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Serbische Doku irritiert Kroaten:Mein Duzfreund, der Feind

In dem neuen Dokumentarfilm "Tudjman und Milosevic - Der vereinbarte Krieg?" stellen zwei serbische Regisseure eine gewagte These auf: Die zwei früheren Machthaber Kroatiens und Serbiens hätten den Krieg zwischen ihren Völkern inszeniert, um Bosnien zu zerschlagen. Die Filmemacher können das zwar nicht beweisen - trotzdem vermitteln sie interessante Einsichten über eine perfide Männerfreundschaft.

Sie sind schier unzertrennlich. Selbst aus dem Jenseits liefern sie Gesprächsstoff für die balkanischen Stammtische. Im einem Witz treffen sich Serbiens Diktator Slobodan Milosevic und Kroatiens Präsident Franjo Tudjman in Tokio. "Wie klein die Welt doch ist, lieber Slobo", sagt der Kroate. Daraufhin der Serbe: "Nein, lieber Franjo, nicht die Welt ist klein, sondern Serbien groß." Das ist die Anspielung auf einen Slogan nationalistischer Fußballfans in den 90er-Jahren, die von einem Groß-Serbien bis Japan träumten. "Srbija do Tokija" reimt sich und bedeutet "Serbien bis Tokio."

Film über Tudjman und Milosevic

Szene aus dem Film "Tudjman und Milosevic - Der vereinbarte Krieg?": die Duzfreunde Franjo Tudjman (links) und Slobodan Milosevic im Gespräch. Zwischen 1990 und 1995 trafen sich die beiden Kriegsherren 47 mal.

(Foto: oh)

Diese Zeiten sind vorbei, es drohen keine Konflikte auf dem Balkan, aber die Vergangenheit ist immer noch mächtig. Der Streit über die Verursacher der jüngsten Kriege im untergegangenen Vielvölker-Staat Jugoslawien erhitzt die Gemüter. Wenn serbische und kroatische Sportmannschaften gegeneinander antreten, muss die Polizei mit einem Groß-Aufgebot anrücken. Wenn die Kroaten ihre Kriegshelden rühmen, reagieren die Serben mit Empörung.

Derzeit regen sich aber die Kroaten auf wegen eines Dokumentarfilms von zwei Belgrader Regisseuren. "Tudjman und Milosevic - Der vereinbarte Krieg?" wurde gerade auf dem Filmfestival Zagrebdox gezeigt. Die Autoren Sladjana Zaric und Filip Colovic haben mit mehreren Vertrauten der beiden verstorbenen Politiker gesprochen und hunderte Stunden Filmmaterial gesichtet.

Sie stellen nun die gewagte These auf, der blutige Konflikt zwischen Serbien und Kroatien in der ersten Hälfte der 90er Jahre sei von Milosevic und Tudjman inszeniert worden - mit dem Ziel, das Nachbarland Bosnien-Herzegowina zu teilen. Stichhaltige Beweise für eine tatsächliche Kriegs-Vereinbarung liefern die Filmemacher indes nicht, auch verschweigen sie, dass Milosevic den serbischen Nationalismus geschickt instrumentalisierte, um seine Macht zu sichern und die anderen jugoslawischen Teilrepubliken anzugreifen.

Dennoch hat der Dokumentarfilm seine Qualitäten. Tudjman, das bestätigen auch kroatische Gesprächspartner wie der frühere Staatschef Stipe Mesic, war von Milosevic fasziniert. Er glaubte, die Belgrader Aggression gegen Kroatien könne abgewendet werden, wenn man Bosnien unter sich aufteile.

Perfides Machtspiel

Der Gesprächsfaden zwischen den beiden Politikern riss auch tatsächlich nie ab - auch dann nicht, als serbische Truppen Vukovar und Dubrovnik bombardierten. Tudjman und Milosevic duzen sich, oft sprechen sie über ein abhörsicheres Telefon. In den kroatischen Medien nannte man es das "Slobofon."

Zwischen 1990 und 1995 trafen sich die beiden Kriegsherren 47 mal. Der Tudjman-Vertraute Hrvoje Sarinic bestätigt, dass er während des Krieges elfmal nach Belgrad reiste, um dort Gespräche mit Milosevic und seinen Beratern zu führen.

Im Frühling 1991 besprach Tudjman erstmals mit Milosevic in Titos Jagdschloss Karadjordjevo die territoriale Teilung Bosniens. 1995 zeichneten die beiden Präsidenten die neuen Grenzen des Balkan auf eine Serviette. Tudjman, so die kroatische Tageszeitung Jutarnjilist, habe sich wie ein typischer balkanischer Politiker verhalten und auf das perfide Machtspiel Milosevics eingelassen. Bosnien konnten die Duzfreunde Slobo und Franjo nicht zerschlagen, weil die internationale Gemeinschaft nach langem Zögern schließlich intervenierte. Doch gelang es ihnen, die Vielvölker-Gesellschaft Bosniens schwer zu beschädigen.

© SZ vom 09.03.2012/pak/rela
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