Skulptur Projekte Streichelzoo am Bahnhof

Um den Protest gegen eine Stahlplastik zu entschärfen, hat Münster 1977 die "Skulptur-Projekte" veranstaltet. Im Zehnjahresturnus darf man sich auf allerhand gefasst machen.

Von Gottfried Knapp

Zwei der wichtigsten Ereignisse des europäischen Kunstgeschehens, die Documenta in Kassel und die Skulptur-Projekte in Münster, werden immer am gleichen Sommerwochenende eröffnet. Kritiker, die sich einen Überblick über das aktuelle Kunstgeschehen verschaffen wollen, haben in diesen Tagen also eine Menge zu tun. Würde man sie fragen, zu welcher dieser beiden traditionsreichen Veranstaltungen sie lieber fahren, würden wohl viele, wie der Schreiber dieser Zeilen, spontan sagen: zu den Skulpturen in Münster.

Die global sich gerierende Documenta mit ihrem schwer überschaubaren, seit einiger Zeit durchaus gemischten bildnerischen Angebot und mit den vielen, teilweise weit auseinanderliegenden Ausstellungsorten ist für alle Besucher eine Herausforderung. Und da die im Krieg nahezu gänzlich zerstörte Stadt Kassel - sieht man von den Museen und den historischen Parks einmal ab - den Ausstellungsbesuchern nur wenig urbane Substanz und wenig ästhetische Zusatzreize bieten kann, werden die Stunden oder Tage, die man auf der Documenta zubringt, zu einer Aufgabe, die nur mit Fleiß und Geduld zu bewältigen ist.

Die nur alle zehn Jahre, also nur halb so oft stattfindenden Skulptur-Projekte in Münster greifen zwar ähnlich weit über den zentralen Ausstellungsort hinaus, ja sie machen den gesamten Stadtraum zum Ort skulpturaler Darbietungen. Doch da es nirgendwo zeitraubende Videos zu sehen gibt, und da die verstreuten Standorte mit einem der vom Museum verliehenen Fahrräder verhältnismäßig leicht zu erreichen sind, nimmt man die Einladung zum Skulpturen-Parcours und zur Besichtigung der wiederaufgebauten Stadt und ihrer bedeutenden Monumente jedesmal wieder gerne an.

Der wichtigste Pluspunkt der Skulpturen-Schau in Münster gegenüber der Documenta ist aber die Tatsache, dass bislang alle Ausstellungen von derselben Person kuratiert worden sind. Kasper König hat sich als Organisator nicht, wie die stets neu berufenen künstlerischen Leiter der Documenta, dadurch profilieren müssen, dass er alles strikt anders machte als seine Vorgänger. Er hat schon bei der ersten Ausstellung in Zusammenarbeit mit Klaus Bußmann jenes hohe internationale Niveau angesteuert, das dann zum Maßstab aller folgenden Schauen werden sollte. Und er hat selbstbewusst auf Bewährtes zurückgegriffen und so den vielen Individualisten, die er in den Zwischenjahren entdeckt hatte, ein attraktives Forum bieten können.

Während die Documenta-Ausstellungen auf manchmal recht fatale Weise von den Geschmacksvorstellungen der Leiter geprägt sind, nehmen die auf den Stadtraum bezogenen Skulpturenschauen respektvoll aufeinander Bezug. Ja, fasst man die Ergebnisse der bisherigen vier Ausstellungen zusammen, erhält man einen einzigartig dichten und vielfältigen Gesamtüberblick über die Entwicklung des dreidimensionalen Denkens und Gestaltens während des vergangenen halben Jahrhunderts. Die Stadt Münster aber, in der wichtige Einzelobjekte aus allen Ausstellungen an den vorgesehenen Orten erhalten geblieben sind, ist so ganz allmählich zu einem Freiluftmuseum für plastische Bildwerke geworden, zu einem begehbaren Katalog für neuere Skulpturen.

Dass ausgerechnet das katholisch-konservative Münster in den Siebzigern zum Experimentierfeld für neue Kunst im öffentlichen Raum werden konnte, verdanken wir den massiven Protesten, die in der Stadt aufbrandeten, als eine kinetische Stahlskulptur des Amerikaners George Rickey in der Stadt aufgestellt werden sollte. Um nach diesem öffentlichen Aufschrei dem Publikum zu zeigen, wie tief Rickeys durch die Luft sich bewegende Stäbe in der Tradition verankert sind, ließ das Landesmuseum im Jahr 1977 eine große Überblicksschau über die Entwicklung der modernen Plastik von Rodin bis in die Gegenwart zusammenstellen. Und da man diese aufwendige und ehrgeizige Retrospektive mit der Gegenwart verbinden wollte, lud man zusätzlich neun international bekannte Künstler nach Münster ein. Die Herren sollten sich in der Stadt nach Orten umsehen, an denen sie eine Plastik oder ein Objekt installieren wollten.

