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SZ-Serie: Drehmomente, Folge 14:Kulissen für die Massen

1934 drehte Leni Riefenstahl auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg ihren Film "Triumph des Willens". Er ist die Übersteigerung einer inszenierten Realität als perfekte, menschenverachtende Propaganda

Von Egbert Tholl

Vermutlich ist das die größte Filmkulisse, die je erschaffen wurde. Das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg gibt auch heute noch profund Auskunft über die Gigantomanie der Nazis. Die Kongresshalle steht noch, dem Kolosseum in Rom nachempfunden; heute befindet sich darin das Dokumentationszentrum. Auch das Staatstheater Nürnberg hat darin schon gespielt. Man kann die sogenannte "Große Straße" entlanggehen und sich auf dem Zeppelinfeld winzig klein fühlen. Dort steht immer noch die Rednertribüne, die oben zu sehen ist. Das Bild darunter ist aus dem Film, um den es hier geht, "Triumph des Willens", den "Dokumentationsfilm" von Leni Riefenstahl über den Reichsparteitag von 1934.

Der Film steht auf dem Index, manchmal wird er in moderierten, wissenschaftlich begleiteten Vorführungen gezeigt. Kein Propagandafilm der Nazis gibt deutlicher Auskunft über das Wesen des Regimes. Andere, auch heute verbotene Filme sind subtiler wie etwa Veit Harlans widerwärtiger "Jud Süß" oder viel brutaler wie das vermeintliche Wissenschaft suggerierende Machwerk "Der ewige Jude", das selbst Goebbels zu dumm war. Aber kein Film macht das Totalitäre des Regimes so deutlich. Siegfried Kracauer nannte ihn den "Triumph des Nihilismus. Es ist ein erschreckendes Schauspiel, so manchen aufrichtigen, arglosen Jungen enthusiastisch sich seiner Korruption unterwerfen und lange Kolonnen von exaltierten Männern zu sehne, die zu dem sterilen Machtbereich dieses Willens hinmarschieren, als ob sie selbst sterben wollten."

Zu Beginn der Naziherrschaft gibt der Film den Weg in den Tod bereits vor. Die Nazis betrieben stets einen ungeheuren Totenkult, auch im Film werden die Toten der "Bewegung" geehrt, die Lebenden in einem pseudosakralem Akt auf die Fahne des niedergeschlagenes Putschs von 1923 eingeschworen. Damals hatte der erste Parteitag in München stattgefunden, der zweite wurde 1926 in Weimar abgehalten, dann folgten acht Parteitage in Nürnberg, in der gigantischen Kulisse, die eigens dafür geschaffen wurde. Ein riesiges potemkinsches Dorf, das fatale Größe einer Herrschaft suggerieren soll.

Ehemaliges Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, 2017

Wer heute das Reichsparteitagsgelände besucht, muss sich die Gewalt, die Massen, die Hysterie dazu denken, die einst den Ort bestimmten.

(Foto: Johannes Simon)

Nach dem Krieg rechtfertigte sich Leni Riefenstahl damit, sie habe, anders als die vielen anderen Propagandafilme der Nazis, nicht erfunden, habe lediglich etwas abgefilmt, was ohnehin passierte. Doch in der Vorbereitungen für den Parteitag wurde das Filmprojekt stets mitgedacht. Einmal sieht man im Film eine der Kameras an einem der riesigen Fahnenmasten rauf und runter fahren. Vor allem aber inszeniert der Film das mehrtägige Spektakel nochmals, verdichtet es, rhythmisiert es und zeigt Bilder, die keiner der hunderttausenden Teilnehmer so sehen konnte.

Zu Beginn schwebt das Flugzeug mit Hitler von den Wolken herab, man sieht die mittelalterliche Stadt von oben, Musik (ein Bruckner-Derivat) schafft eine Atmosphäre von Erhabenheit. Bald ist da nur noch ein Dröhnen. Schier endlos bewegt sich der Tross Hitlers durch die Stadt, ihm werden Kinder gereicht und aus den Fenstern der alten Häuser grinsen Fratzen übersteigerter Euphorie. Alles ist voller Fahnen, die ganze Stadt. Das Bild wiederholt sich im Film mehrfach, dazwischen die Szenen des eigentlichen Parteitags.

Geredet wird auf diesem, folgt man Riefenstahls Film, erstaunlich wenig. Totalitäre Propaganda versucht, die Wirklichkeit zu ersetzen. Da ist Denken nur im Weg. Das haben die Nazis nicht erfunden, aber sie haben es zur Perfektion getrieben. "Triumph des Willens" schraubt den Intellekt auf ein Mindestmaß dröhnender Worte herunter und bearbeitet statt dessen die Emotionen. Wenn ganz am Ende doch noch ein paar Minuten hohl tönender, phrasenhafter Reden zu erleben sind, ist man schon völlig weichgespült im Kopf von den Bildern und der Musik.

Adolf Hitler auf der Rednertribüne auf dem Zeppelinfeld, rechts neben ihm Heinrich Himmler.

(Foto: SZ)

Immer wieder wird eine behauptete Gemeinschaft beschworen wie beim Appell der Männer vom Reichsarbeitsdienst. Ein Sprecher wiederholt ständig der Frage: "Kamerad, woher kommst du?" Der Kamerad, den Spaten geschultert, wendet sein Gesicht in die Kamera und antwortet mit leuchtendem Blick und pathetischem Ton: "Aus Friesland, von der Waterkant, vom Rhein, von der Donau", und so weiter. Alle Bestandteile des Reichs werden aufgezählt und zu dem zusammengeschweißt, was die Nazis "Schicksalsgemeinschaft" nannten. Eine rein männliche Gemeinschaft. Frauen tauchen nur als Teil der jubelnden Masse auf den Straßen Nürnbergs auf. Die Männer, meist jung und gut trainiert, tragen übrigens Frisuren, die heute wieder sehr in Mode sind, man nennt das nun "Undercut".

Berühmt wurde "Triumph des Willens" durch das, was Kracauer das "Ornament der Masse" nannte. Tausende von Menschen werden Kulisse, bewegliche Kulissen. Endlos die Reihen der Marschierenden auf dem Zeppelinfeld, sie bilden Girlanden ohne Anfang und Ende, man könnte fast an eine Revue denken, wenn es nur den winzigsten Funken Freude enthielte. Ein massives Mittel der Überwältigung, dem man heute wieder im Theater begegnen kann. Im Stillstand verlieren die Menschen dieser Masse dann vollends ihre Individualität. Immer wieder über ihnen: Hitler und ein paar wenige andere Nazigrößen, von unten gefilmt als Heroen einer neuen Zeit. Grässliche Popanze.

Besucht man heute den Drehort, muss man sich die Gewalt mitdenken, die Inszenierung einer vorgegaukelten Realität. Natürlich, diese schuf schon der Parteitag selbst. Aber in ihrem Buch über die Dreharbeiten, 1935 erschienen, lobt Riefenstahl selbst die Bereitschaft der Naziführer, ihr die Dreharbeiten zu erleichtern. Deshalb steht man heute in Nürnberg in den Überresten eines Regimes, aber auch in den Resten einer Filmkulisse.

© SZ vom 28.09.2018
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