TV: Actionserie "24" Folter, Terror, Heldentaten

Die sechste Staffel der Echtzeitserie "24" bietet actiongeladene Unterhaltung. Der Wettlauf gegen die Zeit bleibt spannend, wirkt aber routiniert. Und ist manchmal erschreckend nah an der amerikanischen Wirklichkeit.

Von Anke Sterneborg

Der harte Kampf gegen den Terror hat auch bei dem Spezialagenten Jack Bauer sichtbare Spuren hinterlassen: Wenn er am Anfang der sechsten Staffel nach 18 Monaten Folterhaft in China in grauem Kittelhemd, mit Ketten an Händen und Füßen aus einem Flugzeug steigt, sind seine kantigen Züge von einem wuchernden Bart verdeckt und in seinem einst so entschlossenen Gesichtsausdruck nisten Erschöpfung und Resignation. Und obwohl er kurz darauf, nach Dusche und Rasur im weißen Hemd, schon fast wieder der Alte ist, wird er im Laufe der nächsten 24 Stunden immer wieder für Momente innehalten, als würde ihn die Erinnerung an all die erlebten und verursachten Gräuel in einen düsteren Sog ziehen.

Im Einsatz: Kiefer Sutherland als Spezialagent Jack Bauer.

(Foto: Screenshot: www.24tv.de)

Im Grunde möchte dieser Mann nur noch sterben, was natürlich im Dienst des Landes und der Serie nicht in Frage kommt.

Kaum eine Serie hat der Fernsehunterhaltung einen so heftigen Adrenalinstoß versetzt wie 24. Das hat nicht allein mit dem Echtzeitprinzip zu tun, das den von Kiefer Sutherland gespielten Agenten der Anti-Terror-Spezialeinheit CTU Folge für Folge eine weitere Stunde durch einen langen Staffel-Tag treibt.

Und es hat auch nicht nur damit zu tun, dass er in parallel laufenden Handlungssträngen unablässig zu unmöglichen Entscheidungen zwischen seinen Interessen und denen des Landes gezwungen ist.

Nein, entscheidender als alle Mechanismen halsbrecherischer Beschleunigung ist das brisante Verhältnis der fiktiven Serie zur politischen Realität im post-9/11-Amerika.

Die erste Staffel startete in den USA knapp zwei Monate nach den Anschlägen aufs World Trade Center und drehte sich noch vergleichsweise harmlos um einen geplanten Anschlag auf den schwarzen Präsidentschaftskandidaten.

Doch seitdem wurden die Terrorschrauben angezogen, Atombomben bedrohten die amerikanischen Metropolen, Koffer mit Atomsprengköpfen kursierten, ein Virencocktail verseuchte über die Ventilation ein Krankenhaus.

In der neuen Staffel, die erstmals nicht bei RTL 2, sondern von Montag an bei Pro Sieben in Doppelfolgen ausgestrahlt wird, ziehen die Terroristen ein engmaschiges Netz von Selbstmordanschlägen über das Land.

Wenn die Uhr um sechs Uhr morgens unerbittlich zu ticken beginnt, dann sind bereits elf Wochen vergangen, in denen die Amerikaner keine Straße, keinen Platz überqueren und keinen Bus, keine Schule, keine Shopping Mall betreten können, ohne die lebensbedrohliche Angst vor einer Bombenexplosion.

Auf raffinierte Weise treibt die von Joel Surnow und Robert Cochran konzipierte Serie das Spiel mit dem realen Klima der Angst weiter; dazu gehört die Diskussion um die Einschränkung der Persönlichkeitsrechte im Namen der Terrorprävention ebenso wie das Thema Folter.

Wenn in der neuen Staffel unter dem Druck des allgegenwärtigen Terrors aus unverdächtigen Büros und Wohnungen harmlose Menschen nur wegen ihrer Hautfarbe abgeführt, verhört und in Gefängnisse gebracht werden (die die Beraterin für nationale Sicherheit im Weißen Haus unverhohlen mit Konzentrationslagern gleichsetzt), wenn eine Bürgerwehr wie ein Lynchmob über einen braven Nachbarn herfällt, und wenn sich der einzige Bürger mit Zivilcourage unwissentlich für einen Terroristen stark macht, dann ist die Geschichte mitten im Pro und Contra der nationalen Sicherheit.

Wie empfindlich nah die Serie sich an der Wirklichkeit bewegt, kann man daran ablesen, dass nach den Skandalen um die Verletzung der Menschenrechte in Guantanamo und Abu Ghraib aus den Public-Relations-Abteilungen der Regierung schon mal die Bitte an die Serienmacher herangetragen wurde, Jack Bauer möge sich doch mit dem Foltern ein wenig zurückhalten.

Das Dilemma des in einer Grauzone zwischen Gesetz und Verbrechen agierenden Agenten besteht aber gerade darin, dass er es unablässig mit Verbrechern zu tun bekommt, denen mit legalen Mitteln nicht mehr beizukommen ist.

Nur weil er jederzeit bereit ist, Gesetz und Moral zu opfern, ist er überhaupt in der Lage, sein Land zu retten. Und wenn der geschundene Held am Anfang der sechsten Staffel selbst als Folteropfer gezeigt wird, dann lässt sich das als Buße für vergangene und Rechtfertigung für zukünftige Taten interpretieren.

Nach dem großen Lob für die fünfte Staffel musste die sechste in Amerika viel Kritik einstecken, vor allem weil die Dynamik von Gut und Böse, von Ahnung und Gewissheit, von Triumph und Niederlage vorhersehbar abschnurrt.

Darum wird derzeit fieberhaft an originellen Neuerungen für die durch den Autorenstreik verzögerte siebte Staffel gebastelt, in der Bauer seine brachialen Methoden erstmals vor einem amerikanischen Gericht verteidigen muss.

Das fragile Verhältnis zwischen Realität und Fiktion wird in Spannung bleiben: So gibt es Studien, die belegen, dass die Bereitschaft der Amerikaner, einen schwarzen Präsidenten in Erwägung zu ziehen, nicht unwesentlich durch die Serie beeinflusst wurde, in der sich David Palmer sehr viel souveräner durch die Stromschnellen der Politik bewegte als der amtierende weiße Präsident.

Man darf spekulieren, was es für Hillary Clinton bedeutet, dass in der siebten Staffel Cherry Jones als erste weibliche Präsidentin antritt.

24, Pro Sieben, montags, 22.10 Uhr.