bedeckt München 15°

Theaterpremiere:Rimpar und New York

Marius von Mayenburg inszeniert in München Stefano Massinis Dynastien-Porträt "Lehman Brothers" als wundervolle Bastelarbeit.

2008 platzt die Immobilien-Blase, die Bank Lehman Brothers geht pleite, verursacht ein Beben in der Welt-Wirtschaft, hinterlässt 25 000 arbeitslose Angestellte und 200 Milliarden Dollar Schulden. Fünf Jahre später hat in Paris das Stück "Lehman Brothers" von Stefano Massini seine Uraufführung, 2015 ist es in Dresden zum ersten Mal auf Deutsch zu sehen. Und nun am Münchner Residenztheater, inszeniert von Marius von Mayenburg.

Massini erklärt nicht die Hybris einer wahnsinnig gewordenen Bank, erläutert nicht die Wege, wie man viel Geld, das es gar nicht gibt, für Sachen ausgeben kann, die genau so wenig existieren. Nein, er schreibt 250 Seiten Familiengeschichte, mal trocken erzählend, mal poetisch überhöht, aber stets in einem kaum versiegenden Fluss, ohne echte Szenen, ohne Figurenzuordnung. Sein Stück ist ein Historiengemälde, akribisch recherchiert, aber als Analyse der Finanzwelt nur bedingt tauglich. Doch ziemlich gute Unterhaltung.

Noch bessere Unterhaltung ist dann die Inszenierung von Marius von Mayenburg. Denn der Regisseur, selbst ein geschickter Dramatiker, nimmt den Stoff als Anleitung zu einer über weite Strecken wundervollen Theaterbastelei. Ist diese nach drei rasanten Stunden zu Ende, hat man zwar immer noch keine Ahnung davon, wie es 2008 zum völligen Zusammenbruch kommen konnte. Doch schon Massini rafft die letzten Jahrzehnte der Bank eigenartig schroff zusammen; der letzte der Lehman-Banker stirbt 1969, danach folgen fremde Geschäftsführer, Übernahmen, Verkäufe und das Desaster, was Massini kaum interessiert. Gleichwohl bleibt das Problem, dass Lehman Brothers zum Synonym geworden ist; wofür, das sparen Stück und Aufführung aus, denn Marius von Mayenburg folgt auch im Ende μMassinis Dramaturgie, und die gibt dann auf den letzten Seiten nicht viel mehr als Hektik her.

Sechs animierte Darsteller finden 150 Jahre US-Geschichte

Sei's drum. Denn davor erlebt man großes Theater. Sechs extrem animierte Darsteller suchen ein Stück, und finden eineinhalb Jahrhunderte amerikanische Geschichte. 1844 landet der erste Lehman, Heyum Lehmann aus Rimpar in Franken, in den USA, zwei Brüder kommen bald nach. Zu dritt eröffnen sie einen Tuchladen in Montgomery, Alabama, erfinden den Beruf des Zwischenhändlers, werden größer und größer, ziehen um nach New York, sind Mitbegründer der Wall Street. Aus jeder Katastrophe - Brand auf den Baumwollplantagen, amerikanischer Bürgerkrieg, Erster Weltkrieg, Börsencrash 1929, Zweiter Weltkrieg - geht ihre Firma gestärkt hervor, jedes neue Geschäftsfeld scheint eine weitere Goldgrube zu sein. Ein scheinbar nie endender Traum des ewigen Wachstums, der erst sein Ende findet, als keiner aus der Familie mehr in der Firma tätig ist. Das führt am Ende zu der seifigen Sentimentalität, dass quasi aus dem Jenseits verschiedene Lehman-Generationen den Tod ihres Babys, also ihrer Bank betrauern, die der böse Lewis Glucksman kaputt gemacht hat. Das wirkt seltsam naiv, weil auch die Lehmans selbst nichts anderes als Turbokapitalisten waren, die auch mal Kriege wie den gegen die einstige Heimat finanzierten, um reich zu werden.

Aber wie Mayenburg mit einem fabelhaften Instinkt für Timing und Rhythmus amerikanische Gründerzeit beschwören lässt, das macht großen Spaß. Katrin Röver, Michele Cuciuffo, Philip Dechamps, Gunther Eckes, Thomas Gräßle und Lukas Turtur treffen sich auf offener Bühne, wie bei einem Filmset, ein paar Sessel, Requisiten stehen herum. Hinten eine raumfüllende Leinwand, auf der verstiegenes, ulkiges und historisches Material zu sehen ist, in das die Sechs munter und live aberwitzige Experimente hineinfilmen, den Brand der Plantagen etwa, als Phantasmagorie einer "Vom Winde verweht"-Schmonzette. Die Darsteller ziehen sich alle möglichen Rollen an, was ein erstaunlich plastisches Ergebnis bringt, sie heiraten dann immer wieder Katrin Röver, sie verlieren mehr und mehr die Rituale jüdischen Glaubens und schon in der zweiten Generation weiß nur noch einer, wo Rimpar liegt.

Der szenische Entwicklungsroman eines Kontinents ist durchsetzt mit Wagner-, Film- und explodierender Live- Musik, die Sechs können an diesem Abend scheinbar alles. Wie die Lehmans selber. Einer von ihnen, Robert, finanzierte den ersten "King Kong"-Film. Und viele Jahre später gründete sein Nachfahre Philippe Lehman ein Retro-Rare-Funk-Label. Von diesem könnte der Groove des Abends stammen.