Sidi Larbi Cherkaoui Liebe, Krieg und andere Kämpfe

In Sidi Larbi Cherkaouis Inszenierung von "Les Indes galantes" sollen die Zuschauer viel über sich selbst begreifen.

Als Regisseur der Ballettoper "Les Indes galantes" sucht der belgische Choreograph einen zeitgemäßen Zugang zur Handlung. Die Zuschauer sollen etwas über sich selbst lernen.

Interview von Eva-Elisabeth Fischer

Der belgische Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui, Sohn eines Muslims aus Marokko und einer katholischen Flämin, ist international berühmt für seine interkulturellen, religionskritischen Tanzstücke. Obgleich er neben seiner eigenen Gruppe Eastman derzeit auch das Königliche Ballett Flandern leitet, ist er ganz dem zeitgenössischen Tanz verpflichtet, den er gern mit Tanzstilen anderer Kulturen amalgamiert. Bei den Opernfestspielen erfüllt sich ein lang gehegter Wunsch von Staatsopernintendant Nikolaus Bachler: Cherkaoui, selbst hochmusikalisch, inszeniert und choreografiert erstmals am Haus, und zwar die Ballettoper "Les Indes galantes" von Jean-Philippe Rameau.

Was war Ihre erste Opern-Erfahrung?

"Der Fliegende Holländer", inszeniert von Guy Cassiers in Brüssel. Er hat den Chor ins Spielgeschehen integriert und dafür mit einem Choreografen gearbeitet. Da habe ich Feuer gefangen für das Genre und für mich ein weites Betätigungsfeld entdeckt. Bei meiner Arbeit an "Les Indes galantes" empfinde ich es noch stärker als sonst, in welcher spezifischen Geschwindigkeit eine Geschichte erzählt wird, darin unterscheiden sich Schauspiel, Oper und Tanz elementar. Mich fasziniert, welche Verbindungen sich zwischen diesen Kunstsparten herstellen lassen.

Solche Unterschiede finden sich doch im Genre Oper selbst. Sie machen bald "Die Götterdämmerung" in Berlin und aktuell Rameaus Ballettoper in München. Nicht nur, dass diese Werke zu völlig verschiedenen Zeiten entstanden sind - es gibt kaum krassere Unterschiede als Wagners Mythendramen und die ornamental ausgeschmückte Handlung einer Barockoper.

In der Tat, das sind zwei völlig verschiedene Welten. Der größte Unterschied für mich ist im Moment, dass ich meine Wagner-Erfahrung rein als Choreograf gemacht habe. Bei "Les Indes" mache ich sowohl die Choreografie als auch die Regie. Das ist zwar viel mehr Arbeit, aber auch lohnender, weil man bestimmte Ideen leichter integrieren kann. Wagners Figuren haben eine mythologische Tiefe, während Rameaus Figuren manchmal ein wenig naiv wirken und die Handlung ziemlich simpel funktioniert nach dem Muster: Er liebt sie und sie liebt einen anderen. Dann ist da diese schlichte Sicht auf exotische Motive, eine Art koloniales Denken, um die französische Kultur der Zeit herum drapiert. Ich als Marokkaner muss darüber ein wenig lächeln, obgleich mich das ja auch betrifft.

Inwiefern?

In der Art, wie andere Kulturen dargestellt werden, die Vorstellung des Fremden.

Sind diese exotischen Figuren nicht alle Fantasiegestalten, weil man in Wirklichkeit gar nichts wusste über die Menschen in fremden Kulturen?

Ja, natürlich sind sie das. Den kulturellen Austausch aber hat es damals schon gegeben - behaftet mit den entsprechenden Vorurteilen. Und genau so ist das auch heute noch. Für mich waren diese Exotismen nur deshalb interessant, um das Stück aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Mein zentraler Aspekt ist es, exotische Kulturen anzuschauen, während sich alle im selben Raum aufhalten. Anna Viebrock und ich haben entschieden, auf Reisebilder zu verzichten. Alles was passiert, passiert in diesem einem Raum. Daraus sollte sich eine neue Handlung destillieren lassen.

