TV-Serien in den USA Was sie alles über Sex wissen wollen

Das amerikanische Fernsehen schafft den Anschluss an die Jugendkultur: Während die Regierung Bush strikte Enthaltsamkeit vor der Ehe predigt, geht es in US-Serien vermehrt um das Gegenteil.

Von Leif Kramp

Nackte Tatsachen sind im amerikanischen Fernsehen viel verrufener als nackte Gewalt. Geredet wird dagegen umso lieber und ausführlicher über das bunte Feld der körperlichen Liebe. "Sex and the City" war dafür ein gutes Beispiel.

Schnöselige Teenager: Leighton Meester und Ed Westwick in "Gossip Girl".

(Foto: Screenshot: sueddeutsche.de)

Der Ton, in dem über die sündigen Details geplaudert wird, hat sich allerdings verändert: "Pushing Daisies", eine Serie des Senders ABC, sprengt mit naiver Koketterie und einer farbenfrohen Bilderwelt die bewährten Konventionen.

"Pushing Daisies" heißt so viel wie ins Gras beißen, die Radieschen von unten anschauen. Der Held dieses Serien-Märchens, ein Kuchenbäcker, vermag Tote mit einer leichten Berührung zum Leben zu erwecken, mit einer zweiten jedoch ebenso schnell zurück ins Jenseits zu befördern - dann die Ewigkeit.

Was auf den ersten Blick schwarzhumorig erscheint, ist auf dem Bildschirm laut zahlloser euphorischer Zuschauerkommentare "cute", "adorable" und "amazing", also einfach herzerweichend. Die Begeisterung gilt einer eigenwilligen Art von Traumpaar: Kuchenbäcker Ned feiert mit Ende zwanzig ein Wiedersehen mit seiner Kinderliebe Chuck, nur leider ist sie ermordet worden. Er schenkt ihr das Leben und muss fortan mit dem kleinen Problem zurechtkommen, sie nie wieder berühren zu dürfen, sonst wäre sie für immer verloren.

Eigentlich geht es um Mord

Oberflächlich handelt jede Episode von skurrilen Gewalttaten und der Suche nach dem jeweiligen Mörder. Der kann praktischerweise meist durch kurze Reanimation der Toten identifiziert werden. Doch eigentlich wartet ein Millionenpublikum allwöchentlich darauf, welche findigen Ideen sich die Liebenden einfallen lassen, um sich ihre Zuneigung zu bekunden. Mal küssen sie sich durch Frischhaltefolie, mal tanzen sie in Imkertracht oder benutzen Puppen als Stellvertreter.

Für manchen Zuschauer ist das Romantik pur. Bei Leserumfragen zählten die Hauptdarsteller Lee Pace und Anna Friel zu den beliebtesten Fernsehpaaren. Der Grund, das meint zumindest ein Zuschauer namens Paul: "Sie werfen sich nicht gleich bei der ersten Gelegenheit aufeinander, sondern müssen sich zurückhalten, um glücklich zu sein."

Sex würde alles nur kaputtmachen - die Handlung wirkt wie eine Variante der Enthaltsamkeitsdebatte in amerikanischen Klassenzimmern. Unbeabsichtigt, beteuert der 38-jährige Bryan Fuller, der "Pushing Daisies" erfunden und auch produziert hat. Trotzdem fällt die Ausstrahlung in eine Zeit, in der in den USA gegensätzliche Werteauffassungen über Sex diskutiert werden wie lange nicht mehr. Die Bush-Regierung fördert Lehrprogramme, die strikte Enthaltsamkeit vor der Ehe idealisieren. Trotzdem interessieren sich die Teenager sehr bald nur noch für das eine: den ersten Sex.

Aufgeklärt

Das Ergebnis der verordneten Moral, mit der sie aufwachsen: Nur ein Bruchteil der amerikanischen Jugendlichen ist ausreichend aufgeklärt. Vor allem das Fernsehen steht in der Kritik. "Immer weniger Teenager bekommen in Form von schulischer Sexualerziehung Antworten auf ihre Fragen. Gerade weil Jugendliche unverändert viel vor dem Fernseher sitzen, haben die Sender die Pflicht, jugendlichen Zuschauern auf realistischere Weise als bisher Sex und die daraus folgenden Konsequenzen aufzuzeigen", sagt Rana Barar. Sie will an der Rutgers University/New Jersey mit dem Internetportal sexetc.org Jugendliche anregen, Erfahrungen auszutauschen.

Leslee Unruh, Gründerin und Präsidentin der weltweiten Organisation Abstinence Clearinghouse, erkennt dagegen in Fernsehstoffen wie "Pushing Daisies" eine subtile Wirtschaftsstrategie. "Eine solche Serie", glaubt sie, "will Teenager förmlich zum Sex animieren." Die Pharmaindustrie wolle doch alle ihre Kondome und Antibabypillen verkaufen. Folglich drehe sich im Fernsehen alles nur noch um Sex.

Tatsächlich fragen sich die jugendlichen "Pushing-Daisies"-Fans im Internet, ob sich das platonische Serien-Liebespaar nicht vielleicht doch schon versehentlich (und folgenlos) berührt hat - ob es also am Ende einen Ausweg aus der sexuellen Misere geben könnte?

Und während Sender und Abstinenzgruppen gleichermaßen ihre Etats für Internetmarketing aufstocken, kursieren im Netz noch mehr Gerüchte: Sind die Darsteller vielleicht im realen Leben ein Liebespaar? Wieso küssen sie sich bei öffentlichen Auftritten so häufig? Oder ist das nur ein Werbegag? Schon wird spekuliert, wie lange die Story mit dem Prinzip Alles-außer-Sex spannend bleiben kann.

Delikat

Ähnlich delikate Fragen quälen auch die Zuschauer von "Gossip Girl". Dabei lebt die Serie im Network The CW vom genauen Gegenteil eines Märchens. Gossip-Girl-Schöpfer Josh Schwartz, 31, porträtiert auf Basis der Jugendbuchreihe von Cecily von Ziegesar den Alltag schnöseliger Teenager von der Upper East Side Manhattans. Sex ist da nur ein Laster unter vielen und in erster Linie Mittel zum Zweck. Referiert wird das verdorbene Potpourri vom tratschenden Gossip Girl, das um jede Schandtat weiß, die sich Teenager antun, wenn Liebe oder Berechnung im Spiel ist. Es wird gesimst, gechattet und gepostet, als sei Häppchenkommunikation die Regel.

Auch abseits der wöchentlichen Sendezeit bloggt "Gossip Girl" eifrig auf der Website des Senders weiter, als gäbe es sie tatsächlich: Die Erzählerin (über deren Identität beim Publikum viel spekuliert wird) tuschelt über neueste Sex-Gerüchte, warnt aber ebenso vor ungewollten Teenager-Schwangerschaften. Dabei gibt sie sich verantwortungsbewusst und verweist auf Beratungsstellen.

Immer öfter werden neue Serien werbefrei im Internet konsumiert. Beim Anbieter iTunes von Apple führte "Gossip Girl" lange Zeit die Download-Hitliste an, während die Einschaltquoten des Senders fielen. Die Programmverantwortlichen stellte das vor die Frage, ob sich eine zweite Staffel überhaupt lohnen würde. Denn noch fehlen gewinnbringende Online-Vermarktungskonzepte. So hat das Fernsehen zwar inhaltlich, aber nicht strukturell den Anschluss an die Jugendkultur gefunden.

In Deutschland sind "Pushing Daisies" und "Gossip Girl" voraussichtlich von Herbst an bei Pro Sieben zu sehen.