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Sterndeutung aus dem SZ-Magazin:(Über-)Leben als Jungfrau

Die Jungfrau verfolgt ihre Ziele und weiß, wie sie umzusetzen sind, sie versucht, Unnötiges zu vermeiden, sie ist sehr moralisch, ihr Verhalten ist immer an ethischen Maßstäben ausgerichtet. Ihre Lieblingsfrage ist: warum?

Ich rufe meine alte Freundin Claudia an, um mit ihr über die Vorzüge der Jungfrau zu sprechen. "Ich muss dir ja nicht sagen, dass Selbstlob etwas ist, was die Jungfrau als aufdringlich und ein wenig peinlich empfindet - und auch mir also gar nicht liegt", sage ich. Das Wort Selbstlob kam mir offenbar so schwer über die Lippen, dass sie verstand: selbstlos. "Typisch Jungfrau!"

Zu unserem Treffen bringt sie eine große, rote Hutschachtel mit, voller Bücher, Unterlagen und Diagrammen. "Claudia, was macht die Jungfrau sympathisch?" Sie, ein Skorpion und von scharfem Verstand, antwortet: "Die große Stärke der Jungfrau ist ihre enorme Loyalität. Sie braucht zwar etwas, um in Gang zu kommen, aber wenn sie erst mal überzeugt ist von einer Idee, von einem Menschen, kann man sich kaum etwas Besseres wünschen. Sie ist unter allen Sternzeichen die große Realistin und immer auf der Suche nach Wahrheit.

Deshalb gibt es auch unter Journalisten, Juristen und Psychoanalytikern so viele Jungfrauen. Sie verfolgt ihre Ziele und weiß, wie sie umzusetzen sind, sie versucht, Unnötiges zu vermeiden, sie ist sehr moralisch, ihr Verhalten ist immer an ethischen Maßstäben ausgerichtet. Sie hat ein ausgesprochen ausgeprägtes Bewusstsein für Werte und Qualität. Sie sucht immer nach Begründungen und ihre Lieblingsfrage ist: warum? Ihr Geist ist ständig in Bewegung..."

Goethe, Beckenbauer, Garbo

"Stopp", sage ich, "eine Frage: Warum fühlen sich Jungfrauen manchmal so falsch verstanden?" Sie kramt in der Hutschachtel und findet einige Augenblicke später dort auch eine Erklärung. In einem ihrer Bücher heißt es, Jungfrauen würden "auf traurige Art fehlgedeutet". Das liege daran, dass im Mittelalter das Christentum einige Sternzeichen in seinem Sinne ein wenig umgedeutet und den christlichen Moralvorstellungen angepasst habe.

Am meisten hätten dabei der Skorpion und die Jungfrau gelitten. Der Skorpion steht seither vor allem im Ruf des rach- und sexsüchtigen Bösewichts, der Jungfrau haften eine Reihe von Merkmalen an, die auch zur Charakterisierung der Jungfrau Maria taugen, aber eben nicht den Kern des Jungfrau-Wesens treffen: reinlich, adrett, ausgeglichen, eine durch und durch saubere Seele. Damit sollten die geläufigsten Missverständnisse ausgeräumt sein.

Eins noch: Böswillige unterstellen der Jungfrau gelegentlich, nein, immer, es fehle ihr an Kreativität, erst recht an Genie. Darauf nur eine kurze Antwort: Goethe, 1. Dekade. Beckenbauer, 2. Dekade. Garbo, 3. Dekade.

Fassen wir also zusammen: Die Jungfrau, egal ob Mann oder Frau, ist in ihrem Innern ein feinnerviger, sensibler Romantiker, der sich im Leben zu behaupten weiß, nie seine Maßstäbe vergisst, Lösungen sucht und findet und gelegentlich mit seiner Gabe zur Beobachtung und der Fähigkeit, die Dinge richtig zu benennen und in einen Zusammenhang zu stellen, brilliert, ohne anderen davon sofort erzählen zu müssen.

Sollten Sie, liebe Widder, Löwen, Skorpione, Stiere, Wassermänner, Schützen, Steinböcke, Zwillinge, Waagen, Fische und Krebse derzeit auf der Suche nach einem neuen Freund, Kollegen, Chef oder Ehepartner sein: Nehmen Sie eine Jungfrau, es gibt keine Besseren. Sofern man nicht vergisst, den Knopf zu öffnen.

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