Skinhead-Festival in Belgien Blut, knüppelhageldick

Allen Verboten zum Trotz blüht die rechtsradikale Musikszene. In Flandern feierten Skinheads ihr Idol Ian Stewart mit einem Festival. Besucher und Bands kamen aus allen Ecken Europas.

Von Jürgen Maier

"Fuck Jesus Christ", brüllt ein kahlköpfiger Brite ins Mikrofon und wird dafür mit "Sieg Heil"-Rufen gefeiert. Der Mann ist ein Veteran der Skinhead-Bewegung und Sänger der international bekannten Neonazi-Band Whitelaw. Es folgt ein Song, dessen Refrain jeder im Saal mitgrölen kann, selbst wenn er ihn an diesem Abend zum ersten Mal hört: "Adolf Hitler - Sieg Heil!" Und ein paar Deutsche im Publikum ergänzen das Lied nach dem letzte Akkord: "Adolf Hitler unser Führer, Adolf Hitler unser Held. Adolf Hitler war der größte Revolutionär der Welt."

Die Besucher des Rechtsrock-Festivals kommen nicht nur aus Deutschland. Bis zu 2000 Besucher aus Europa frönen der internationalen Hass-Kultur.

(Foto: Foto: Reuters)

Rund zwei Drittel der 700 Rechtsrock-Fans sind zu diesem Konzert in der belgischen Provinz aus Deutschland angereist - die anderen aus Belgien, den Niederlanden, Frankreich, England, Italien, Ungarn und Polen. Sie huldigen an diesem Tag ihrem Idol Ian Stuart Donaldson. Der Sänger der britischen Naziband Skrewdriver gilt als Gründer des internationalen Neonazi-Netzwerks "Blood & Honour" (B&H).

Im Herbst 1993 kam er bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Ihm zu Ehren hat die "B&H"-Sektion Vlaanderen am letzten Oktober-Samstag zum Memorial-Festival eingeladen, und zwar wie in der Szene üblich: konspirativ. Nur durch persönliche Kontakte und auf einschlägigen "Heimatseiten" im "Weltnetz" war von dem Konzert zu erfahren.

Blut und Ehre wie die HJ

Am Freitag beginnt der Countdown. Drei Kontakt-Handys gehen auf Empfang, die Organisatoren geben auf Deutsch, Englisch oder Niederländisch die Koordinaten des Vorab-Treffpunkts durch: eine Autobahn-Raststätte nahe Antwerpen. Dort machen am Samstag ab 13 Uhr zwei Schleuser eine Gesichtskontrolle, ehe sie die Wegbeschreibungen zum Konzertort herausrücken.

Die politisch motivierte Schnitzeljagd endet in der Kantine des Sportgeländes in Wolfsdonk - einem Dorf rund 45 Kilometer von Antwerpen entfernt. Skingirls haben ein Kassenhäuschen an einem der Sportplätze bezogen, um 25 Euro Eintritt zu kassieren - "Judengold" wie ein Konzertbesucher lästert. Aber weit gereiste Gruppen wie White Wash aus den USA, Hate For Breakfast aus Italien oder Fehér Törvény aus Ungarn haben ihren Preis.

Der B&H-Sicherheitsdienst kontrolliert mit Metalldetektoren, um versteckte Kameras zu finden. Ein Journalist hatte im März heimlich ein SS-Memorial-Konzert der Belgier gefilmt. Das sollte kein zweites Mal passieren. Statt Videotechnik finden die schwarz uniformierten Security-Leute Waffen: In einem Ausmaß, das die Organisatoren entsetzt, wie einer von ihnen anklingen lässt. Dass Messer nicht mit aufs Konzertgelände kommen, ändert aber nichts daran, dass es später zur Sache geht. Ausgerechnet polnische Neonazis, die in der Szene eher diskriminiert, als ernst genommen werden, lösen eine Massenschlägerei aus.

