Telenovelas Der rosendornenreiche Weg ins Glück

Und immer wird geheiratet: Vor zwei Jahren kam die erste Telenovela ins deutsche Fernsehen. Eine Bilanz zum Start der nächsten.

Von Senta Krasser

Serien, insbesondere Familienserien, sind das Fernsehgenre schlechthin, um Publikum an ein Programm zu binden. Sie können im besten Fall eine gewisse Stabilität im eigenen Leben schaffen, weil sie einem das in der Realität verloren gegangene Gefühl geben, in eine Familie hineinzuwachsen und ein Teil von ihr zu werden. Versuchen wir also, in die fiktive Familie von Petra hineinzuwachsen, der Heldin der neuen täglichen ARD-Serie Rote Rosen.

Wenn ARD-Verantwortliche zum Thema Liebe kreativ werden, drücken sie einer Frau rote Rosen in die Hand. Die Schauspielerin Angela Roy hält vor dem Rathaus in Lüneburg einen Strauß roter Rosen im Arm. Sie ist die Hauptdarstellerin in der ARD-Telenovela "Rote Rosen".

(Foto: Foto: dpa)

Petra Jansen lebt in Lüneburg, was man nicht unbedingt erkennt, da die Fernsehfirma Multimedia Niedersachsen Rote Rosen fast ausschließlich und sehr günstig im Studio entstehen lässt.

Was dagegen schnell deutlich wird: Petra ist seit einem Vierteljahrhundert glücklich mit dem Steuerberater Thomas verheiratet und umsorgt zwei wohlgeratene, erwachsene Töchter und eine Schwiegermama, die nur manchmal dem bösen Ruf Ehre macht.

Eva Herman wäre begeistert

Das Landhaus, in dem die Jansens leben, hat Petra wie aus dem Schöner Wohnen-Katalog eingerichtet, mit ausgeprägtem Sinn für Floraldessin in allen Rotschattierungen, dass es Eva Herman eine Freude wäre.

Ja, Petra, im Herbst ihres Lebens angekommen, hat es geschafft in Hartz-IV-Deutschland. Da sie niemand für ihr perfektes Dasein lobt, tut es das Superweib selbst: "Schön, richtig schön - fast zu schön, um wahr zu sein", sagt Petra und lächelt versonnen, als sie über das Gartenfest schlendert, das sie zum Fünfzigsten ihres Mannes ausgerichtet hat. "Wenn ich Thomas wäre, würde ich denken: Besser konnte ich es nicht treffen", orakelt ihre Stimme aus dem Off.

So beginnt gewöhnlich ein großes Melodrama. Nach der Dramaturgie der "Trivialität", wie sie Georg Seeßlen genannt hat, folgt auf Herz der Schmerz: Thomas Jansen entpuppt sich schon in der ersten Folge von Rote Rosen als charmantes Arschloch in der Krise seines reifen Lebens.

Er hat eine Affäre mit der besten Freundin seiner Töchter und wird in flagranti von der Gattin erwischen: Petra ist, völlig klar, am Boden zerstört. Sie muss wieder zu sich selbst finden. Der Zufall will es, dass in dieser Phase Petras Jugendliebe, der Neurologe Nick, aus Amerika nach Lüneburg zurückkehrt - und nicht nur Petras Seele tröstet.

100 Folgen hat die ARD für Petras rosendornenreichen Weg zum Glück angesetzt. Eines steht bereits fest: Am Ende wird Hochzeit gefeiert. Rote Rosen ist schließlich eine Telenovela, ein Melodram in Häppchen mit garantiertem Happy-End am Traualtar.

Bianca ist schuld

Telenovela - dieses Genre steht für restaurative Dauerware im Billiglook, auch für Klischees statt frischer Volten - emanzipierten Frauen treibt es zuweilen die Zornesröte ins Gesicht. Andererseits: Mit Telenovelas lassen sich bis zu 30 Prozent Marktanteil erreichen. Mit manchen jedenfalls.

