bedeckt München 21°

Stefan Bachmann:Die leichte Unerträglichkeit des Seins

Schauspiel Köln - Jahrespressekonferenz

Stefan Bachmann, 1966 in Zürich geboren, hat in Berlin studiert und später das Theater Basel geleitet. 1996 wurde er zum Nachwuchsregisseur des Jahres gekürt. Seit 2013 ist er Intendant des Schauspiels Köln.

(Foto: Henning Kaiser/dpa)

Im Gespräch antwortet der Intendant auf die Vorwürfe gegen seinen Führungsstil am Schauspiel Köln.

Interview von Martin Krumbholz

Künstlerisch steht das Schauspiel Köln in seiner Mülheimer Ausweichspielstätte, dem Depot im Carlswerk, recht solide da. Nun aber erschüttern, wie gemeldet, heftige Mobbing-Vorwürfe das Haus. Frühere und heutige Mitglieder des Ensembles werfen dem Intendanten Stefan Bachmann vor, Vorfälle wie das Verleumden von Kollegen oder das Sabotieren von Proben nicht zu ahnden oder sogar zu decken. Im SZ-Interview nimmt Bachmann zu den Vorwürfen Stellung.

SZ: Herr Bachmann, Sie legen einen spannenden Spielplan für die Spielzeit 2018/19 vor. Frank Castorf wird beispielsweise einen Dostojewski inszenieren ...

Stefan Bachmann: Den letzten, den er noch nicht gemacht hat: "Ein grüner Junge".

Und ausgerechnet jetzt werden aus Teilen des Ensembles Vorwürfe gegen Ihren Führungsstil erhoben. Es ist da von einer "Angstblase" unter den künstlerischen Mitarbeitern die Rede. Wie gehen Sie mit diesen Anschuldigungen um?

Ich erlebe die Arbeitsatmosphäre an meinem Haus als offen, kreativ und inspirierend. 38 Mitarbeiter des künstlerischen Ensembles haben eine Erklärung veröffentlicht, die diese Wahrnehmung bestätigt. Außerdem bekomme ich viele Zuschriften von früheren Mitarbeitern und regelmäßigen Gästen, die das Gegenteil von dem bekunden, was da behauptet wird. Aber die Vorwürfe, die im Raum stehen, nehme ich ernst. Deshalb habe ich eine Mediatorin berufen, die diese untersuchen soll.

Die Unterschriften zu Ihren Gunsten fehlen allerdings, wie auch die Anschuldigungen, die sich zum Teil gegen Ihre Frau, die Schauspielerin und Regisseurin Melanie Kretschmann, richten, weitgehend anonym geblieben sind. Ist das Ensemble gespalten?

Ich habe nicht den Eindruck, dass das Ensemble gespalten ist. Anonym vorgetragene Anschuldigungen lassen sich jedoch schwer einschätzen. Man muss sie auch in den richtigen Kontext stellen, schauen, aus welcher Richtung sie kommen. Es gibt vielleicht auch Menschen, die aus irgendeinem Grund keinen anderen Ausweg sehen, als auf diese Weise vorzugehen. Und wenn die Mitarbeiter, die mich unterstützen, dies anonym tun, dann deswegen, weil sie die anderen, die nicht unterschrieben hätten, schützen wollten. Sie hätten alle gerne unterschrieben.

Was hätten die anderen denn zu befürchten?

Es liegt in der Natur der Sache, dass bei dieser undurchsichtigen Gemengelage eine Verunsicherung eintritt.

Hätte man die Mediation früher einleiten sollen? Dass es Konflikte gibt, ist ja offensichtlich schon länger bekannt und kann auch Ihnen nicht entgangen sein.

Ich bin jemand, der Offenheit großschreibt. Ich habe dem Ensemble von Anfang an gesagt: "Seid offen mit mir!" Wenn das nicht funktioniert hat, müssen wir das jetzt untersuchen.

Sie haben in Ihren fünf Kölner Jahren schon eine Reihe von Führungskräften verloren, zwei Chefdramaturgen, eine Pressesprecherin und auch die Regisseurin Angela Richter, die nun zu den wenigen gehört, die sich namentlich zu den Anschuldigungen bekennen. Warum hat sie vor zwei Jahren das Haus verlassen?

Ich habe mich von den Mitarbeitern weitgehend im Guten getrennt. Viele konnten sich beruflich verbessern. Aber bitte haben Sie Verständnis, dass ich mich zu einzelnen Personalien nicht äußern kann.

Ein Teil der Anschuldigungen richtet sich gegen Ihre Frau Melanie Kretschmann. Können Sie in der "Personalunion" als Chef und Ehemann überhaupt noch objektiv sein?

Das ist natürlich eine Konstellation, die grundsätzlich eine Herausforderung darstellt. Da stehen Vorwürfe im Raum, ich bin als Ehemann involviert und brauche die Außenspiegelung, deshalb die Mediation. Man muss Konstruktionen finden, die unabhängige Bewertungen ermöglichen und über Strukturen und Wege nachdenken, die das Vertrauen im gesamten Haus sicherstellen. Aber ein "Paarverbot" am Theater halte ich nicht für realistisch. Es gibt unter Paaren in künstlerischen Zusammenhängen durchaus produktive Konstellationen.

Man spricht in der Soziologie schon von einem "Hostile Work Environment", einer feindlichen Arbeitsumgebung. Andererseits gehört es zu den vornehmsten Pflichten des Theaters, Humanität zu predigen. Ist dieser manifeste Widerspruch noch erträglich?

Das Theater beruht auf Emotionen, Kontroversen, Konflikten. Es stellt einen geschützten Raum dar, das ist mir ganz wichtig. Künstler, Schauspieler sind Hochleistungssportler, die in einer großen Emotionalität, auch in einer permanenten Gefährdung arbeiten. Anders geht es nicht. Grundlage für all das ist gegenseitiges Vertrauen.

Das scheint erschüttert zu sein. Sie selbst haben Ihren Kollegen Matthias Hartmann keineswegs in Schutz genommen, als er am Burgtheater angegriffen wurde, ähnlich wie Sie jetzt. Wenn die Vorwürfe gegen Sie stimmen sollten, stünden Sie als eine Art Tartuffe da.

Man kann die beiden Fälle meines Erachtens nicht vergleichen, da sollte man schon etwas differenzieren.

Sie haben angekündigt, das Schauspiel Köln 2021 zu verlassen, also vor dem Wiedereinzug ins renovierte Schauspielhaus. Wie sieht es jetzt aus, stehen Sie zu Ihrer Ankündigung?

Ich habe hier eine bewegte und bewegende Geschichte. Wenn man sich anschaut, wie es angefangen hat: Wir haben eine Ausweichspielstätte gesucht und gefunden, in einer ehemaligen Fabrik in Mülheim, auf der "falschen Rheinseite", und wir dachten, es sei ein Interim. Wir haben in einem permanenten Ausnahmezustand gearbeitet, es gab keine Wirtschaftspläne, die Infrastruktur war katastrophal, die Schauspieler haben auf Stahlbetonboden gespielt. Ich stand als Bauherr in der Schusslinie. Spielpläne wurden hinfällig. Es hat sich herausgestellt, es ist kein Interim, es ist ein Zustand für Jahre.

Man kann sich inzwischen doch ganz wohlfühlen in Ihrem Depot.

Das ist ein ganz großer Erfolg, dass wir es geschafft haben, das Depot beim Publikum zu etablieren. Aber ich habe gesagt, ich höre 2021 auf. Dazu stehe ich.

© SZ vom 04.06.2018

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite