Streit um "Defiance": "Dies ist eine wahre Geschichte"

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Überdies hatten die Besatzer aus der einheimischen weißrussischen Bevölkerung eigene Polizeiverbände rekrutiert, die ohne Unterschied gegen alle Gruppen im Untergrund vorgehen sollten und auch zu Handlangern des Holocaust wurden. So lieferten weißrussische Polizisten der SS auch die Eltern der Bielski-Brüder aus. Diese schworen Rache und erschossen später die Kollaborateure.

Die Brüder und ihr auf mehrere hundert Personen angewachsener Tross, darunter Frauen und Kinder, stoßen in dem Film auf sowjetische Partisanen. Diese erweisen sich allerdings als illoyal: Als deutsche Panzer, unterstützt von Stukas, das Lager angreifen, setzen sich die Russen ab. Tewje und seine Brüder hatten zuvor schon antisemitische Bemerkungen von Seiten der Kampfgenossen verstört.

Die Wirklichkeit

Die Wirklichkeit, die mittlerweile in mehreren Studien rekonstruiert werden konnte, sah auch hier anders aus. Zunächst gab es kein Gefecht der Partisanentruppe gegen deutsche Panzer; die Drehbuchschreiber räumten ein, dass sie es aus Gründen der filmischen Dramatik erfunden hätten. Vor allem aber war die Kooperation der Bielski-Truppe mit den sowjetischen Partisanen viel intensiver: Die jüdischen Kämpfer waren sogar in die straff organisierten sowjetischen Verbände, die hinter den deutschen Linien kämpften, offiziell eingegliedert. Warschauer Historiker weisen darauf hin, dass diese von 1943 an versucht hätten, den polnischen Untergrund systematisch zu schwächen.

Gut belegt ist die "Aktion Hermann": Eine Division der Waffen-SS durchkämmt das Waldgebiet, in dem Partisanen vermutet werden. Polnische und sowjetische Kämpfer beschließen, einer deutschen Einheit gemeinsam einen Hinterhalt zu legen. Als es zum Gefecht kommt, setzen sich die kommunistischen Kämpfer blitzschnell ab, die Polen werden von den Deutschen eingekreist, fast alle fallen. Die Historiker konnten auch die Frage klären, die die meisten Emotionen hervorgerufen hatte: Wer waren die Täter beim Massenmord im Dorf Naliboki?

Zwei Journalisten der linksliberalen Gazeta Wyborcza kamen in einer aufwändigen Recherche, die sie in Buchform veröffentlichten, zu dem Ergebnis: Es waren nicht die Bielski-Brüder und ihre Leute. Vielmehr habe dort eine Gruppe sowjetischer Partisanen gewütet, die überwiegend aus ethnischen Russen bestanden habe. Doch dann wiesen Historiker den beiden Journalisten eine Fülle von sachlichen Fehlern nach, so dass der Verlag das Buch zurückzog.

Die Gemüter

Nun hatten in der Debatte wieder diejenigen Oberwasser, die in den "bolschewistischen Juden" unversöhnliche Feinde Polens sahen. Sie versäumten es auch nicht, darauf hinzuweisen, dass die Gazeta Wyborcza, der polnische Nationalisten immer wieder mangelnden Patriotismus vorwarfen, von Redakteuren jüdischer Abstammung geleitet werde.

Doch schon wenig später stellten polnische Historiker, die sich auf die Erforschung des Partisanenkriegs spezialisiert haben, eindeutig klar: die Bielski-Brüder waren nicht in Naliboki. Dies ergäben Dokumente, die in Minsker und Moskauer Archiven lägen. Als sich zudem herausstellte, dass Tewje Bielski keineswegs bolschewistischer Kommissar war, sondern zu Kriegsbeginn sogar Soldat der polnischen Streitkräfte, beruhigten sich die Gemüter an der Weichsel wieder.

Es wurde ihm nun auch von den Kritikern des Filmes zugestanden, dass er und seine Brüder in der Tat in heldenhaftem Einsatz Hunderte von verfolgten Juden gerettet hätten. Für Tewje sprach dann auch, dass er nach dem Krieg keineswegs in die Sowjetunion gegangen ist, wie es ihm offenbar vom Geheimdienst Moskaus angeboten worden sei. Vielmehr schlug er sich nach Westeuropa durch und emigrierte von dort in die USA. Er verdingte sich als Taxifahrer in New York, starb 1996 in bescheidenen Verhältnissen.

In seinen letzten Lebensjahren hatte er der amerikanischen Historikerin Nachama Tec seine Geschichte erzählt. Doch blieb deren 1993 erschienenes Buch weitgehend unbeachtet, bis es die Vorlage für den Film wurde. Gegen diesen fanden nun in Warschau doch keine Protestaktionen nationalistischer Gruppierungen statt, er kam ungehindert in die Kinos. Ein Erfolg aber wurde er nicht.

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