Trauer um spanischen Schriftsteller Jorge Semprún ist tot

Er kämpfte gegen das Franco-Regime und die Nazis, überlebte das KZ Buchenwald und war spanischer Kulturminister: Mit dem Tod von Jorge Semprún hat Spanien einen seiner größten und engagiertesten Literaten verloren.

Der spanische Schriftsteller Jorge Semprún ist tot. Er starb am Dienstag im Alter von 87 Jahren in Paris, teilte das Kulturministerium in Madrid mit. Mit seinem Tod hat Spanien einen seiner größten Literaten und Intellektuellen verloren.

Der Schriftsteller Jorge Semprún ist im Alter von 87 Jahren in Paris gestorben.

(Foto: AFP)

Semprún, der 1994 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden war, stammte aus einer angesehenen Madrider Familie. Sein Großvater war spanischer Ministerpräsident, ein Onkel Innenminister. 1939 flüchtete er vor dem Franco-Regime nach Frankreich. Dort schloss er sich der Résistance gegen die Nazis an.

1943 wurde er von der Gestapo verhaftet und ins KZ Buchenwald verschleppt. Die Deportation in einem Viehwaggon und die Gefangenschaft arbeitete er in den Romanen "Die große Reise" (1963) und "Was für ein schöner Sonntag" (1980) literarisch auf. "Ich bin weder Schriftsteller noch Politiker. Ich bin nur ein Überlebender von Buchenwald", sagte Semprún einmal.

Trotz seiner Leiden im Konzentrationslager Buchenwald war Semprún zeitlebens ein Optimist. "Ich könnte stundenlang davon berichten, zu welchen Grausamkeiten der Mensch fähig ist", so der Autor. "Aber was soll's? Ich habe auch erlebt, wie ein Mann einem Mitgefangenen ein Stück Brot abgab, weil dieser schwächer war. Ich erzähle lieber von solchen Begebenheiten."

Semprún, von 1988 bis 1991 Kulturminister seines Landes, hatte dem Kommunismus vor Jahrzehnten abgeschworen, seinen rebellischen Charakter aber nicht abgelegt. "Wenn ich noch einmal 20 Jahre alt wäre, dächte ich nicht mehr an die kommunistische Revolution", sagte er. "Ich richtete im Internet einen Blog ein und verbreitete aufrührerische Ideen." Einem breiteren Publikum wurde Semprún auch als Drehbuchautor bekannt. Er schrieb die Drehbücher für Filme wie "Z" von Costas Gavras oder "Der Krieg ist aus" von Alain Resnais.

"Bist du überhaupt Spanier?"

Politisch engagierte er sich zunächst für die Kommunistische Partei Spaniens (PCE). Er organisierte unter dem Decknamen Federico Sánchez den Untergrundkampf gegen die Franco-Diktatur und stieg ins Zentralkomitee der Partei auf. 1964 wurde Semprún wegen Abweichens von der Parteilinie aus der PCE ausgeschlossen. Im Roman "Der zweite Tod des Ramón Mercader" rechnete er mit dem Kommunismus ab.

1988 nahm Spaniens sozialistischer Regierungschef Felipe González den Autoren als Kulturminister ins Kabinett auf. Der Literat sollte "frischen Wind" in die Regierung bringen. Aber schon bald geriet er mit dem Parteiapparat aneinander und verlor 1991 sein Ministeramt.

Semprún pendelte nicht nur zwischen Literatur und Politik, sondern auch zwischen den Ländern Spanien, Frankreich und Deutschland. Deutsch hatte er als Junge von seinen Kindermädchen gelernt. Seine Romane schrieb er überwiegend auf Französisch, da er wegen der Franco-Diktatur seine Werke lange Zeit nicht in Spanien veröffentlichen durfte. Den ersten Roman in seiner Muttersprache verfasste er erst, als er fast 80 Jahre alt war. Das Werk trägt den Titel "20 Jahre und ein Tag" und handelt von Semprúns Zeit im Untergrund.

Wegen seiner Vorliebe für das Französische hatte der Autor bei seiner Ernennung zum Kulturminister von Kabinettskollegen die Frage zu hören bekommen: "Bist du überhaupt Spanier?" Auf der Gegenseite musste er sich in Frankreich, als er 1995 in die Académie Française aufgenommen werden sollte, vorhalten lassen, einen spanischen Pass zu haben. Daraufhin zog Semprún seine Kandidatur zurück.