Spurensuche, Folge 6 Lokalreporter in Lebensgefahr

Marc Ritter lässt den Helden seiner Hartinger-Krimis dort ermitteln, wo er selbst einst Journalist war: in Garmisch-Partenkirchen

Von Yvonne Poppek, Garmisch-Partenkirchen

"Jetzt haben Sie mich erwischt." Marc Ritter blickt an der Fassade des Klinikums Garmisch-Partenkirchen hoch. Oben, im vierten Stock, zieht sich ein breiter Vorsprung entlang. An manchen Stellen hat er Balkontiefe, man könnte sogar mit Krücken dort entlanggehen. Es ist also keinesfalls ein zehn Zentimeter breiter Betonsims, wie ihn Ritter in seinem Kriminalroman "Frauenmahd" beschreibt. Auf diesem balanciert der Lokalreporter Karl-Heinz "Gonzo" Hartinger in mordaufklärerischer Absicht "praktisch nackt, nur bekleidet mit einem seine Kehrseite nicht verhüllenden Nachthemd". Marc Ritter lacht auf, als er ein weiteres Mal hinaufblickt. "Ich hatte es als eine Betonfassade in Erinnerung", sagt er. Und fügt hinzu: "Zu recherchieren, wie die Krankenhausfassade aussieht, ist ja auch irgendwie langweilig."

Es ist eine kleine Ungenauigkeit, aber keine, die den Autor mehrerer Bücher, darunter vier Kriminalromane um die zentrale Figur des Lokalreporters aus Garmisch-Partenkirchen, beunruhigen würde. Die Realität beugt sich hier der Fiktion. Der Spannung und auch der Komik wegen. Denn Hartinger hat Probleme da oben, erst recht, als auch noch ein Rettungshubschrauber hinterm Klinikum landet, sein Leiberl ihm über den Kopf weht und er "wie ein gekreuzigter Spider-Man" an der Wand pappt. Der Hubschrauberlandeplatz ist in Wirklichkeit auch schon seit einiger Zeit nicht mehr auf der Rückseite des Gebäudes. Ritter weiß das. Aber früher war es anders. Und die Erinnerung ermöglicht nun eben groteske Spider-Man-Szenen, die Realität nicht.

"Frauenmahd" ist der vierte Hartinger-Krimi, in dem sich so einiges im Klinikum Garmisch-Partenkirchen abspielt. Hartinger wird hier gleich mehrfach eingeliefert und entzieht sich mal mehr mal weniger glücklich der Behandlung. Es ist jedes Mal ein Mordversuch, der den Reporter zum Klinikaufenthalt zwingt. Ritter ist da nicht zimperlich mit seinem Protagonisten.

Wie gefährlich der Journalistenberuf in Garmisch-Partenkirchen tatsächlich ist, weiß Ritter ganz gut einzuschätzen. Als junger Mann war er selbst als Reporter unterwegs, berichtete, was im Ort passiert war. "Ich war der Michael Graeter von Garmisch", scherzt er. Nach diesen Anfängen bewarb er sich an der Deutschen Journalistenschule, wurde aber nicht genommen. Er studierte Germanistik, dann Medien-Marketing und wandte sich dem Marketing, Vertrieb und der Unternehmensberatung zu. Ein Beruf, der dem 49-Jährigen bis heute geblieben ist. Aber das Schreiben ließ ihn nicht los. In einem Urlaub 2005 setzte er die ersten Seiten seines Regionalkrimis auf. "Es hat mich 15 Jahre lang gedrückt", erklärt er den Impuls. 2011 kam "Josefibichl" heraus, in dichter Folge erschienen sieben weitere Bücher, darunter zwei Thriller und ein Sachbuch.

