Serie: Rock Around The Country :Im Tal des Blueshundes

Lesezeit: 4 min

Die Obermühle liegt abgeschieden südlich des Starnberger Sees, kurz vor Habach. Dort spielt über die Jahre eine erstaunliche Reihe international bekannter Musiker im Musikclub Village

Von CHRISTIAN JOOSS-BERNAU, Habach

Kurz hinter dem Starnberger See nimmt man die Ausfahrt Sindelsdorf Richtung Habach. Ein paar Kilometer, dann windet sich die Straße durch eine Baustelle, und man muss höllisch aufpassen, dass man das Schild, das zum Village weist, auch sieht und abbiegt. Einen Weg, zu schmal für zwei Autos, holpert man hinunter ins Tal. Gerade als man sich fragt, ob da noch was kommt, kommt was: die Obermühle, umstanden von Hängen, überragt von Tannen und Laubbäumen. Auf dem Hof vor der Mühle diskutieren sie gerade Schraubenschlüsselgrößen. Eine Bühne wird eingerichtet, Kabel werden gezogen. Und an der Art, wie nach Anschlüssen gesucht wird, merkt man, dass das auch für den Musikclub Village nicht Alltag ist.

Normalerweise spielen die Bands in der Gaststube, die man mit Wandholzverschalung, Holzbohlenboden, Holzdeckenbalken, Holztresenecke, Holzbarhockern und einigem anderen Hölzernen ruhig mal heimelig nennen darf. Winters wird der Kamin angeschürt. Mit Holz. Im Gastraum der Obermühle, die, nachdem sie Mühle war, zeitweise auch Wirtschaft wurde, sieht es ausnahmsweise aus, wie in einer Umzugswohnung. Jeden Donnerstag ist Jam Session. So der Rockgott will, wird sich auch die nächsten 20 Jahre daran nichts ändern. An diesem Donnerstag aber wird Geschichte geschrieben und vor der Obermühle gejammt. Auf der Bühne stehen Verstärker, die schon in den Sechzigern ihren Dienst taten. Und das Schlagzeug stammt von 1972. Auf dem soll einst Pete York gelernt haben. "Das sind alles gute alte Sachen. Und clubgerecht. Die passen genau da rein", sagt Dieter Uebler. Weil man nachher feststellen wird, wie gut die alten Sachen klingen, darf er das so glücklich und stolz sagen, wie er es tut.

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Im Nebengebäude ist der Schwamm drin, die Obermühle selbst aber hat noch jede Rockband überstanden.

(Foto: joos)

Dieter Uebler, graue Locken, Brille mit runden Gläsern, ist der Vater des Village. Vor 28 Jahren hat er angefangen, in Obereglfing, ums Eck. Als dann nach neun Jahren im ersten Village die Kündigung kam, ging's ins Tal. Eigentlich ist Uebler schon eine ganze Weile im Rentenalter, und so etwas wie ein Gehalt wirft der Musikclub auch nicht ab. Das Village ist ein Liebhaberprojekt, hat nur an Konzertabenden, zwei bis dreimal die Woche geöffnet. Das Rosenheimer Export Hell kostetet 3,50 Euro, als Grundlage für einen langen Abend kann man sich die Pizza-Margherita für 6,50 Euro bestellen - ganz erstaunlich viel Pizza für diesen Preis.

"Musiker sind verfressen", sagt Uebler. Für Bands wird deswegen extra von einer amerikanischen Köchin gekocht. Das ist keine Selbstverständlichkeit im Touralltag. Oft hat er Gruppen, die 40 Gigs am Stück haben und dann erst zwei, drei freie Tage: "Und dann kriegen die überall so ein g'schlampertes Essen. Die werden hier aufgebaut." Das Village sei eine Erholungsstation für gestresste Musiker, sagt Uebler, und dass er mit seiner Rock'n'Wellness-Einstellung Erfolg hat, sieht man an der Liste der Künstler, die hier schon vorbeischauten. Man findet sie, blättert man sich durch die Jahrbilderbücher, die Uebler seit einiger Zeit immer zu seinem Geburtstag im Januar bekommt: Animals, Ten Years After, Hamburg Blues Band, Steve Gibbons Band, Embryo, Canned Heat, Iron Butterfly, Soft Machine - so geht das in einem fort. Uebler sucht die Bands selbst aus und hat natürlich nach all den Jahren auch seine Connections. Ausgehend von einer soliden Bluesrock-Basis schafft das Programm einen Radius, der vom Funk zum Jazz reicht, Kennerschaft ausstellt und Kenner anlockt. Die kommen dann bis aus Südtirol ins Village. Gar nicht geht hier - wen wundert's - Techno. Hat Uebler auch schon probiert. Ein Desaster. Da hört es aber auch musikalisch bei ihm auf: "Lieber falsch spielen, aber handgemacht."

