SZ-Serie: Große Journalisten Scharfschütze des Wortes

Siegfried Jacobsohn: Journalist, Verleger, Kämpfer gegen den Zeitgeist, Gründer der "Schaubühne" und "Weltbühne" / Serie, Teil III

Von MICHAEL JÜRGS

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Mann zu schildern: Den bleichen, überarbeiteten Intellektuellen, der sich gegen den Zeitgeist stemmt. Den lakonisch-trockenen Berliner, der nach Kriegsausbruch im August 1914 sein Ferienhaus auf Sylt verlassen muss, weil nur Einheimische bleiben dürfen und er braun gebrannt festgenommen wird. "Halten Sie jeden Deutschen an, der an der See ein bisschen verbrannt ist, für einen russischen Spion?" Antwort: "Man weiß ja nicht, in dieser Zeit."

(Foto: SZ vom 23.12.02)

Der gnadenlose Journalist Siegfried Jacobsohn ist Hass-Subjekt des zwar noch nicht zur Staatsdoktrin erklärten Ungeistes, der aber schon früh in ihm einen typischen Vertreter der angeblich typisch undeutschen jüdischen Rasse sah.

Dennoch ist seine Geschichte auch eine deutsch-jüdische Erfolgsgeschichte, als gleiches Recht noch für alle gleichermaßen galt, möglich allerdings nur in Berlin, der mal kosmopolitischen Weltstadt. In der Zeit, die er wortgewaltig prägte, war Siegfried Jacobsohn der umstrittenste Theaterkritiker dieser Stadt, scharf und ungerecht und unpathetisch.

Zum Beispiel schrieb er über eine Dame, die in Lessings Minna von Barnhelm die Titelrolle spielte: "Nur wenn heute eine sorglich balsamierte Schauspielerin zum flüchtigen Rampenlicht aufgelöst würde, könnte uns dergleichen noch einmal widerfahren. Fragte diese Mumie, die alle Dünste der Leichenkammer aushauchte, ihren Major, ob er sie liebe, so fuhr Einem kalter Schrecken durchs Gebein...".

Geboren 1881, Schule abgebrochen, dennoch mit sechzehn Jahren bereits Student, was im - eben auch - fortschrittlichen Preußen nach einem Test erlaubt war, verfasste er 20-jährig seine erste Theaterrezension für die linke Welt am Montag.

Nur im Feuilleton herrschte Freiraum, durfte man dem Kaiser aufs Maul schlagen, weil die Zensoren und Staatsanwälte fürs Erkennen feiner Gemeinheiten zwischen den Zeilen zu blöd waren. Später berühmte Autoren - Franz Werfel, Theodor Wolff, Arnold Zweig - schrieben sich so in einer Kultur-Nische frei.

Sein höchst eigenes Forum, das der Scharfschütze des Wortes 1905 mit geliehenem Geld von Eltern und Freunden gründete, hieß Schaubühne: Titelfarbe Rot, was Jacobsohn mal aus seinem zu Sprache "geronnenem Herzblut" ableitete, Auflage zum Start immerhin 40000, aber dann nie mehr als 1500, also stets von Pleite bedroht. Es war der Traum des Buchhaltersohnes von einer wöchentlichen Bühne, denn die war seine Welt.

Siegfried Jacobsohn war zwar ein homme de lettres, aber trotz seiner kleinen Gestalt ein Mann der Frauen. Viele faszinierte eben sein Geist mehr als die Körper groß gewachsenen Deutsch-Recken. Für das intellektuelle Klima von Berlin war er so wichtig wie Karl Kraus für das von Wien.

Sein Kopf war sein Kapital. In ihm merkte er sich alles, auch dann, als ihm wegen eines Augenleidens verboten war zu lesen - woran er sich selbstverständlich nicht hielt. So verteidigte er sich gegen den Vorwurf eines Plagiats, den seine Feinde als "Der Fall Jacobsohn" auf Litfaßsäulen plakatierten, er habe eine Formulierung so genau im Gedächtnis behalten, dass er sie sich quasi als Zitat, ohne es zu merken, aus dem eigenen Gehirnspeicher abgerufen und zu eigen gemacht habe.

