Suhrkamp-Umzug nach Berlin:Offensive Rückzugsverteidigung

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Ihr Haus müsse "beweglich sein und Arbeitsplätze sichern", sagt die Verlagschefin. Die Gewerkschaften fordern schon mal einen Sozialplan.

Die Gewerkschaft ver.di forderte die unverzügliche Aufnahme von Verhandlungen zwischen Verlagsleitung und Betriebsrat über Interessenausgleich und Sozialplan - schließlich hatten sich 80 Prozent der Mitarbeiter gegen die Verlagerung ausgesprochen.

Suhrkamp-Chefin Ulla Unseld-Berkéwicz versicherte indes, Arbeitsplätze seien gar nicht gefährdet. Verständnis für den Umzug des traditionsreichen Hauses äußerte der Literaturkritiker Marcel Reich- Ranicki: "Ulla Unseld-Berkéwicz kann nicht Rücksicht nehmen auf die Ambitionen der Frankfurter Literaturszene, sie muss entscheiden, was für den Verlag das Beste ist", sagte er in Frankfurt. Die Verlagschefin werden den Gang nach Berlin "nicht bedauern".

Dem Spiegel sagte der 88-Jährige: "Wenn ein Autor gern bei Suhrkamp publizieren will, ist es ihm doch egal, ob er dafür nach Frankfurt oder in Zukunft eben nach Berlin reisen muss."

Ver.di mahnte in einer Mitteilung, die Sicherung der Arbeitsplätze müsse oberste Priorität haben: "Denjenigen Beschäftigten, die nicht mitgehen können oder wollen, muss die Möglichkeit auf einen dauerhaften Arbeitsplatz in Frankfurt/Main zugesichert werden."

Suhrkamp beschäftigt derzeit in Frankfurt etwa 130 Mitarbeiter. Der Verlag hatte am Freitag angekündigt, 60 Jahre nach seiner Gründung Anfang 2010 aus Hessen nach Berlin zu übersiedeln.

Stiftungen und Dependance bleiben am Main

In Frankfurt sollen drei Stiftungen sowie eine Dependance bleiben. Diese dürfe "kein vorübergehendes Trostpflaster sein", verlangte ver.di, vielmehr müsse "Frankfurt als gleichberechtigter Verlagsstandort neben Berlin dauerhaft erhalten bleiben".

Unseld-Berkéwicz sagte dem Nachrichtenmagazin Focus: "Das Angebot gefährdet die Arbeitsplätze nicht, im Gegenteil: Alles, was wir hier planen, dient der Sicherheit von Suhrkamp, nicht nur für die nächsten Jahre, sondern für die nächsten Jahrzehnte." In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erklärte die Geschäftsführerin, das Haus müsse in einem wirtschaftlichen Umfeld wie dem aktuellen "beweglich sein und Arbeitsplätze nicht etwa wegkalkulieren, sondern sichern". Die Verlegerin sagte: "Das ist eines der zentralen Ziele, einer der Hauptzwecke des Umzugs."

Ein Grund für dem Umzug, über den seit Wochen spekuliert worden war, waren nach Angaben von Unseld-Berkéwicz die "Solidaritätszeichen Berlins": Nachdem Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) vor drei Jahren ein erstes Angebot gemacht habe, "hielt sein Kulturstaatssekretär auf feine, kluge Weise den Kontakt und machte das Angebot der Stadt just zu einer Zeit konkret, da gegen den Verlag und mich eine schrille öffentliche Diffamierungskampagne stattfand, zuverlässig begleitet von Häme-Ausbrüchen in den Medien", sagte Unseld-Berkéwicz der FAZ.

Reich-Ranicki sagte: "Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Zusammenarbeit mit ihr in Berlin etwas leichter wird als hier." Gleichwohl sei die Entscheidung zur Verlagerung "für Frankfurt eine bedauerliche Nachricht", befand der in Frankfurt lebende Literaturkritiker: "Das wird die Kulturszene in Frankfurt etwas weniger attraktiv machen." Es gebe aber andere bedeutende Verlage in Hessens größter Stadt, etwa den S. Fischer Verlag.

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