TV Hugo, mein Hugo

Herr Balder ("Genial daneben") heißt Egon und erfindet sich immer wieder neu. Nun ist er wichtigster Sat1-Mann.

Von Von Hans Hoff

Hugo hustet. Hugo trägt einen dicken Schal. Hugo ist erkältet. Mitten im Gespräch holt er die Nasentropfen hervor und sprüht sich die Schleimhäute frei. Hugo braucht Luft. Er erzählt viel. Von seinen frühen Tagen am Berliner Schillertheater. Von seiner Zeit bei Radio Luxemburg, RTL, Neun Live und bei Sat1.

Die Auszeichnungen häufen sich: Hugo Egon Balder (m.), Bernhard Hoecker (l.) und Hella von Sinnen (r.) erhalten den Deutschen Fernsehpreis für ihre Sendung "Genial daneben".

(Foto: Foto: ddp)

Bei dem Berliner Privatsender Sat1 hat er einen Exklusivvertrag bis Ende 2006, und als zweitältester Moderator des Privatfernsehens stellt er dort bald die Hälfte des erfolgreichen Programms. Zweimal die Woche läuft mit guten Einschaltquoten und Kritiken die Rateshow Genial daneben, für die er gerade den Deutschen Fernsehpreis bekommen hat.

Hugo hilft gegen das Anke-Desaster

Auch seine Hit-Giganten bringen dem nach dem Ange-Engelke-Nachtdesaster ins Gerede geratenen TV-Kanal Meriten. Und von 11. Dezember an gibt es noch Taratata, ein aus Frankreich importiertes Musikprojekt. Balder produziert.

Hugo Egon Balder hat viel zu tun in diesen Tagen. Aufzeichnungen, Besprechungen, Schnitt-Tage. Talk-Auftritte bei Beckmann und Kerner. Man sieht ihm das an beim Treffen in einem Kölner Café. Vielleicht trägt er aber auch nur zu viel Schwarz. Er trägt immer Schwarz, was ihn so wirken lässt wie den "Leichenheini" geschimpften Beerdigungsunternehmer in den Lucky-Luke-Comics.

Solche Assoziationen bringen das Gespräch schon mal in eine leicht morbide Richtung. Man redet über Todesanzeigen und die Freude, die entsteht, wenn das Geburtsdatum der Verblichenen schön weit weg vom eigenen entfernt liegt. Wie Hugo Egon Balders Ende eintreten soll, daraus macht er kein Geheimnis.

"Titten sind mein Schicksal"

"Ich möchte mich totlachen, am besten live auf dem Sender", sagt der Mann, den seine Freundin Hella von Sinnen immer düsenjetlaut "Herrrrrr Baaaalllder" ruft.

Herr Balder ist 54 und längst raus aus der künstlich auf 49 Jahre limitierten Zielgruppe aller Privatsender. Hätte jemand vor zwei Jahren prognostiziert, ein Mitt-Fünfziger, der als Vorbild Hans Rosenthal (Dalli, Dalli) nennt, werde im Jahre 2004 zum erfolgreichsten Showmaster von Satl avancieren, wäre ihm ohne Zweifel schnell therapeutischer Beistand empfohlen worden.

Warum also ist Balder erfolgreich? Vielleicht, weil er geistig einer der Jüngsten im Gewerbe ist. Er schert sich einen Dreck um das, was andere sagen. Es ist ihm egal, wie Menschen über ihn denken. Er ist nicht von der Krankheit befallen, die augenblicklich das Unterhaltungsfernsehen zersetzt: Er hat keine Angst.

Theater, Schlagersänger, vier Ehen und ein Judenstern im Nachlass

Das liegt daran, dass schon so ziemlich alle Schmähungen über ihm ausgeschüttet wurden. Balder ist abgehärtet. Als "magersüchtiges Frettchen" hat ihn seine Freundin Hella tituliert. Und nachdem er Tutti Frutti auf RTL beendete, jene legendäre Show mit Länderpunkten und leicht bekleideten Showgirls, war er für eine kleine Ewigkeit der Herr der Möpse.

