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TV-Nachtkritik: "NDR Talk Show":Raus aus den Eingeweiden

Man sollte viel öfter Talkshows abseits von "Beckmann" und "Kerner" sehen: Beim NDR kommt es sogar vor, dass Moderatoren richtige Fragen stellen - und Helge Schneider aufdreht.

Ruth Schneeberger

Man ist ja regelrecht entwöhnt. Von Deutschlands obersten Talkshowmastern hat man gelernt, wie Abendunterhaltung auszusehen hat: Entweder, der Moderator stellt ausschließlich vorgefertigte Fragen, schert sich einen feuchten Kehricht darum, ob und von wem sie beantwortet werden und ist ansonsten darauf aus, möglichst gut beleuchtet zu werden.

Helge Schneider, NDR

Entspannt: Helge Schneider bei der "NDR Talk Show".

(Foto: Foto: NDR)

Oder er verkriecht sich so tief in die Eingeweide der Befragten, dass man Angst hat, er würde nie wieder herausfinden. Und dabei sprechen wir nur von den öffentlich-rechtlich legitimierten Sendungen.

Dann aber gibt es noch diese kleine feine Talkshow im NDR, die trotz oder gerade wegen ihres abseitigen Sendeplatzes und trotz oder wegen ihres für das Fernsehen geradezu greisenhaften Alters (29 Jahre) immer heiter weiter macht und trotzdem nicht schlechter wird. Zeit also, sich im hohen Norden nach dem Erfolgsrezept einer Gattung umzusehen, die hoch im Kurs und doch so sehr am Ende ist.

Die Gäste bei der "NDR Talk Show" am Freitag Abend: viele. Nicht alle vielversprechend, aber alle haben gleich viel zu sagen, sprich: gleiche Redezeit für alle. Von dem Konzept hätte sich Christiansen eine Westerwelle abschneiden können. Da sind die Moderatoren noch gefordert, wenn der langweiligste Talkshow-Gast der Welt, beispielsweise eine NDR-Mitarbeiterin, zehn Minuten lang Spannendes aus ihrem unspannenden Job berichten soll.

Talk als Gespräch übersetzt

Dazu ein aktueller Gast (Paul Kuhn zu seinem 80. Geburtstag), ein Gast, den man lange nicht mehr gesehen hat (Esther Schweins), ein Neuzugang im TV-Geschäft (Schuldnerberater Peter Zwegat), was Hübsches für die Damen (Schauspieler und "Mann des Jahres 2007" Kostja Ullmann), was Hübsches für die Herren (Moderatorin Barbara Schöneberger an der Seite von Moderator Hubertus Meyer-Burckhardt), eine Politikerin (Hamburgs Grünen-Chefin Christa Goetsch), eine Autorin (Sandra Lüpkes, hat ein Buch über Trennung geschrieben, geht immer) und ein Spaßmacher (Helge Schneider, hat auch ein neues Buch geschrieben) - und schon steht das Konzept für zwei Stunden Talk, was hier noch getrost mit Gespräch übersetzt werden darf.

Denn man reibt sich verwundert die Augen, und das nicht wegen vorgerückter Stunde: Die Gäste erzählen, und die Moderatoren stellen Fragen, die dazu passen. Das gelingt Meyer-Burckhardt nicht immer so gewitzt wie Kollegin Schöneberger, aber das scheint zumindest das Konzept der Sendung zu sein.

Fragen werden im Gespräch umformuliert, man scheint sich auf die Interviewpartner einzustellen, wenn nicht gar für sie zu interessieren. Und man mag es kaum glauben, aber diese altmodische, völlig aus der Mode geratene Gesprächsweise geht auf: Wird ein Gast langweilig, versuchen die Moderatoren ihn anzuspornen, und wenn auch das nicht hilft, dann ist das eben so.

Und diese Gesprächsführung hat immerhin in der Geschichte der "NDR Talk Show" dafür gesorgt, dass ein Pornostar seinen Busen entblößte, Klaus Kinski der Moderatorin an die Wäsche ging und Kulenkampff Geißler beleidigte.

So kommt es also auch diesmal vor, dass man sich während der zwei Stunden durchaus mal langweilt. Aber das ist immer noch besser, als anderswo Dieter Bohlens Fäkalsprach-Entgleisungen zu zählen oder Nina Hagen bei ihrer Verwandlung zur Außerirdischen zuzusehen. So was braucht's hier nämlich nicht.

Junge Mutter und Farmersfrau

Stattdessen erzählt Christa Goetsch davon, wie es sich anfühlt, nicht mit Ole von Beust zu telefonieren, Sandra Lüpkes, warum es besser ist, sich schnell zu trennen, als vier Jahre lang den falschen Partner beim morgendlichen Müslischlabbern verachten zu müssen.

Paul Kuhn stellt klar, dass er sich nie von Harald Juhnke zum Alkoholmissbrauch überreden ließ. Kostja Ullmann berichtet, wie es ist, Mann des Jahres zu sein und gleichzeitig beim Bierholen seinen Ausweis vorzeigen zu müssen. Peter Zwegat erklärt, dass manche Verschuldeten ihre finanziellen Versäumnisse deshalb ins Fernsehen tragen, weil kein anderer Schuldnerberater Zeit für sie hat.

Esther Schweins sieht aus wie eine sehr stolze Mischung aus Desperate Housewife Bree und Grace Kelly und erzählt von ihrem neuen Leben als junge Mutter und Farmersfrau auf Mallorca - und Helge Schneider, ja Helge Schneider: Er drückt sich, wie bei fast allen Interviews, erst mal darum, lustig sein zu müssen. Daran kann auch Meyer-Burckhardt mit noch so unlustigen Fragen nichts ausrichten.

Aber dann steigt er doch noch in den Ring und spielt zum Schluss mit einem Kinder-Saxophon und ein bisschen Jazz bei einem gemeinsamen Auftritt die Pianisten-Legende Paul Kuhn an die Wand. Das muss man erst mal schaffen. Als Musiker und als Talkshow.

Sollen die anderen doch reihenweise ihre Gäste wahlweise rauswerfen oder ehelichen - es geht doch nichts über ein bisschen gepflegte Unterhaltung, selbst bei einer Talkshow.

© sueddeutsche.de/gal
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