Theodor Wolff (XLVI) Auf dem einsamen Stern

SZ-Serie "Aufmacher" (XLVI): Theodor Wolff

Von KLAUS PODAK

Es war in den alten Zeiten, in denen es noch keine Journalistenschulen gab. Wie wurde da einer Journalist? Wie wurde da einer Chefredakteur des großen Berliner Tageblatts? Wie wurde also Theodor Wolff, dessen Name heute zu Recht den begehrtesten deutschen Journalistenpreis ziert? Da mussten Beziehungen, Glück, Fleiß, Talent, Neugier und ein aufrechter Charakter zusammenkommen, dazu ein klares Bewusstsein von Gerechtigkeit in der Politik. Weil das alles zusammenkam, konnte Theodor Wolff werden, wer er war. Und in ihm entstand ein gehöriges, nicht übertriebenes Selbstbewusstsein. Er meinte sicher nicht nur Politiker als er schrieb: "Darf man unter bürgerlichem und moralischem Mut die gegen herrschende Gewalten gerichtete Geste eines Tribunen verstehen, der seine Partei hinter sich weiß? Nein, den wahren Mut hat nur der, der allein steht und ganz allein, ohne auf den Applaus einer Anhängerschaft rechnen zu können, die Verantwortung für seine Handlungen und die Folgen trägt." Auch in einer Zeitung. Auch für eine Zeitung.

(Foto: SZ v. 20.10.2003)

Dabei wollte Theodor Wolff gar kein Journalist werden. Schreiben wollte er schon, tat es auch seit Schülerzeiten. Ein Dichter, Schriftsteller, Dramatiker wollte er werden, und er dichtete auch, schrieb Romane und Theaterstücke - und ließ davon nie ganz ab. Sein letzter Roman Die Schwimmerin. Ein Roman aus der Gegenwart wurde 1937 in Zürich verlegt. Da lebte er bereits im fünften Jahr in der Emigration. 1896, er war 28 Jahre alt, heißt es in dem Gedicht Lied: "Lass uns entfliehen dem Schwarm, / Sieh', ich öffne das Tor, / Und ich trag' dich auf meinem Arm / Tausend Meilen empor. // Dort in den Nebeln fern / Sterben die roten Feuer der Erden, / Auf dem einsamen Stern / Wollen wir selig werden." Gar nicht so übel, aber auch nicht richtig gut. Der Journalismus, die bescheidenere, durch Wirklichkeitsbezug härtere Form des Schreibens, erwies sich dann doch als das Richtige für ihn.

Sein Biograph Bernd Sösemann hat im Berliner Tageblatt vom 5. Dezember 1887 einen kurzen Text des 19-Jährigen gefunden, in dem Wolff sich mit Literatur beschäftigt, sehr keck. Es heißt da: "Die epische Dichtkunst steht beim Publikum gerade nicht in hoher Gunst. Daran tragen vielleicht die epischen Dichter die meiste Schuld, die epische ,Breite' hat bei ihnen für gewöhnlich schier unheimliche Ausdehnung. Wenn heutzutage Jemand recht viel Ueberflüssiges auf Lager hat, klingende Reime, abgestandene Bilder, Naturschilderungen mit Nachtigallengesang und andern nothwendigen Requisiten, so erfindet er rasch eine sogenannte ,Handlung' dazu und bäckt aus dem Ganzen ein ,Epos'.

Das will sich das Publikum auf die Dauer nicht gefallen lassen." Nach dieser Eröffnung nörgelt der Dichter Wolff in ein paar Zeilen an den Werken des heute vergessenen Epikers Schneideck herum, schließt dann versöhnlich mit der Bemerkung, dass "die große Begabung des Verfassers unverkennbar" sei. Es war die Zeit, in der Wolff noch keine Klarheit über den eigenen Weg gewonnen hatte. Sein Engagement für die Literatur aber überlebte, wie zum Beispiel im Fall des dänischen Dichters Jens Peter Jacobsen, dessen Roman Niels Lyhne heute noch als Reclamband mit einem Nachwort Wolffs zu haben ist.

