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Sex in DDR und BRD:Das Land der Libido

Vereinigungsprosa à la MDR: Der Osten liebte früher, öfter und besser als der Westen mit seinem "Orgasmus-Kult".

Über Sex gibt es bekanntlich viel, was jeder schon immer dazu wissen wollte, sich aber nicht zu fragen getraute - zum Beispiel vor dem Hintergrund der deutsch-deutschen Geschichte, vor der Kulisse eines Landes, in dem nach dem Krieg ein "Eiserner Vorhang" bis 1989 das Liebesleben trennte. Aber Gott sei Dank gibt es den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR), der sich beständig um das kümmert, was DDR war.

MDR-Doku

Vorsicht, Sexindustrie: die dokumentation schildert auch, was Ostdeutsche nach 1991 kennenlernten

(Foto: Foto: MDR)

Nun halten die nimmermüden Erforscher des untergegangenen Arbeiter- und Bauern-Staates im Ersten Programm - das im Westen immer noch lieber gesehen wird als im Osten - den großen Spiegel der Aufklärung vor. Und, siehe da: Der Ost-Mensch war, summa summarum, in sexuellen Dingen glücklicher.

Man war freier, kam früher, öfter und besser, so das Resümee der neuen Sendereihe Liebte der Osten anders? - Sex im geteilten Deutschland. Nach den 45 Minuten der Auftakt-Dokumentation kann der bis dato unaufgeklärte Mensch gar nicht anders als zu sagen: Ja, der Osten liebte wirklich besser. Wenn nur dieser blöde Sozialismus nicht gewesen wäre.

Ist die Frau erregt ...

Autor André Meier, der für den MDR auch Walter Ulbricht und Johann Friedrich Böttger historisch aufgearbeitet hat, ist auf den Dreh gekommen, zur Auflockerung Comic-Figuren im Stil der MTV-Ikonen Beavis & Butt-Head auftreten zu lassen. Sie wandern zwischen dem Sexualitätsbeglückungsland DDR und dem Spießer-Neurosenstaat BRD.

In schnellem Wechsel kontrastiert der studierte Berliner Kunstgeschichtler Meier, der einst Redakteur der taz und Korrespondent von Art war, die Soziotope hüben und drüben. Einschlägige Experten, also Sexualforscher und Historiker, liefern den Überbau.

Deutschland-Ost, das ist in diesem ARD-Film vom MDR eine Art sexuelles Idyll im gleichwohl zweifelhaften Sozialismus. Die Frau ist nach dem Krieg schnell befreit, sie wird für die Arbeit gebraucht. Die Kinder sind im Betriebskindergarten, vom Mann ist sie nicht mehr abhängig, im Bett geht es nach ihren Wünschen. Sie techtelmechtelt in früher Jugend, gilt mit 25 als Spät-Gebärende, findet mit Kindern leicht Wohnungen und lässt sich schneller scheiden.

DDR-Arbeiter filmten sich beim Softsex

In den Siebzigern informieren staatliche Aufklärer in den Schulen über Fragen der Onanie und Klitoris ("Ist die Frau erregt, ist ihre Widerstandskraft dahin") und die Honeckersche Freigabe der Abtreibung diente erst recht der Frau. Es gab in der Messestadt Leipzig schon mal anständigen Striptease, und im Kombinat filmten sich Arbeiter und Arbeiterinnen gelöst beim Softsex.

Die Frau war nicht böse, wenn der Orgasmus ausblieb, erklärt Sexualwissenschaftler Kurt Starke, dann werde es halt das nächste Mal klappen, habe sie den Mann getröstet. (Starke gibt im MDR 1 Radio Sachsen Liebestipps.) Der Mensch sollte sich entfalten, Lebensglück/Liebeslust finden, er hatte Geschlechtsverkehr im Jugendlager und machte befreit an der Ostsee FKK-Urlaub. Prostitution und Porno waren verboten - 1990 aber kam die Orgasmusindustrie des Westens ins Land der Libido.

Deutschland-West, das ist hier andererseits ein Land der Knechtschaft der Frau, in dem die Männer, die Kriegsheimkehrer, Jobs okkupierten, während "Sie" - ganz Eva-Prinzip - das Heim hübsch und den Herd warm hielt. "Eine verbrutzelte Gans haben wir Männer nicht so gern", wird aus einem BRD-Film für Frauen zitiert. Die Wirtschaft boomte, die Bürger kauften Autos, aber vor dem Schlafzimmer machte die Modernisierung halt. Kirche und Parteien achteten auf eine verklemmte Moral.

Sex war tabu, bis die Jugendbewegung der Sechziger kam und einen Unions-Minister verbitterte: "Die Jugend ist nicht schlechter als früher, sie ist nur schlechter dran." Jetzt siegten Kolle und Pille, es hieß "Fuck for Peace", es begann die Industrialisierung des Vögelns in den Siebzigern und Achtzigern. Die Frauen "legten selbst Hand an", formuliert Autor Meier über G-Punkt-Suche in Spezialkursen.

Sex als Prestige im Westen

Fazit: Für die Frau West sei Sex eine Frage des Prestige gewesen, anders als für die "souveräne Frau Ost", die keinen "Orgasmus-Kult" gekannt habe. Die Beavis & Butt-Head-Bilder symbolisieren zum Schluss Sex à la Wessie mit einem Sado-Maso-Paar.

Der Film erzählt, dass die Neugierde der Ost-Bürger auf all die Sexvideos bald vorbei war. Nun vereinten sich die Deutschen - und wenn sie nicht gestorben sind, dann lieben sie noch heute.

Liebte der Osten anders? - Sex im geteilten Deutschland, ARD, 21 Uhr.

© SZ vom 27.11.2006
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