Show Ein Pub geht um die Welt

Auch wenn die irischen Tänze leichtfüßig, fast schwerelos wirken, sind sie natürlich ein Kraftakt, der die Tänzer oft bis an ihre Grenzen fordert.

(Foto: Philippe Fretault)

"Irish Celtic" heißt die neue Show von Toby Gough, die im Deutschen Theater mit Tanz, Musik und Geschichten nach Dublin entführt

Von Michael ZIrnstein

Sie sind die Kulturexportschlager der grünen Insel - Irish Pubs. Es gebe die Kneipen mit den dunklen Möbeln, Guinness und Whiskey in fast jeder großen Stadt, erzählt Toby Gough begeistert, obwohl er Schotte und in Afrika geboren ist. Irish Pubs hat er auf der ganzen Welt gefunden, und er ist weit herumgekommen: In Indien, Australien, Japan, Rio de Janeiro oder Miami hat er Shows wie "Bar At Buena Vista", "Lady Salsa", "Merchants of Bollywood" und "Brazil Brazil" für den Weltkulturmarkt erschaffen. Auf Barbados inszenierte er Shakespeares "Tempest" mit Kylie Minogue, auf Sri Lanka stemmte er Theaterprojekte für Tsunami-Opfer und Kindersoldaten, nach Sarajevo soll er während des Krieges durch einen Abwasserkanal gelangt sein, um die Opera Europa zu leiten. Seit einer Weile lebt der fünf Mal mit dem "Scotsman First Prize Award" Ausgezeichnete in Havanna. "Alles verändert sich dort gerade", erzählt er, "nur ausgerechnet ein Irish Pub gibt es nicht. Aber wir arbeiten daran."

Bis dahin hat Gough ein wanderndes Pub erfunden. Es ist Spielort und Seele der Tanz- und Musik-Show "Irish Celtic", die nun fünf Tage im Deutschen Theater gastiert. Goughs Gabe ist es, mit seinen Revuen nicht in den Kitsch einzutauchen, stattdessen Landesklischees charmant so in Szene zu setzen, dass auch die Künstler dahinter stehen. "Ein Pub", findet der Autor und Regisseur, "ist für jeden etwas anderes: Wohnzimmer, Ort zum Tanzen oder Musikhören, Kirche oder Wiege für Verschwörungen."

Vorbild für das Gasthaus von "Irish Celtic" ist das Brazen Head Pub in Dublin, das ältestes seiner Art. Robert Emmet soll hier seine Rebellion gegen die Briten angezettelt haben, James Joyce erwähnte es im "Ulysses", Sinead O'Conner hat hier gesungen, Filmen wie "Moonfleet" von Fritz Lang diente es als Kulisse, die Leiche eines englischen Soldaten soll im Küchenboden einbetoniert sein, im verwinkelten Oberstübchen spukt es - und im Erdgeschoss ließ Gough neulich seine Tänzer und Musiker für die internationale Press "irische Gemütlichkeit" demonstrieren.

Der Oberkörper unbewegt, fasst lässig, fliegen die Beine dahin, verkanten, ansatzlos kicken sie auf Kopfhöhe, hohe Sprünge leiten die Wechsel in den vertrackten Takten der Irish Reels ein, die Frauen federn noch ein bisschen höher auf die Spitze ihrer Soft-Shoes. Alles sieht leichtfüßig nach Elfentanz auf einer Wiese aus, dabei ist es Höchstleistung. Gerade viele Tänzerinnen nehmen gegen die harten Stöße auf Knöchel, Knie und Schienbeine Schmerzmittel und sind oft mit 30 Jahren kaputt wie ein ausgelatschtes Paar Schuhe.

Aber für den Moment ist es ein Zauber, ein Spektakel - auf engstem Raum zwischen den Stühlen, dafür sind die uralten Tänze wie gemacht. Diese entwickelten sich aus den Kreistänzen der Druiden und fanden ihre gesellige Form auf den Ceilis, Zusammenkünften der Arbeiter an den Wegkreuzungen. Die normannischen Eroberer brachten mit ihren Quadrillen den Gruppenreigen ins Spiel. Die heute signifikanten Steptänze mit den eng anliegenden Armen haben im 18. Jahrhundert die Dance Masters erfunden, die in öffentlichen Wettkämpfen um ihre Reviere als Tanzlehrer stritten: Oft exponiert auf Holzfässern, wollten sie allein mit Tempo, Sprüngen und Schrittfolgen das Publikum gewinnen. Noch immer sind Wettbewerbe wichtig in der irischen Tanzwelt, 6000 Teilnehmer treten jährlich bei der Weltmeisterschaft in 18 Disziplinen an.

Zweiter bei einer WM wurde Colin Fleck. Als Zehnjähriger hatte er eine Show von "Riverdance" besuchte: "Das hatte so eine einmalige Kraft, etwas Militärisches, wie getanzte Mathematik". Er war sofort gebannt, wie Millionen Menschen, als die Gruppe 1994 beim Eurovision Song Contest in Dublin auftrat. Michael Flatley verließ die Truppe im Jahr darauf und wurde mit der pompösen Show "Lord of the Dance" ein Weltstar. "Er hat sein Ego verkauft", findet Fleck, ist ihm aber auch dankbar: Auf einer Tournee tanzte er als Dark Lord selbst gegen den strahlenden Helden an. Viele der 16 Tänzer von "Irish Celtic" reisten mit "Riverdance", "Lord of The Dance", "Excalibur", "Feet of Flames" oder "Taptronic" um die Welt. Etwa Diarmuid Meade, Weltmeister 2009 im Sean-nós, einer sehr traditionellen Form. In "Irish Celtic" spielt er den nichtsnutzigen Sohn des Pub-Besitzers, der furios die Kunst des Brush Dance, des Besentanzes meistert.

Alle Akteure haben ihre Geschichte. Auch die fünf Musiker, zum Beispiel Kieran Brady, der jetzt herzzerreißend "The parting Glass" singt, das Irische "Was ich noch zu sagen hätte . . ." Die Folkmusic sei in Irland vor allem dazu da, die Menschen zusammenzubringen, sagt er. Der bärtige Hippie spielte seinen Dudelsacks schon zu Ehren der Astronauten in Cape Caneveral und am St. Patrick's Day im Weißen Haus vor den Obamas, wo er, weil er eine Bodhran-Trommel von draußen holen wollte, fast von den Sicherheitsleuten erschossen wurde. "Ein echter Kelte", findet Gough, jeder kennt Kieran in Irland."

Auch der Regisseur ist auf der Bühne, zwangsläufig, sagt er. Er brauchte einen Erzähler, aber einen Schauspieler wollte er dafür nicht engagieren: "Die wollen immer im Mittelpunkt stehen und stehlen den Tänzern die Show." Also schlüpft Gough selbst in die Rolle des Pub-Besitzers. Während also die Darsteller zum Beispiel die Bilder von den Festen der Auswanderer im Bauch der Titanic nachstellen, indem sie auf einem Koffer steppen, erzählt er dem Publikum alles, was es wissen muss. Auf deutsch, die Texte hat er extra von einem Kabarettisten übersetzen lassen. "Eine Geschichte lässt sich eben nicht allein mit Füßen erzählen."

Irish Celtic, Dienstag, 26. April, bis Sonntag, 1. Mai, 20 Uhr, Samstag auch 15 Uhr, Sonntag, 15 und 19 Uhr, Deutsches Theater, Schwanthalerstr. 8