Geboren wurde Theodor Wolff am 2. August 1868 in Berlin. Der Zufall Nummer eins seines Lebens war sein älterer Cousin Rudolf Mosse. Der hatte eine moderne, sehr erfolgreiche Anzeigenakquisition aufgebaut und sich eines Tages gesagt, es sei absurd, nur für andere Anzeigen zu besorgen. Wenn er selbst eine Zeitung hätte, dann könnte er diese Geldbringer, zum Teil wenigstens, doch gleich für sich selbst einsetzen. Das Ergebnis dieser Überlegung war das Berliner Tageblatt. Später kam eine erfolgreiche Druckerei hinzu.

Theodor Wolff begann eine kaufmännische Lehre im Zeitungshaus des Cousins und schrieb auch hin und wieder für das Blatt, meistens Kleinigkeiten im Feuilleton. Dann kam das Dreikaiserjahr 1888, und der von schwerer Krankheit gezeichnete Friedrich III. in Berlin an. Täglich sollte Wolff über den Zustand des 56-Jährigen berichten. Die Serie, die Wolff lieferte, wurde zu seinem ersten großen Erfolg. Nach dem Tod des Kaisers reiste der endgültig zum Journalisten gewordene Angestellte nach Skandinavien, nach Italien, kurz auch nach Tunis. Von allen Orten telegraphierte er Artikel in die Redaktion, als freier Mitarbeiter auf Honorarbasis.

Dann begegnete ihm der zweite große Zufall seines Lebens. Die Redaktion schickte ihn 1894 als Korrespondenten nach Paris. Es war das Jahr des Dreyfus-Prozesses mit der Verurteilung des Angeklagten, was zu einer ungeheuren Erregung der Öffentlichkeit führte. 1906 wurde Dreyfus freigesprochen und rehabilitiert. Alle diese Jahre über berichtete Wolff aus Paris. Das Berliner Tageblatt hatte die umfangreichste, durchdachteste Berichterstattung dieser die politische Stimmung aufwühlenden Justiz- und Staatsaktion. Wolff registrierte von Anfang an die antisemitischen Untertöne, und er beharrte, gegen die Meinung vieler anderer großer Blätter, auf der Unschuldsvermutung. Theodor Wolff wurde in diesen Jahren zum großen politischen Journalisten mit ethischen Überzeugungen, an denen er festhielt bis an sein Lebensende. Rudolf Mosse ernannte ihn 1906 zum Chefredakteur des Berliner Tageblatts. Wolff machte aus der Zeitung eines der stärksten Organe einer liberaldemokratischen Tradition. Berühmt wurden seine Leitartikel, die immer am Montag erschienen.

Er schrieb nicht nur, er gestaltete die innere Verfassung des Blatts nach ebenso festen Grundsätzen wie seine eigenen Artikel. Auf eine Umfrage der Literarischen Welt über die Organisation einer großen Tageszeitung antwortete er unter anderem so: "Das Ideal ist, viele verschiedenartige Individualitäten zu sammeln, niemand in der Betonung seiner Persönlichkeit zu behindern und doch aus all den Eigenwilligen und Eigenartigen eine Einheit zu bilden, indem man sie zu einem bestimmten Ziele führt. Ich glaube, dass eine Zeitung nicht gut ist, wenn die in ihr wirkenden Geister in einem Nivellierungsverfahren gleichmäßig abgeplattet sind und einander zum Verwechseln ähnlich sehen, und ich glaube, dass eine Zeitung schlecht ist, wenn sie nicht einen festen einheitlichen Willen erkennen lässt. Sie ist reizlos ohne die Vielfältigkeit der Temperamente, aber sie ist nur ein Papierlappen, wenn ihr der klar ausgeprägte Charakter fehlt."

Klar, dass ein solcher Mann - hinzu kam seine jüdische Abstammung - den Nationalsozialisten als der Feind erscheinen musste, der er tatsächlich war. Gleich nach dem Reichstagsbrand 1933 flüchtete Wolff nach Nizza. Dort wurde er 1943 auf dem italienischen Küstenstreifen verhaftet und nach Stationen in einem italienischen und mehreren französischen Lägern an die Deutschen ausgeliefert. Dass sie ihn nicht gleich ermordeten, liegt möglicherweise daran, dass er als Geisel benutzt werden sollte. Er wurde in Berlin ins Polizeigefängnis gebracht. Am 23. September 1943 ist Theodor Wolff im Jüdischen Krankenhaus in Berlin gestorben, "an Herz- und toxischer Kreislaufschwäche", wie es hieß. Auch er ein Opfer der braunen Horden.