Was in dem nächtlichen Durcheinander geschieht, lässt sich zunächst nur erahnen. In einem Internet-Forum ist später zu lesen, was passiert sein soll, nachdem die Polen in ihren Kleinbus verfrachtet waren. "Dann setzte der Fahrer mit Vollgas in den Rückwärtsgang und platzierte seinen Bus in die umherstehenden Gästen. Bei dieser Aktion wurden einige Personen verletzt, wodurch sich das Gefährt und seine Insassen komplett den Volkszorn zuzogen. Dass man die Polen anschließend ,lynchen' wollte, ist mehr als verständlich."

Musik ist das ideale Mittel

In betont friedlicher Mission tritt nach diesem Gewalt-Exzess eine Allgäuer Band auf, die einen so gar nicht friedfertigen Namen trägt: Faustrecht. 1994 gegründet, gehört sie international zu den wichtigsten Bands der Szene. "Wir werden keine europäischen Bruderkriege mehr zulassen", brüllt Frontmann "Nogge" ins Mikrofon. Und damit es möglichst jeder versteht, formuliert er das auf Englisch, wie zuvor schon seine Begrüßung: "Hail Victory!" Übersetzt: Sieg Heil! "United for Europe" lautet der nächste Song: Vereint für Europa.

Der Einheits-Gedanke alleine reicht aber nicht aus, um Skinheads auf die Kameradschaft einzuschwören. Was zusammenschweißt, ist der Hass auf gemeinsame Feinde. Der Faustrecht-Sänger weiß das. Ein Lied richtet er gegen "all die Wichser in der Bewegung, die uns verlassen" - ein anderes "gegen die Menschen, die uns - die weiße Rasse - zerstören wollen". Dann hebt die Band zum musikalischen "Klassenkampf" an. Ein Titel, mit dem Faustrecht Traditions-Bewusstsein dokumentiert: Die Skinhead-Bewegung war Ende der 60er-Jahre in der Arbeiterschicht Großbritanniens entstanden.

Nach einer politischen Spaltung erweiterten Neonazi-Skins das Feindbild von Bonzen und Börsenspekulanten: "Sie brechen ihr Wort und verkaufen das Recht und sehen uns Arbeiter nur als Judenknecht", heißt es im Song von Faustrecht. Da tobt der Mob vor der Bühne. Die zum Hitlergruß gehobenen Arme werden weniger. Stattdessen recken die Skins ihre geballten Fäuste empor. Und "Nogge" hetzt weiter: gegen "zionistische Bastarde". Das Publikum reagiert mit "Juden raus"-Rufen.

Momente wie dieser belegen den Kundgebungs-Charakter der Neonazi-Konzerte ganz im Sinne des "B&H"-Gründers Ian Stuart. Er war der Meinung: "Musik ist das ideale Mittel, Jugendlichen den Nationalsozialismus näher zu bringen, besser als dies in politischen Veranstaltungen gemacht werden kann, kann damit Ideologie transportiert werden." Dieses Ziel verfolgte er mit seiner Organisation. Erfolgreich: Heute gibt es in fast jedem europäischen Land Divisionen von B&H. Sie organisieren die größten unter mehreren hundert Neonazi-Konzerten, die pro Jahr in Europa über die Bühne gehen. Bis zu 2000 Besucher frönen der internationalen Hass-Kultur.

Wikingerköpfe und Runen

Dass der Musikstil teilweise vom politischen Gegner der Punks geklaut ist, stört keinen der Skins. Ihre Musik nennt sich Hatecore, der dem unpolitischen Hardcore vergleichbar ist, oder RAC: Rock Against Communism. Mehr als ein paar einfache Akkorde beherrschen die wenigsten Bands. Es entscheidet nicht das musikalische Können darüber, wer mitspielt, sondern die politische Gesinnung. Trotzdem schaffen sie es immer wieder, ohrwurmartige Rhythmen aus den Boxen zu jagen, die zum Toben einladen.

Neonazi-Subkultur

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