"Titten sind mein Schicksal geworden. Gibt aber Schlimmeres", schreibt er in seiner Biografie Ich habe mich gewarnt, die vor einigen Wochen erschien und die seinen Lebensweg zeichnet. Die Mutter, die das KZ Theresienstadt überlebt hat und deren Judenstern Balder im Nachlass fand. Die Jugend in Berlin.

Sieben Jahre Schiller-Theater. Selbstversuche als Schlagersänger mit Liedern wie Elvira, hol' dein Strumpfband ab und Erna kommt. Vier Ehen. Buch, Fernsehen, Musik: Balder ist vielseitig und darin herausragend. In seiner Jugend hat er Schlagzeug gespielt und die Band BirthControl gegründet.

Der Musiker Balder trat zusammen mit Sammy Davis Jr. auf

Er hat Birth Control dann verlassen, bevor die Band Gamma Ray rockte und der Erfolg kam. Er hat Sammy Davis jr. als Drummer begleitet und später als Außenreporter für Radio Luxemburg live so ziemlich jeden bespielbaren Marktplatz mit irgendeinem Unsinn zugeschwallt.

Chef bei Radio Luxemburg war Frank Elstner, Erfinder von Wetten, dass...?, der seinen ehemaligen Angestellten heute noch mit der seit damals üblichen Floskel begrüßt: "Hugo, mein Hugo." Mit Harald Schmidt wiederum, dem Chefsatiriker des Fernsehens, hat Balder zwei Jahre im Düsseldorfer Kom(m)ödchen auf der Bühne gestanden und politisches Kabarett geprobt.

Ein besonderes Verhältnis mit Schmidt wurde das nicht. Als Balder nach Absetzung von Tutti Frutti nicht mehr auf Sendung konnte, weil sein Ruf jede neue Show vorab beschädigt hätte, bot ihm der damalige RTL-Programmdirektor Marc Conrad an, die Sendung RTL Samstagnacht zu entwickeln.

Und plötzlich verdiente er eine Million im Jahr

Als so genannter Executive Producer sollte er die Interessen des Senders in der Produktionsfirma wahren. Fast legendär wirkt, wie die Gehaltsgespräche geführt wurden. In einem Restaurant saßen Conrad, Balder und dessen damalige Frau Natascha. Balder hatte sich als Jahresgehalt 300.000 Mark erhofft, überließ aber seiner Gattin die Verhandlungen.

Und die konterte Conrads Frage nach den Gehaltsvorstellungen frech mit: "Eine Million Mark". Conrad sagte sofort zu. "Damals schwelgten die alle noch in Geld", sagt Balder: "Mit dem Geld, das wir für fünf nie gesendete Piloten ausgegeben haben, könnte ich 20 Jahre 'Genial daneben' machen."

Dann aber verließ Patron Helmut Thoma das familiär-kreative Irrenhaus, und RTL wurde ein normaler Bertelsmann-Betrieb.

Keith Richards fürs Fernsehen

Als sich abzeichnete, dass der Boom im Privat-TV nur noch eine Halbwertszeit von ein paar Monaten haben würde und nachdem er die Freitag Nacht News mit angeschoben hatte, stieg Balder aus und zeugte zwei Kinder.

Dass das mit der Abstinenz nicht lange gut gehen konnte, war allen klar, die ihn kannten, ihn, den bekennenden Kasper, der sich selbst "behandlungswürdigen Egoismus" attestiert. "Es war ein bisschen langweilig auf die Dauer, und ich bin meiner Frau auf den Keks gegangen."

Irgendwann kam ein Angebot der Sendersimulation Neun Live, die mit Gewinnspielen die Zuschauer zum teuren Telefonieren bewegen will. Ob Balder wohl etwas moderieren wolle? Er wollte. "Das hat sowieso keiner gesehen und ich konnte schön üben."

