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Theater:Erkenntnisgrunzen

Am Königsweg; Božidar Kocevski

Stephan Kimmigs Inszenierung: Küchentheater mit Effektspäßchen.

(Foto: Arno Declair)

Stephan Kimmig setzt Elfriede Jelineks Anti-Trump-Stück "Am Königsweg" am Deutschen Theater Berlin in Szene. Er zeigt Effekt-Späßchen und Spießerparodie.

Von Peter Laudenbach

Kaum jemand versteht sich so gut auf die Kunst, mit größtmöglichem Aufwand weit offen stehende Türen einzurennen, wie Elfriede Jelinek. In der neuesten Fortsetzung ihrer Assoziationskaskaden und Sprachspiel-Suadas, "Am Königsweg", führt die offen stehende Tür zum Oval Office des derzeitigen US-Präsidenten. Aber eigentlich führt sie natürlich direkt in die Hölle, mindestens. Weil der Name des Bösen nicht genannt werden darf, muss die Umschreibung als König genügen: "Sie sind meine ultimative Kränkung, Herr König."

Die Gedankenschleifen surfen, weil ja immer irgendwie alles mit allem zu tun hat, frei flottierend durch die Menschheits- und Mythengeschichte. Sie landen selbstverständlich bei Ödipus und der Pest in Theben, schauen kurz bei Jelineks altem Bekanntem Heidegger vorbei, ohrfeigen im Vorübergehen aktuelle Heimatschutz-Hysterien und machen sich einen Spaß mit Kermit aus der Muppet-Show, der weise das Geschehen kommentiert: "Was stürzte den Mann nur in diesen Wortschwall hinein?" Gute Frage.

Bei der Hamburger Uraufführung sorgte Falk Richter für einen wütenden Overkill der Bilder. Am Deutschen Theater Berlin ist man kundenfreundlicher und mutet den Endverbrauchern im Parkett nicht zu viel zu. Stephan Kimmig, eigentlich ein Regisseur für die etwas altmodische Menscherkundungskunst, bewegt sich aufgeregt, aber ziemlich ziellos über die Textflächen des Postdramatik-Agitprop. Die Bühnenbildnerin Katja Haß hat eine Küchenzeile über Eck in die Höhe gestapelt, was Gelegenheit gibt, aus dem Kühlschrank heraus aufzutreten, aber ansonsten ziemlich sinnfrei wirkt. Anja Schneider und Linn Reusse lösen souverän die undankbare Aufgabe, in roten Strampelanzügen die Klischeeblondinen zu geben: Sie antworten auf die Zumutung der Rollenzuschreibung mit Spielfreude und Karacho. Die von Schneider gespielte Gut- und Wutbürgerin erfreut sich in breitem Sächsisch ihrer Stammeszugehörigkeit.

Wer so etwas von sich gibt, hat im Jelinek-Theater das Schicksal redlich verdient, mit einem Smoothie aus Wurstbrei eingesaut und unter Grunzgeräuschen abgeleckt zu werden. Der Erkenntnisgewinn solcher routiniert abgewickelten Fleißübungen im Fach Trash und Fleischbeschau geht gegen null. Auch sonst kommt die bewährte Methode, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, indem man ihnen ihre eigene Melodie vorspielt, bei Kimmig über aufgekratztes Kabarett nicht hinaus. Wenn das Theater Trump-Wählern, Pegida-Sachsen und anderen Identitäts-Problemfällen nichts als einen analysefreien Cocktail aus Spießerparodie und Effekt-Späßchen entgegenzusetzen hat, dann hat es seinen politischen Anspruch aufgegeben und gegen müdes Schenkelklatschen eingetauscht.

© SZ vom 11.05.2018
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