Seine journalistische Karriere begann er als Theaterkritiker, bald war das Kürzel SJ im ganzen Reich bekannt und gefürchtet. Der Purist des Wortes, gleichermaßen ein begabter Redakteur und Anreger, wurde zwar als Kritiker berühmt, aber Nachruhm schuf er sich mit der Schaubühne, in der er unerbittlich seine Ideen verwirklichte: "Ein Blatt: jung, tapfer, farbig, ganz durchglüht von einem Willen, von meinem Willen, wo jeder sagen kann, was ihm die anderen Blätter aus Dummheit oder Feigheit verwehren."

Da SJ nicht nur tausendfach selbst schrieb, um die Redaktionskosten niedrig zu halten - sein Münchner Korrespondent hieß übrigens Lion Feuchtwanger -, sondern ein engagierter Verleger war, gestützt auch von seiner wohlhabenden Frau, wurde trotz aller Geldsorgen das Blatt nie bequem eingestellt, sondern bis zu seinem Tod unbequem ausgeteilt.

Nach dreizehn Jahren des Überlebenskampfes machte er ohne große Ankündigung aus der Schaubühne, die in die geänderte Zeit passende Weltbühne, ein Blatt für Kultur, Wirtschaft, Politik.

Da wurde die Abdankung des Kaisers so hart kommentiert wie ein Verriss: "Dem verblichenen Deutschland nicht eine Träne. Sein Geruch war Mord, und größer als seine Brutalität war nur seine Dummheit." Zu seinen engsten Freunden gehörte Kurt Tucholsky, der unter bekanntlich fünf verschiedenen Pseudonymen auf Jacobsohns Bühne auftrat, die Welt kommentierte und ihre falschen Helden lächerlich machte.

Tucholsky und sein Lebenswerk sind ohne Jacobsohn nicht denkbar. Der kleine Mann war ein moralischer Vertreter der vierten Gewalt, radikal demokratisch und nie korrumpierbar. Angeklagt sogar mal wegen Landesverrats - doch noch gab es Richter in Deutschland. Er wurde nie verurteilt.

Er lebte für seine Arbeit, vergaß dabei aber das Leben nicht. Jacobsohn liebte bedingungslos seine atypisch emanzipierte Frau Edith, denn es passiere eine "solche Liebe nur alle fünfzig Jahre". Er liebte seinen einzigen Sohn Peter und er starb rechtzeitig, bevor 1933 die Republik starb. Zwei seiner Brüder wurden in Auschwitz ermordet, Edith und Peter Jacobsohn konnten nach London fliehen.

Als es noch nicht selbstverständlich war, dass sich jeder Publizist nennen durfte, der seinen Kopf in die Hand stützen konnte, ohne dabei abzurutschen, war er ein Journalist in Deutschland. Keinem untertan, keinem je das Wort redend. Ein deutscher Jude. Ein Workaholic. Ein Intellektueller. Und ein Verleger, wie sie nur noch im Buche stehen.

Zum Beispiel in der Jacobsohn-Biografie Ein Leben für die Weltbühne. Da steht er für einen anständigen Journalismus, bevor der Anstand ermordet wurde. "Es ist Perikles, der bei Thukydides erklärt, dass das Glück in der Freiheit bestehe, die Freiheit aber im Mut. Wenn er recht hat, bin ich überglücklich gewesen."

Gegen rechte Teutonen

Nach dem Ende des Krieges 1918 und der halbherzigen deutschen Revolution wuchs die Weltbühne zum wichtigsten politische Blatt der Weimarer Republik. Inspiriert vom jüdischen Geist deutscher Autoren, der für Berlin so typisch war wie der Ungeist rechter Teutonen, die SJ Woche für attackierte.

Berühmt wurde die Serie über Fememorde, die ungesühnten Verbrechen der Schwarzen Reichswehr. Auf den Todeslisten, die für den Tag X vorbereitet waren, stand SJ deshalb ganz oben. Doch entkam der als "zionistischer Gnom" angefeindete Polemiker den braunen Mördern: er starb 1926, nach einem epileptischen Anfall .

Bei der Trauerfeier nach seinem Tod dirigierte im Deutschen Theater zu Berlin Erich Kleiber die Ouvertüre aus Figaros Hochzeit, Nachrufe auf SJ hielten anschließend Ernst Toller, Fritz Kortner und Kurt Tucholsky.

Jacobsohns Nachfolger als Herausgeber wurde (bis zum Verbot der Weltbühne durch die Nazis) Carl von Ossietzky. Danach gab es nur noch eine Farbe, und das war nicht die Farbe rot.