SZ-Serie: Große Journalisten (XI) Der weiße Tyrann

SZ-Serie über große Journalisten (XI): Friedrich Melchior Grimm

Von WOLF LEPENIES

Als Europa französisch sprach und aus Pariser Sicht die Metropolen des Kontinents wie Provinznester erschienen, gab in der französischen Hauptstadt ein Deutscher die vielleicht wichtigste Zeitschrift des achtzehnten Jahrhunderts heraus: die Correspondance littéraire, philosophique et critique. Ihr Gründer, der 1723 in Regensburg geborene Pfarrerssohn Friedrich Melchior Grimm, war in auffallender Weise Kosmopolit: Er war halb Russe, halb Deutscher und halb Franzose.

(Foto: SZ v. 17.02.2003)

Nach dem Studium der Philosophie, der Rechte und der Literatur, das er in Leipzig und in Johann Christoph Gottscheds Nähe absolvierte, diente Grimm mehreren deutschen Duodezfürsten. Danach erhielt er in Paris eine Anstellung als Vorleser beim Herzog von Sachsen-Gotha und wurde schließlich Kabinettssekretär des Herzogs von Orleans. Damit stand ihm der Weg in eine diplomatische Laufbahn offen, die 1795 ihren Höhepunkt erreichte, als Katharina die Große Grimm zum Staatsrat ernannte.

In einer Zeit, da Eliten sich zwanglos mischten und der politische Ehrgeiz der Literaten ebenso groß war wie die literarischen Ambitionen der Herrschenden, bewegte der Baron Grimm sich bei Hofe so selbstverständlich wie in den Zirkeln der philosophischen Avantgarde. Er zeigte Talent zum gehobenen Klatsch und gab lediglich durch übertriebenen Gebrauch von Gesichtspuder zu erkennen, dass er sich von der deutschen Neigung zur Überanpassung nicht völlig befreit hatte. In den Pariser Salons nannte man ihn mit einer Mischung aus Spott und Bewunderung den "Weißen Tyrann".

Grimm war der geborene "Mittler": Er gewann das Vertrauen der Regierenden und blieb zugleich den Pariser Intellektuellen um Diderot und d\'Alembert treu, auch, als die "Enzyklopädie" 1759 verboten und von Papst Clemens XIII. verdammt wurde. Seine Mittler-Tätigkeit prädestinierte Grimm zum Journalisten: Von 1753 bis 1775 gab er die Correspondance heraus, später wurde sie von Jacob-Henri Meister in seinem Geist und mit seiner Unterstützung weitergeführt.

Gedruckt wurde die Zeitschrift zum ersten Mal 1813, sechs Jahre nach dem Tod ihres Gründers. Zu Lebzeiten Grimms war sie noch im wahrsten Sinne des Wortes eine "Nouvelle à la main" - wie die Vorläufer der modernen Zeitungen damals hießen: Die Correspondance wurde von Hand geschrieben, vervielfältigt und dann verteilt. Ihre Leserschaft war klein, aber zu den Abonnenten zählten neben den meisten deutschen Fürsten auch KatharinaII. von Russland und Gustav III. von Schweden.

Die Correspondance war nicht nur ein exklusives, sondern auch ein geheimes Blatt. Einflussreich wurde Grimm, weil die von ihm publizierten Nachrichten nicht öffentlich waren. Der Zensur entging die Correspondance, weil ihr Vertrieb durch Boten mit konsularischen Vollmachten erfolgte. Bis 1775 wurde das Blatt alle vierzehn Tage, danach monatlich ausgeliefert. Die maßgebenden Ausgaben der Correspondance hat Maurice Tourneux von 1877 bis 1882 in 16 Bänden veröffentlicht. 1977 erschien, als Lizenzausgabe der Dieterich'schen Verlagsbuchhandlung in Leipzig, unter dem Titel "Paris zündet die Lichter an" ein Auswahlband bei Hanser.

Goethe schätzte das "Bulletin literarischen und weltgefälligen Inhalts", das ihm durch die Gunst adeliger Gönner zugänglich gemacht wurde. Das Blatt war für die Adelsschicht besonders interessant, weil es sich nicht, wie viele Vorgänger und Konkurrenten, auf die Darstellung von Staatsaktionen beschränkte. Vielmehr mischten sich in ihm Politik und Privates.