Der unverkäufliche Hit

Geübt hat er da vielleicht schon für Genial daneben, eine Idee, die er unter dem Arbeitstitel "Die schlaue Stunde" mit seinen RTL-Samstagnacht-Freunden Conrad und Jacky Dreksler entwickelt hatte. Jahrelang war das Konzept - Gäste reagieren spontan auf unmögliche Zuschauerfragen - in der auf Sicherheit bedachten Branche schwer zu verkaufen.

Aber Balders Herz hing daran. Und wenn sein Herz an etwas hängt, dann stellt sich etwas ein, das in diesen Tagen selten ist: Passion. Dann ist ihm plötzlich alles gar nicht mehr so egal, dann verliert er seine betont aufgetragene Lässigkeit.

Dann kämpft er. Und weil Jürgen von der Lippe den Moderatoren-Job bei Genial daneben ablehnte, ist Balder dort zu sehen. Tutti Frutti ist Geschichte.

Reif fürs Museum

Jetzt hat Hugo Egon Balder wieder gekämpft. "Taratata ist für mich so ein Spaßding. Ich wollte das machen, und jetzt habe ich es gemacht. Ich habe da sogar eigenes Geld rein geschossen, weil der Sender nicht alles bezahlt. Und wenn es nichts wird, habe ich es wenigstens gemacht."

Nach der ersten Aufzeichnung der Show, in der sich Musiker begegnen und live zum Duett gebeten werden, saß er allein bis vier Uhr früh in seiner Küche und freute sich sprachlos, dass er es wieder mal geschafft hat. Wieder einen Traum erfüllt. Wieder Spaß gehabt. Es ist der Spaß, der Balders Leben bestimmt. Alles muss Spaß machen.

Aber er ist auch nicht so blöd zu glauben, der Erfolg ginge immer so weiter. Schon morgen könne er mit allem aufhören, einfach so. "Das kann ganz schnell gehen." Ach so? Vorher will Hugo Egon Balder noch ein paar Projekte anschieben. Im nächsten Jahr möchte er ein Musical schreiben, eines mit Comedians, in dem die genau das tun, was sie nicht können.

Sein Traum: Eine Talkshow für Besoffene

Und dann ist da noch sein Traum von einer besoffenen Nacht-Talkshow, Arbeitstitel "Der Klügere kippt nach". Promis sollen sich während einer dreistündigen Debatte über Gesundheitsreform und HartzIV alkoholtechnisch die Kante geben und ins freie Lallen kommen. Allerdings sieht Balder Probleme beim Casting: "Ich fürchte, da macht keiner mit."

Dass ihn ob solcher Ideen manche nicht ernst nehmen, stört ihn nicht. "Die Leute, die mich ernst nehmen sollen, nehmen mich ernst, und bei den anderen ist mir das wurscht." Dass ihn bei Sat1 derzeit alle lieb haben, macht ihn also misstrauisch. Er wertet das als "vielleicht schon wieder ersten Schritt nach unten".

Glück ist für ihn, wenn er machen darf, was er will: "Das ist alles ein großer Spaß, und ich kriege auch noch Geld dafür." Und zeigt jenes schalkhafte Grinsen, das an einen Rock-Star erinnert.

Die schockierende Wahrheit über seinen Namen

Und plötzlich ist die Parallele da. Was Keith Richards für die Rolling Stones ist, ist Hugo Egon Balder fürs Privatfernsehen. Beide hat man mehrfach totgesagt, beide sind immer noch da.

Plötzlich sind zwei Stunden verplaudert. Man kann das gut mit diesem vielfach unterschätzten Mann, der in Wahrheit nicht Hugo Egon heißt, sondern Egon Hugo. So steht es im Pass: Egon Hugo Balder; seine Mutter rief ihn immer Egon.

Eine Schallplattenfirma aber plädierte in den siebziger Jahren für den verdrehten Namen - das klänge besser. Die Schallplatten verstaubten im Regal, der Name blieb. Hugo hat immer noch Husten.