Spurensuche

Mit Krimi-Autoren zu den Schauplätzen ihrer Romane. SZ-Serie, Folge 6

Es ist ein hohes Tempo, insbesondere angesichts der Tatsache, dass der Vater von fünf Kindern hauptberuflich bei Google arbeitet. "Ich habe gemerkt, dass ich wahnsinnig gut unter Druck schreiben kann", sagt Ritter. Derzeit arbeite er an drei Projekten: Sachbuch, Drehbuch, Krimi. Jeden Abend stelle er sich den Wecker für 20 Uhr, der Alarm ermahne ihn zum Schreiben. Trotzdem: Der großgewachsene, sportliche Mann macht keinen erschöpften, sondern einen vitalen, ja unverwüstlichen Eindruck. Ähnlich unverwüstlich wie sein Hartinger. Wenn es ihn sportlich reizen würde, würde Ritter vermutlich auch auf dem Betonsims balancieren. Zum Glück ist der aber nicht da.

Dafür ist direkt nebenan das Kainzenbad, ein wunderschönes Naturfreibad mit alten Bäumen und Bergblick. Als Hartinger erneut dem Tod entronnen ist, nimmt er sich vor, wieder dort baden zu gehen. Es ist eine ungewöhnlich melancholische Stelle in "Frauenmahd", ob da die Stimme des Autors wohl zu spüren ist? "Ja", sagt Ritter, "das Kainzenbad ist ein Sehnsuchtsort, ein Ort meiner Jugend." Die Figur Hartinger sei sehr nah an ihm dran, besonders, "wenn er so grantelt und schimpft, und auch das Phlegma, das er hat", räumt er ein. Dass Hartinger oft ein Macho ist, kann Ritter nicht nachvollziehen. Dass sein Ermittler ein Journalist ist, habe indes mit seinem ursprünglichen Berufswunsch zu tun, sagt er. Für einen Krimi sei ein ermittelnder Reporter praktisch: "Ein Journalist ist gut verdrahtet, und er ist unbequem."

Dieses Unbequeme stürzt Hartinger allerdings oft in ebensolche Situationen. Die wohl unbequemste in "Frauenmahd" ist jene, als er bei lebendigem Leibe in einem Sarg auf dem Partenkirchner Friedhof verscharrt wird. "Den Friedhof kenne ich gut", sagt Ritter, der seit seinem sechsten Lebensjahr in Partenkirchen aufgewachsen ist. In seiner Vorstellung sei der Sarg irgendwo zwischen den akkurat gepflegten Grabstellen eingegraben worden, nahe der Aussegnungshalle mit dem Zwiebelturm. Ritter erzählt dies bei einem kleinen Rundgang auf dem Friedhof. Er spaziert entspannt über das Gelände, spricht mit seiner kräftigen Stimme, als ob es keine Totenruhe gäbe. Auch eine gerade stattfindende Beerdigung lässt ihn nicht zaghaft werden. Der Tod gehört zum Leben. Und natürlich zum Krimi.

Zu seinen Romanen gehört auch das Klischee, das gibt Ritter unumwunden zu. "Die Figuren gibt es alle", sagt er. Sie seien eine Melange aus realen Vorlagen. "Im Grunde sind das alles Archetypen", sagt Ritter. Viele würden sich darin wiedererkennen. Und auch viele Menschen in anderen Orten und Landesteilen würden sagen: Das ist ja wie bei uns. Er überzeichne die Figuren und das Geschehen, das sei alles holzschnittartig, aber dadurch sei es lustig. Nur bei einem Thema bleibe er ernst: Wenn es um den Nationalsozialismus in Garmisch-Partenkirchen gehe. "Das Thema lässt mich nicht mehr los, weil ich mich frage, was hätte ich denn gemacht?"