Rote Rosen ist - nach Sturm der Liebe, Sophie - Braut wider Willen und Das Geheimnis meines Vaters - der inzwischen vierte TV-Roman in der ARD und der zehnte im deutschen Fernsehen, seit das ZDF an einem Novembernachmittag 2004 mit Bianca - Wege zum Glück einen Trend setzte. Sat 1 griff das verstaubte Grundmuster vom Aschenputtel in Verliebt in Berlin auf, entstaubte es aber gründlich mit Comedy-Elementen.

Dem eher jugendlichen Publikum am Vorabend gefiel das. Zunächst. Die im September nach 365 Folgen vollbrachte TV-Hochzeit vom Pummel Lisa Plenske gilt mit mehr als sieben Millionen Zuschauern als Höhepunkt des Genres - seither geht's nur bergab, heißt es.

Handwerkliche Fehler

Das stimmt und stimmt wieder nicht. Nach zwei Jahren ist die Telenovela etabliert, allerdings überstehen nicht alle den Verdrängungswettbewerb zwischen 18 und 20 Uhr. Und handwerklich geht das eine oder andere daneben.

Sat 1 zauberte nach Lisa Plenskes Serienabgang Bruno hervor, ihren Bruder, und setzte mit ihm Verliebt in Berlin fort, was der klassischen Telenovela-Regel widerspricht: Nach 100, 200 Kapiteln ist Schluss. Bruno wird - vielleicht weil er, Telenovela-Regelverstoß Nummer zwei, ein Mann ist - von den fundamentalen Verliebt-Fans nicht akzeptiert.

Der frühere Dauerbrenner büßte zwei Millionen Zuschauer ein (im Oktober nur noch durchschnittlich 13 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen). Schmetterlinge im Bauch (18.45 Uhr/10,3 Marktanteil), die Ende August gestartete zweite Sat-1-Telenovela, bereitet noch mehr Sorgen. Das Hauptproblem ist natürlich der Sendeplatz.

Denn auch RTL platzierte in die Stunde vor der Tagesschau anstelle des Boulevard-Magazins Explosiv eine neue Serie: Alles was zählt (19.05 Uhr/13,4) ist zwar als Daily Soap ohne absehbares Ende etikettiert, doch Tanja Szewczenko, die die Hauptfigur Diana spielt, ist von einem Telenovela-Aschenputtel kaum zu unterscheiden.

Sturm der Liebe

Während Sat 1, RTL und auch die ARD (mit der Krimi-Telenovela Das Geheimnis meines Vaters/18.50 Uhr) sich am Vorabend gegenseitig das Quotengeschäft verderben, hat die ARD in der 15-Uhr-Schiene ihren Sturm der Liebe mit viel Ausdauer zum Erfolg geführt (und den eigenen kranken Nachmittag etwas kuriert).

Täglich mehr als drei Millionen Menschen verfolgen das Schicksal der Zuckerbäckerin Laura. Die Telenovela wurde zum vierten Mal verlängert, auf jetzt 450 Folgen! Den Autoren will der Stoff nicht ausgehen, um Lauras Hochzeit mit Hotelchef Alexander zu verzögern: Sie trägt derzeit (Folge 257) Alexanders Kind unterm Herzen - dabei sind die zwei angeblich Geschwister.

Das ZDF macht sich ebenfalls an die format-unübliche Verlängerung: Tessa, der dritte ZDF-Roman, floppte, denn für die dritte Blondine hat sich niemand mehr interessiert. Dafür hat sich Julia, die nach Bianca kam, gehalten. Vorige Woche feierte die Angestellte einer Porzellanmanufaktur: Hochzeit.

Petra Jansen, die mit den Roten Rosen, ist brünett, weshalb sie schon mal aus der Menge der Telenovela-Blondinen herausragt. Als Endvierzigerin spricht sie zudem ein Publikum an, das vielleicht seit Christiane Hörbigers Julia - eine ungewöhnliche Frau (ARD) nicht mehr mit einer Serie bedient wurde. Petras größter Vorteil ist aber ein anderer: Um 14.10 Uhr läuft Rote Rosen außer Serienkonkurrenz.

Rote Rosen, ARD, montags bis freitags, 14.10 Uhr.