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Hausherr Dieter Uebler selbst eröffnet traditionell die donnerstäglichen Jam Sessions in seinem Musikclub Village.

(Foto: joos)

Der Club liegt günstig zwischen Bayern, Österreich und der Schweiz. Internationale Musiker, die gerade auf Europatournee sind, verbinden den Stress gerne mit einem Erholungsauftritt. Manchmal auch mit einer neuen Gitarre. Dieter Uebler nämlich baut vorzugsweise Telecaster. Eine ist gerade in den Endzügen und liegt im Gastraum auf der Theke. Ein hübsches holzbraunes Ding, mit eleganter (aber auch heimeliger) Maserung. Dann und wann wird so eine Uebler-Gitarre fertig, oft individuell den Fingern des künftigen Musikers angepasst. Uebler selbst ist Mitglied bei einer Band, die Telecats heißt. Der Ton der Gitarre, die er später auf der Bühne spielen wird, ist mattwarm glosend, eher telecasteruntypisch aber bluesrockideal. Ten Years After, beispielsweise, die lockte so eine Gitarre.

Am kleinen Mischpult sitzt heute Luka Jauch. Er ist 15. Seine Mutter arbeitet hier, drei Jahre hat er hinter dem Fenster im ersten Stock des Nebengebäudes gewohnt. Das soll demnächst weg, weil der Schwamm drin ist. Für Abriss und anschließenden Gebäudeneubau muss aber erst einmal die Zufahrtsstraße erweitert werden. Dies wiederum hängt mit dem Bau einer Fischtreppe zusammen, die von offizieller Seite im Mühlbach entstehen soll. Die ist, findet Uebler, eher unsinnig, weil kurz darauf ein Wasserfall den Fischen eh den Weg abschneidet. Aber das ist ja nicht das Problem des Village.

Wissenswertes

Adresse: Village im Kulturtal Obermühle, Obermühle 1, 82392 Habach

Öffnungszeiten: nur an Konzertabenden

Musikstil: Bluesrock bis Jazz

Kommende Konzerte: Freitag, 11. September: Boredom Killer Gene, Samstag, 12. September, Barbara Mayr & Band, Freitag, 18. September: Meena Cryle & The Chris Filmore Band, Sa., 19. September, Rick Vito, Sonntag, 27. September: British Blues All Stars, alle Programminfos unter www.village-habach.de

Für Luka ist das Village Heimat, und deswegen ist er auch das jüngste Mitglied bei Village e.V.. Mehr als 80 Mitglieder hat der Verein, sichtbar quer durch die Jahrgänge. Die organisieren, fördern den Nachwuchs und tragen mit ihrem Vereinsbeitrag zur Finanzierung bei. Auch wenn der junge Luka sich zentral eher für Motoren interessiert und Motocross fährt, spielt er seit drei Jahren Bass und ist mit seiner Band auch schon hier aufgetreten. Abseits der internationalen Namen ist das Village eben auch Bühne für die, die sich ausprobieren wollen. Manche von denen leben gleich in der Obermühle. Drei Wohnungen gibt es hier für Musiker. Bandproben finden im Gastraum auf der Bühne statt.

Es ist kurz vor 21 Uhr. Der Hof hat sich gefüllt. Neben den Biertischen stehen schon die Instrumentenkoffer. Bila, der alte Blueshund, ist unruhig und bellt. Die Husky-Dame ist gut 15 Jahre, blind und taub, hat aber noch kein Konzert versäumt. Sie ist die Hüterin des Sounds. Es gibt Musiker, sagt Uebler, die würden sich, wenn sie wiederkommen, erst nach dem Hund erkundigen und dann nach dem Hausherrn. Diese neue Idee der Outdoor-Session geht Bila heute irgendwie gegen den Strich. Sie wird sich beruhigen, Dieter Uebler wird auf die Bühne steigen. Und sie werden loslegen. Nicht zu perfekt, aber mit Druck und Spaß. So, dass sich die kommenden Musiker des Abends auch ungezwungen auf die Bühne trauen. Die erste Nummer des Abends ist ein Blues-Shuffle in A. Was denn sonst?

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