Carl Andre, Donald Judd, Richard Long, Claes Oldenburg, Ulrich Rückriem und Richard Serra haben mit ihren prägnant postierten Großskulpturen in Münster exemplarisch vorgeführt, wie man mit formal reduzierten Objekten kraftvoll in den Landschafts- und Stadtraum hineinwirken kann. Diese Monumente aus dem ersten Jahr dienen seither den Künstlern, die zu den Skulpturenschauen eingeladen sind, als Maßstab - und auch als Ansporn, alles vielleicht doch ein wenig anders zu machen.

An Originalität schwer zu überbieten war im Eröffnungsjahr, was Joseph Beuys und Michael Asher dem Stadtgefüge entnommen beziehungsweise zugefügt haben. Beuys hat den völlig sinnlosen Hohlraum, der sich zwischen dem Vordach einer Fußgängerunterführung und einer darübergelegten Fußgängertreppe auftat, mit 24 Tonnen Stearin und Talg lückenlos vollstopfen lassen und dann den unförmigen Block, der sich in der Lücke verfestigte, in drei Teile zersägt. Diese Stücke wurden dann als elektrisch warm gehaltene Rätselplastiken im Museum ausgestellt. Beuys hat also den Abguss eines von Verkehrsplanern erzeugten toten Lochs zum Exponat gemacht. Oder anders ausgedrückt: Er ließ ein physisch nicht greifbares dreidimensionales Gebilde aus Luft dem Besucher als durchpulsten Körper entgegentreten.

Merkwürdige Objekte wandern durch den Stadtraum

Auch der amerikanische Konzeptkünstler Michael Asher hat auf die Zufälligkeiten des Stadtraums von Münster kritisch reagiert. Er hat einen kleinen Wohnwagen während des Ausstellungshalbjahrs jede Woche auf einen anderen Platz in der Stadt stellen lassen und dann in Fotos die extrem unterschiedlichen Wirkungen, die dieser Fremdkörper in der feinen Altstadt oder in schäbigen Vorortwinkeln erzeugte, festgehalten. Dass diese konzeptuelle Rochade eines merkwürdigen Objekts im Stadtraum bei den folgenden drei Ausstellungen noch einmal in gleicher Reihenfolge an den gleichen Orten wiederholt wurde, kann man als historischen Glücksfall empfinden, denn die Fotos, die sich inzwischen angesammelt haben, dokumentieren auf ganz beiläufige Weise, wie sich die Stadt in diesem Zeitraum verändert hat.

Von den bis zu achtzig Installationen, die in den Jahren 1987, 1997 und 2007 für "Skulptur. Projekte. Münster" geschaffen worden sind, haben sich jene am tiefsten ins Gedächtnis geprägt, die am entschiedensten in bislang unbetretene Richtungen vorstießen. Die drei Glühbirnen, die Lothar Baumgarten hoch oben am Turm der Lambertikirche in den drei Eisenkäfigen brennen lässt, in denen ehedem die Leichen der hingerichteten Wiedertäufer ausgestellt waren, erinnern die Stadt auf ganz stille Weise an eine der schrecklichsten Episoden ihrer Geschichte.

Ohne Vorbild war auch die Klanginstallation von Olaf Metzel, die dem Besucher die ungeheure Gewalt von künstlich erzeugten Auto-Crashs schockierend laut ins Ohr hämmerte. Oder die verkleinerte Nachbildung einer banalen Bürohauskiste, die von den Schweizern Fischli/Weiss in eine Baulücke gestellt worden ist. Oder die kleine Buddhafigur, die Nam June Paik im Gestrüpp unterhalb einer Brücke in einen laufenden Fernseher blicken ließ. Oder auch Mike Kelleys Streichelzoo in einem Zelt in der Nähe des Bahnhofs.

Die lohnendsten Kunst-Ausflüge in die Umgebung führen zu einigen überraschenden landschaftlichen Schöpfungen, zu poetischen Naturskulpturen wie dem "Schiff für Münster": Ludger Gerdes hat eine mit zwei Pappeln bepflanzte schiffsförmige Insel in einen ebenfalls schiffsförmigen künstlichen Teich hineinsetzen lassen. Und Guillaume Bijl bietet den Spaziergängern den Blick in eine tiefe Grube, aus der die Spitze eines Kirchturms emporragt. Ja und als ob es noch eines Beweises bedurft hätte, dass die nach Münster eingeladenen Künstler sich des Ranges dieser Veranstaltung bewusst sind, hat die Französin Dominique Gonzales-Foerster 2007 einige der beliebtesten Stücke aus früheren Tagen im Maßstab 1 : 4 an einem Wiesenhang modellhaft wiedererstehen lassen.