüsse geben, sondern auch Spaß machen. Den Hemingway-Fans schließlich erspart es dankenswerterweise auch die eher unbekömmlichen Seiten ihres Idols nicht.

© SZ vom 08.07.2017
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