Tahar Ben Jelloun Islamische Tragödie

Der Schriftsteller Tahar Ben Jelloun, 1944 in Fès (Marokko) geboren, lebt in Paris. Auf Deutsch erschien zuletzt: "Der Islam, der uns Angst macht".

(Foto: Friso Gentsch/dpa)

Der Schriftsteller wurde in Marokko geboren und lebt in Paris. Er hat Romane über Migranten, über kleine Halunken, über Gefangene verfasst. Könnte er über einen Terroristen schreiben? Ein Gespräch.

interview Von Joseph Hanimann

SZ: Sie haben Romane über Migranten, kleine Halunken, politische Gefangene, Migrantenkinder geschrieben. Könnten Sie auch ein Buch über einen Selbstmordattentäter schreiben?

Tahar Ben Jelloun: Das würde mich viel Anstrengung kosten und mir Kopfweh bereiten. Aber interessant wäre es. Denn das sind Leute, die durch Gehirnwäsche und Indoktrinierung über lange Zeit hinweg auf ihre finsteren Akte vorbereitet wurden. Als Schriftsteller müsste man auch das beschreiben. Die Leute vom IS sind auf diesem Gebiet erschreckend geschickt. Es gibt nicht so viele junge Leute auf der Welt, die man dahin bringen kann, für einen Schwachsinn ihr Leben zu opfern.

Manche sehen in ihnen eher Helden.

Eine verschwindende Minderheit. Helden ergreifen Eigeninitiative und tragen Eigenverantwortung. Diese Attentäter sind nur ferngesteuerte Killer, von den IS-Kadern minutiös präpariert.

Wie sähe so ein Terrorist von seiner menschlichen Seite her demnach aus?

Ich stelle mir einen ganz normalen Typen vor, dem beispielsweise vor Käfern oder vor Mäusen graust. Und dann merkt er eines Tages plötzlich, dass das Krachen einer Explosion, die Verstörung der Menschen danach und die spektakuläre Wirkung durch die Medien in ihm Hochgefühle aufkommen lassen. Er steigert sich in seiner Fantasie in die Rolle eines "Superman" hinein, der dem ganzen Gewusel des Lebens ein Ende setzt, und er sucht diese Fantasie möglicherweise zu verwirklichen.

Könnte man in solchen Leuten irgendwie auch Opfer sehen?

Opfer allenfalls ihres eigenen Wahns. Ich habe gehört, dass in den kurdischen Einheiten gegen die Leute vom IS an vorderster Front viele Frauen mitkämpfen. Die IS-Kämpfer haben offenbar eine traumatische Angst davor, von einer Frau getötet zu werden. Im Kampf zu fallen, das wissen sie, gehört zum Metier - aber auf keinen Fall durch eine Frau! Die Leute sind Opfer eines vermurksten Ehrenkodex'.

Waren Sie vom Blutbad am Freitag spontan zunächst als Schriftsteller aus dem arabisch-islamischen Raum, als französischer Staatsbürger oder einfach als Mensch betroffen?

Zuerst als Vater. Ich rief sofort meine Kinder an - wie wohl alle anderen Eltern, Muslime und Nicht-Muslime. Danach erst kam die Sorge, dass das Ereignis neuen Verdacht und Ressentiments gegen die Muslime und den Islam schüren würde.

Sie haben vor Jahren das Buch "Papa, was ist der Islam?" veröffentlicht. Müsste man den Kindern nicht heute auch den Islamismus erklären?

In meinem jüngsten Buch "Der Islam, der uns Angst macht" habe ich das versucht. Der Islam als Kultur und als Religion trägt heute Züge einer Tragödie, die in die Katastrophe des Fanatismus ausarten kann. Darüber hinaus ist der Islamismus auch ein geopolitisches Problem. Warum zeigt der Westen gegenüber Staaten wie Saudi-Arabien und Katar, die islamistische Terrororganisationen finanzieren, nicht die selbe Härte wie gegenüber Putin im Zusammenhang mit der Ukraine?

Hat sich das Leben in Paris, seit Sie in dieser Stadt wohnen, verändert?

Als ich vor vierzig Jahren nach Frankreich kam, war der Islam kein Thema und niemand berief sich im Alltag auf Dinge wie die "laïcité". Man hatte politische, ideologische oder praktische Meinungsverschiedenheiten und trug diese mehr oder weniger virulent aus. Heute hängt so etwas wie ein unsichtbarer Schleier aus diffusen Ängsten, halb ausgesprochenen Verdächtigungen und Obsessionen in der Luft, an dem von populistischen Parteien wie dem Front National eifrig weitergewoben wird. Im direkten Kontakt sind die Leute nach wie vor umgänglich, freundlich, offen. Unfreiwillig haben wir alle aber den Kopf in diesem Netz stecken. Man verspürt immerfort das Bedürfnis, den Schleier abzustreifen und in einem klareren Vis-à-Vis wieder miteinander zu sprechen und zu streiten.