Während Ritter über die Kunst des Klischees sinniert, marschiert er außen an der Friedhofsmauer entlang. In "Frauenmahd" rasen zwei Strippenzieher des Ortes, die gerade vergiftet worden sind, mit ihren dicken Autos in die Mauer hinein. Zielstrebig geht der 49-Jährige voran, um diese Krimi-Tatortstelle zu zeigen. Die habe er schon für den Roman inspiziert, sagt er. Ein bisschen stutzt er, als sich die Mauer immer mehr hinter Gebüsch und Bäumen wegduckt und so gar keinen bedrohlichen Eindruck macht. Doch endlich: Gegenüber der Einmündung zur Münchener Straße lichtet sich das Gebüsch, eine Steinmauer präsentiert sich. Ritter triumphiert, als er die Schneise entdeckt: "Da ist doch eine Lücke! Genau da könnten die reingefahren sein." Nach dieser Feststellung dreht sich Ritter zur Polizeistation auf der anderen Straßenseite. Dann fragt er: "Die rasen doch hier rein, als dort drüben der Bernbacher wiederbelebt wird, oder?" Ob das jetzt eine ernst gemeinte Frage ist? Als Autor müsse er das doch wissen. Ritter lacht. Manchmal verliere er eben den Überblick.

Das geht ihm auch ein bisschen so, als es darum geht, die Tatorte in Alt-Partenkirchen aufzusuchen. Oben am Hang liegt das Anwesen, das bei Ritter im Besitz der von Bürstners liegt. Überall versperren Baustellen den Weg, den sich der Autor mit seinem Porsche 911, Baujahr 1979, suchen will. Schließlich geht es zu Fuß hinauf zur ockergelben Mauer, die das Grundstück umsäumt. Oben gibt es drei Klingelschilder: Pförtner, Büro, Villa. "Genau so stellt man sich das vor", sagt Ritter und macht ein Handyfoto von den Schildern. Vielleicht könne er das einmal brauchen.

Zur Person

Journalisten haben in den Augen von Marc Ritter zwei Eigenschaften: Sie sind unbequem, und sie sind gut vernetzt. Ideal also, um als Hauptfigur in einem Krimi zu ermitteln. Marc Ritter kann das ganz gut beurteilen. Der 1967 in München geborene Autor, der im Alter von sechs Jahren mit seiner Familie nach Garmisch-Partenkirchen zog und dort aufwuchs, war selbst in jungen Jahren als Lokalreporter unterwegs. Seinen Wunsch, Journalist zu werden, ließ Ritter allerdings fallen, als er sich auf Marketing und Beratung spezialisierte - eine Arbeit, die er heute noch ausübt. Doch das Schreiben ließ den Vater von fünf Kindern nicht mehr los. 2011 veröffentlichte er seinen ersten Krimi. In "Josefibichl" führte er seinen Protagonisten Karl-Heinz "Gonzo" Hartinger ein, der als Lokalreporter in Garmisch-Partenkirchen Morden und Verbrechen auf den Grund geht. Bis 2015 kamen drei weitere Hartinger-Krimis auf den Markt. Zudem schrieb Ritter zwei Thriller, ein Sachbuch und einen weiteren Krimi.

Während es wieder hinabgeht nach Alt-Partenkirchen, setzt langsam der Regen ein. Der Weg führt am Gasthof "Zum Rassen" vorbei und weiter bis zum Gasthof "Zur Linde". Hier lässt Ritter den Stammtisch sitzen, den Hartinger für seine Recherchen aufsucht. Um diese Uhrzeit und bei dem Wetter sind die Plätze im Freien vor der Wirtschaft unbesetzt. Man kann sich die Männer trotzdem gut vorstellen, wie sie beim Bier politisieren. Die Stille, das Trommeln der Tropfen auf dem Vordach, die lieblos verbaute Außenfläche durchziehen die Vorstellung allerdings mit traurigen, grauen Fäden. Diese reale Tristesse ist eine wunderbare Vorlage für jede Fiktion. Bei Ritter kommt sie allerdings nicht vor. Schade, dass es in seinem Roman nicht regnet.

Nächste Folge: Spurensuche mit Dirk Kruse