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Theaterwettbewerb:Fische und ein Flüchtling

kammerspiele

Brigitte Hobmeier, Julia Riedler und Franz Rogowski (v.l.) in "Fische".

(Foto: buss)

Die vierte "Lange Nacht der Neuen Dramatik"

Von Sabine Leucht

"Seien Sie lieb zu den jungen Menschen!", bat der Intendant und marschierte selbst schon mal in dieser Richtung voran. Seinetwegen, sagte Matthias Lilienthal, könne jeder der im Folgenden in Auszügen präsentierten Texte einen Preis gewinnen. Und so ungefähr kam es dann auch. Bei der vierten "Langen Nacht der Neuen Dramatik" an den Münchner Kammerspielen ging nur einer von fünf Jungautoren leer aus. Und zwar mit dem Stück, das der Filmemacher Jakob Lass, der mit dem Verleger Guido Huller, Kulturreferent Hans-Georg Küppers, dem Regisseur Christopher Rüping und der Journalistin Caroline von Lowtzow die Jury bildete, "saftig" nannte, und das ein eher konventionelles Beziehungsdreieck mit hastigen Schwenks in Richtung Glamour (Heidi Klums Handtasche), Trash (Teppichbodenpinkeleien) Splatter (Frau schneidet sich Embryo aus dem Leib) und Dada zeitgeisttauglich aufpimpte.

Annette Paulmann rappte. Jelena Kuljic behalf sich mit Jazz. Und doch machte Anta Helena Reckes wackere Einrichtung die Lücken im "Größten Blumenstrauß der Welt" nur umso deutlicher. Schwamm drüber! Weil der neue Abstimmungsmodus für den Publikumspreis nicht ganz durchdacht war - die Zuschauer hielten etwa gleich viel rote wie grüne Zettel hoch und man hätte zählen müssen - durften sich Joel László und Nele Stuhler die von der Edith- und Werner-Rieder-Stiftung dafür vorgesehenen 5000 Euro teilen. Was gut war, denn Stuhler hat für ihre pfiffige Existenzialismuskomödie "Fische" ohnehin eines der beiden Förderstipendien (2000 Euro) eingeheimst, der 1982 in Zürich geborene Islamwissenschaftler, Historiker und Übersetzer László hingegen wäre sonst ungekrönt gegangen. Dabei war sein "Wiegenlied für Baran" der klügste Text des Abends. Und ein gefundenes Fressen für die drei herrlichen Komödianten Wiebke Puls, Jochen Noch und Stefan Merki, die in dieser Hinsicht reichlich ausgehungert wirkten. In Verena Regensburgers Inszenierung sitzen auch sie hauptsächlich am Tisch - eine Grundbedingung für die Vergleichbarkeit der Stücke - reihen dort aber vom Tee-Einschenken bis zum nachempfundenen Einlauf mit Gewürzöl ein Kabinettstückchen ans andere.

Ja, das Publikum honoriert den Grad der "Aninszeniertheit" immer ein wenig mit. Und es machte den ohnehin sperrigen Jury-Gewinner (6000 Euro plus Vertrag beim Drei Masken Verlag) "Abraum" von Wilke Weermann nicht eben zugänglicher, dass einige Schauspieler in der Bühneneinrichtung herumstiefelten, als hätten sie den Text gerade erstmals in Händen. Und "Fische"? Was soll man sagen? Brigitte Hobmeier und Julia Riedler sind vom ersten Auftritt bis zum finalen Sprechchor (Einrichtung: Yana Thönnes) ein Dreamteam kapriziösen Understatements, das man möglichst bald wieder auf der Bühne sehen will. Gerne auch mit dem sprichwörtlichen Telefonbuch. Aber ein Text wie der von Stuhler (Studium in Gießen, Mitglied des Theaterkollektivs Fux) hilft mit seiner musikalischen Sprache und dem behutsamen Witz, der unsere Weltangst und Sehnsucht nach Ausschließlichkeit auf den Horizont eines Karpfens herunterbricht, "die kleinste ethische Einheit" aus Fisch und Mensch aber gleichwohl schillern lässt.

Im "Wiegenlied für Baran" implodiert die Energie, die Sibylle und Pierre in einen Flüchtling investiert haben. Seit sie Baran aufnahmen, liegt er in ihrem Wohnzimmer und schläft. Ein irakischer Kurde: Was könnte der ihnen über die Welt erzählen? Stattdessen sitzen die beiden seit Tagen schlaflos am Küchentisch, philosophieren über die Wirkung grünen Tees und den "wohlerprobten, abgehangenen speckigen Männernamen", den ihr ältester Freund im Zuge seiner spirituellen Erleuchtung gegen den eines Zustands getauscht hat.

"Das "Wiegenlied" ist im Kern ein well-made play mit griffigen Figuren, bissigem Humor und jeder Menge Tiermetaphern. Jedes kleine Problem mutiert in Anwesenheit des eigentlich abwesenden Flüchtlings zum übergroßen Zeichen. Die Unerhörtheit, mit der Baran dem Paar jede Kommunikation verweigert, vermisst aber auch den Weg von der Utopie zur Realität, deren Überraschungen wir im Grunde fürchten: "Die Realität ist das, was übrig bleibt, wenn wir zugeben, dass wir von den meisten Dingen keine Ahnung haben", heißt es einmal im politischsten Stück im Fünferpool. Den zweiten Förderpreis zu 2000 Euro hat dennoch "René Pollesch#Twittergott" bekommen. Ein wahrer Schmarrn um die existenzielle Kränkung, dass Regisseur Pollesch nicht mit Nele twittern will. Man stelle sich vor, ein WG-Tisch gerät einen feuchtfröhlichen Abend lang darüber in Wallung und schreibt es auch noch auf: Fertig ist das Stück von Sophia Hembeck und Svenja Reiner!

50 Texte hat die Jury gesichtet, und "Abraum" hat den Jackpot gewonnen. Das Stück hat die düstere Grundstimmung, die man bei jungen Leuten gerne mit Tiefe verwechselt. Fünf von ihnen leben "bis oben hin mit Enttäuschung gefüllt" in der Nähe eines Steinbruchs. Umgetrieben von der Angst vor Tollwut, einem sich im Gehirn festsetzenden Pilz und dem Steinbruch selbst, der einen aufzufressen droht wie ein hungriges Tier. Dennoch haben die Jungs Sorgen wie jene, den ersten Fick zu platzieren, bevor die einzige Frau in der Runde "einen Arsch hat wie eine Rosine".

Ja, Weermann, der auch Regie studiert, hat zweifellos einen eigenen Ton. Ohne Szenenwechsel torkelt sein Stück auf das zwangsläufige Hinwegsterben einer von der Gesellschaft vergessenen Zwangsgemeinschaft zu - mit raunenden Sätzen wie "Das kleinste Skelett mit den abgenagten Knochen kommt bald nach Hause". So also klingt die Zukunft.

© SZ vom 08.03.2016
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