Es handelt sich um vier verschiedene Nationalitäten in vier Akten. Wie bringt man die in einer schlüssigen Handlung zusammen?

Indem wir, und daran arbeiten wir sehr hart, schauen, was sie alle verbindet, wie jede, jeder von ihnen Teil eines größeren Ganzen werden könnte. Jede einzelne Figur könnte genauso gut eine andere sein, was in unserer Annäherung an das Stück tatsächlich passiert: Phani und Fatime werden zum Beispiel von derselben Sängerin gesungen. Alle Charaktere könnten letztlich zu einer einzigen Person verschmelzen. Ich entwickle ein Narrativ, wonach ihre Geschichte eine Doppelung erfährt. Diese Methode, die handelnden Personen zu betrachten, macht aus dem Werk ein in sich geschlossenes Ganzes und bewahrt es davor, in vier Teile zu zerfallen.

Ist das eine psychologische Annäherung über das personenübergreifende Liebesmotiv? Rekurrieren Sie dabei auf die im Barock beliebten Liebeshändel?

Wir bleiben im Heute. Alles bleibt nachvollziehbar. Nehmen wir doch das Friedensmotiv zum Ende der Oper. Unser Verständnis von Frieden ist weit weniger optimistisch als im Original. An einem bestimmten Punkt zeigen wir, dass Liebe und Krieg immer Kämpfen bedeutet.

Aber im Prolog heißt es doch, dass die Leute zugunsten des Krieges auf die Liebe verzichten sollen. Sind "Les Indes" am Ende nicht auch ein Plädoyer für die Liebe?

Man kann die Oper in vielerlei Hinsicht interpretieren. Mir kommt es auf den Dualismus von Krieg und Liebe an. Mein Zugang ist holistisch. Ich geben Ihnen ein Beispiel: Wir sind beide in demokratischen Gesellschaften aufgewachsen. Anfangs habe ich gedacht, dass dies das richtige System sei. Dann begann ich zu begreifen, was alles im Namen der Demokratie geschah. Mein Vater war Muslim, also bin ich mit der Vorstellung groß geworden, dass Gott die Liebe ist. Und dann sehe ich, was alles im Namen der Religion passiert. Im Namen der Demokratie wird ein ganzes Land zerstört, im Namen Gottes werden ganze Landstriche bombardiert. Was im Namen der Liebe passiert, kann auch ganz schön gefährlich sein. Letztlich handeln "Les Indes" vom Aufbau und der Zerstörung bestimmter Ideale und Wertesysteme. Vielleicht will uns dieses Werk auch darauf hinweisen, dass wir andere nicht zu naiv betrachten sollten. Wenn die Leute die Musik hören und unsere Interpretation sehen, die voller aktueller Bezüge zu unserer Welt ist, werden sie viel über sich selbst begreifen.

Die Tanzszenen sind reines Divertissement, während die Handlung über den Gesang vorangetrieben wird. Wie lösen Sie dieses formale Problem?

Im Divertissement passieren Dinge, die essenziell für das Verständnis der Handlung sind. Außerdem wird auch während des Singens getanzt. Und es wird Augenblicke geben, wo der Tanz weiter geht, obgleich die Geschichte bereits erzählt ist. Das Publikum ist intelligent genug, simultanem Geschehen zu folgen. Im wirklichen Leben passiert auch nicht alles hübsch nacheinander, sondern vieles gleichzeitig. Als Choreograf nutze ich stets diese Vielfalt, und als Zuschauer schätze ich die Polyfonie. Die Musik ist ebenfalls voller Rückbezüge und Echos. Gleichzeitig wird stets etwas passieren, das einen darüber nachdenken lässt, was man gerade gehört hat.

Les Indes galantes, Sonntag, 24. Juli, Dienstag/Mittwoch, 26./27. Juli und Freitag/Samstag, 29./30. Juli, jeweils 18 Uhr, Prinzregententheater, Prinzregentenplatz