Seinem Vorbild Voltaire treu, war der Baron Grimm dem Aufklärungstaumel schon früh mit Skepsis begegnet. Der Überzeugung vieler Zeitgenossen, nun breche das Zeitalter der Vernunft an, hat er sich nicht angeschlossen. Vielmehr sah er Europa von einer "unheilvollen Umwälzung" bedroht, weil die Vorteile, welche die neue Zeit zu bieten hatte, nur einer kleinen Zahl von Menschen zu Gute kamen, das Volk aber davon ausgeschlossen blieb.

Grimms Skepsis machte ihn Modeerscheinungen gegenüber weitgehend immun. So hat er sich von der Lust an Chinoiserien, die seine Epoche prägte und an der Voltaire nicht unschuldig war, mit der Bemerkung distanziert, erst einmal wolle er zwanzig Jahre in China leben und die Dinge von Nahem sehen, bevor er seiner Begeisterung freien Lauf lasse.

Zur Zeit der Correspondance war das Feuilleton noch nicht erfunden. Wissenschaften und Künste nahmen im Blatt daher einen von der Politik nicht getrennten, großen Raum ein. Vor allem gegenüber musikalischen Ereignissen trat die Politik oft genug in den Hintergrund. Kein Monarch konnte seine Untertanen zu Begeisterungsstürmen hinreißen, wie es dem sechsjährigen Mozart mit dem Pariser Publikum gelang. 1753 notierte Grimm, die Streitigkeiten des Pariser Parlaments mit dem Hof vermochten nur ein Dreißigstel der Aufmerksamkeit zu erregen, die man der Umwälzung in der Musik, nämlich dem Vordringen der italienischen "bouffons", schenke.

Wissenschaftlichen Fortschritt kommentierte die Correspondance mit nüchterner Anerkennung. Als die ersten Montgolfieren in den Pariser Himmel stiegen, wurde berichtet, durch die "aerostatischen Ballons" seien nicht, wie versprochen, fremde Menschen in fernen Ländern in Erstaunen versetzt worden. Die Montgolfieren hätten lediglich den einheimischen Bauern Angst und Schrecken eingejagt. Zugleich wurde der Fairness halber Benjamin Franklin zitiert, der auf die Frage, welchen Nutzen die Menschheit von diesen Experimenten habe, mit der entwaffnenden Gegenfrage geantwortet hatte: "Nun, was hat man denn von einem Neugeborenen?"

Ein Land erscheint in der Correspondance in einem überaus hellen, an keiner Stelle getrübten Licht: Amerika. Es ist kein Wunder, dass mehr und mehr Europäer auswandern, heißt es, denn in der Neuen Welt ließe sich der Keim zu einer "weltumspannenden Glückseligkeit" entdecken. Amerika müsse man einfach lieben, steht in diesem Nachrichtenblatt für die Monarchen Europas - und schätzen müsse man "alle Vorzüge, die im Boden, in der Verfassung und in den Sitten der Vereinigten Staaten liegen". Die Correspondance prophezeit, dass halb Europa einmal eine Kolonie Amerikas sein werde.

"Der Wahrheit, dem guten Glauben und der freien Meinungsäußerung" gewidmet, war Grimms Blatt stolz auf seine Wirkung. In den handgeschriebenen Zeilen spürte man, dass in Zukunft die Presse eine noch ungleich größere Wirkung erzielen würde. War die "Logik der öffentlichen Meinung" erst einmal durchschaut, würden Zeitungen in der Lage sein, "jede beliebige Meinung aufkommen zu lassen, sie zu verbreiten, abzuwandeln, einzudämmen, ihr in bestimmten Schichten der Gesellschaft Gewicht zu verleihen und ihr die anderen zu entziehen." Die Monarchen Europa lasen diese Sätze. Wie viele von ihnen ahnten, dass ihre Herrschaft in der Zukunft tatsächlich von einem druckerschwarzen Tyrann abgelöst werden würde, der öffentlichen Meinung, der "stärksten Macht der Welt"?