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Theaterfestival:Vor euren Augen

Baris Atay 
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Von Xenia Sircar (Team 1)

„Sadece Diktatör / Nur Diktator“ heißt das Selbstgespräch eines Diktators, gespielt von Barış Atay, der vor lauter Wut jetzt in die Politik geht.

(Foto: Sera Cakal)

Bedrohte Kunst: Das Berliner Gorki-Theater zeigt politische Stücke aus der Türkei und über die Türkei. Auch der Monolog eines Diktators ist darunter.

Vier Bodyguards stehen am Eingang. Sie durchsuchen gründlich jede Tasche, nehmen hier eine Thermoskanne, dort eine Club-Mate-Flasche ab. Gespielt wird ein Stück, das in der Türkei verboten ist. Da will man sichergehen, dass sich keine gewaltbereiten AKP-Anhänger ins Publikum mischen.

"Sadece Diktatör / Nur Diktator" heißt das Selbstgespräch eines Diktators, das auf der Studiobühne des Berliner Gorki-Theaters gespielt wird. In wenigen Minuten soll er vor einer Menschenmenge sprechen. Dann wird sich entscheiden, ob er gestürzt wird. Er probt Formulierungen und Posen, feilt am Mythos des eigenen Aufstiegs und demonstriert unerschütterliches Selbstbewusstsein. Und er sagt manches, was er vor Publikum nie sagen würde: wie er die launenhaften Massen manipuliert, seine Anhänger verachtet, seine Berater gegeneinander aufhetzt.

Barış Atay spielt diesen Diktator. Und wie er das tut! Es ist eine gekonnte Studie in Sozialpsychologie und zugleich eine Liebeserklärung an das Theater. Jenes Theater, das in der Türkei - wie die anderen Künste auch - bedroht ist; so bedroht, dass Barış Atay nun in die Politik geht, um es zu retten. Und natürlich auch sein Land. Im schwarzen Dreiteiler betritt er die Bühne, samt Diamantring und Handy als Insignien der Macht. Der Vollbart ist sorgsam gestutzt, entschlossen blickt er in die Ferne, ein Kraftprotz von einem Mann. Im Hintergrund zeigen Banner stilisierte Windräder, die verdächtig nach Hakenkreuz aussehen.

Onur Orhans Text ist ein fulminanter Monolog, der zugleich konkret und universell ist. Erdoğans Name fällt kein einziges Mal, aber die Parallelen sind offensichtlich: Der namenlose Machthaber stammt aus einfachen Verhältnissen, wettert gegen Intellektuelle und hasst das Rauchen. Aber auch Ludwig XIV. und Adolf Hitler werden zitiert. So entsteht eine Art machiavellistischer Prototyp.

Atays Stärke ist nun, dass er diesen Mann nicht denunziert. Was ja leicht wäre, da die Besucher seines Stückes, das in einem Istanbuler Off-Theater entstand und durchs Land tourte, allesamt Erdoğan-Gegner sein dürften. Mal grinst Atay diabolisch, mal taktiert er kühl, mal ist er ganz der kumpelige Underdog. Wie der Machthaber auf der Klaviatur der Volksbefindlichkeiten spielt, ist aber nur die eine Seite der Geschichte. Die andere ist, warum niemand ihn aufhält. "Alles geschah vor euren Augen, aber gesehen habt ihr nichts", heißt es. Zu zerstritten und zu sehr mit sich selbst beschäftigt sei die Opposition. Daraus entsteht die wahre Kraft des Stückes: Es ist kein Wellness-Theater für Gleichgesinnte. Sondern auch eine verzweifelte Selbstbefragung.

Im Januar 2018 wurde das Stück in Istanbul verboten. Da hatte es schon 160 Vorstellungen hinter sich. Ein Kuriosum, wie es in der türkischen Kulturpolitik so einige gibt. Seit im Juli 2016 der Ausnahmezustand verhängt wurde, sind einige Direktoren von Stadt- und Staatstheatern abgesetzt worden. In Diyarbakır wurde das Stadttheater gleich ganz geschlossen.

Nur in Istanbul, Izmir und Ankara gibt es noch ein paar Off-Räume, sagt Shermin Langhoff, die Intendantin des Berliner Gorki-Theaters, das mitten im türkischen Wahlkampf einen Türkei-Schwerpunkt zeigt. "Es herrscht eine totale Rechtsunsicherheit: Du kannst für einen Tweet verhaftet werden, aber du kannst auch ein kritisches Theaterstück machen und nicht verhaftet werden."

Trifft man Barış Atay nach der Vorstellung, begegnet man einem Mann, der seine Überzeugungen als Tattoos auf dem Unterarm trägt. "Ya basta!" steht da in geschwungener Schrift - "genug ist genug", ein Schlachtruf linker lateinamerikanischer Gruppen, "no pasaran!", und "La Paz". Er gründete die Arbeiterpartei mit, engagierte sich bei den Gezi-Protesten und hat 1,2 Millionen Follower auf Twitter - von denen ihn allerdings, wie er grinsend behauptet, viele nur beschimpfen wollten. Arbeit als Schauspieler hat er mit seinem Status als Anarcho-Hofnarr zuletzt kaum noch gefunden. Auch deshalb kandidiert er bei den Präsidentschaftswahlen im Juni als Abgeordneter für die prokurdische HDP. Und weil er hofft, so erfolgreicher kämpfen zu können - gegen Erdoğan, aber vor allem gegen ein System.

Wie in diesem autokratischen Staat gezielt folgsame Untertanen herangezogen werden, zeigt das leise Kammerspiel "Süleymankurt". Ein junger Mann, der eigentlich Tierarzt werden will, wird in der Koranschule zum religiösen Eiferer. "Das türkische Bildungssystem lässt sich auf eine einfache Formel bringen", sagt Serkan Öz, der Regisseur. "Evolutionstheorie raus, Dschihad rein."

Bekannt geworden ist Öz als Schauspieler in Fernsehserien. Im Jahr 2015 sollte er eine Rolle in einem großen Kinofilm übernehmen. Drei Tage vor Drehbeginn wurde ihm wieder abgesagt. Er stand auf einer schwarzen Liste unliebsamer Kulturschaffender. Nun lebt er in Berlin und geht einem anderen Job nach, um Geld zu verdienen. Es ist ein Dilemma: "Dort gibt es keine Freiheit, und hier sind wir Ausländer."

Diese Perspektive der Migranten nimmt Nurkan Erpulat in seinem Singspiel "Lö Grand Bal Almanya" ein. 57 Jahre deutsch-türkische Beziehungen dreht er durch einen kabarettistischen Fleischwolf. Das führt zu schönen Szenen, etwa wenn Sesede Terziyan sich als geifernde Necla Kelek an einer Integrationsschweinewurst verschluckt. Aber in seiner Überdeutlichkeit bleibt der Abend etwas harmlos. Erpulat kennt beide Seiten, er inszeniert regelmäßig in der Türkei. Seit zehn Jahren werden in den dortigen Stadttheatern keine neuen Mitarbeiter mehr eingestellt, erzählt er. "Es gibt keinen Nachwuchs. Sie wickeln das Theater ab."

Im April sollte im türkischen Parlament ein Theaterstück über "Märtyrergeist" aufgeführt werden. Eine Stunde vorher verbot der Parlamentspräsident den Frauen im Ensemble den Auftritt. "Wir kehren ins Mittelalter zurück", sagt Erpulat. "Alle regen sich auf, aber nichts ändert sich." Wenn es nach dem Wahlkämpfer Barış Atay geht, irrt er sich.

© SZ vom 30.05.2018

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