Sean über Audrey Hepburn Nofretete sieht aus wie meine Mutter!

SZ: Eigentlich schade, dass sie als Mutter ihre Karriere nicht weiterverfolgt hat. Lag das daran, dass sie nach dem Scheitern ihrer zweiten Ehe alleinerziehend war?

Ferrer:Nein, weil sie unbedingt Kinder wollte und sich dann auch darauf einließ. Ich glaube, dass mein Bruder und ich trotz ihres Star-Status relativ normal sind, weil sie zu Hause blieb. Die meisten Promi-Kinder sind Opfer von Eltern, die ihre Karriere gnadenlos weiterverfolgt haben und die Erziehung Kindermädchen überlassen haben. Es ist einfach nicht möglich, eine Beziehung mit jemandem aufzubauen, wenn er nie da ist.

SZ: Zu Ihrem Bruder Luca, aus Audreys Ehe mit dem Italiener Andrea Dotti, haben Sie eine gute Beziehung. Warum klappte das gut?

Ferrer:Weil meine Mutter nicht per se erwartet hat, dass wir uns gut verstehen. Sie hat uns Zeit gegeben, sodass wir eine eigene Beziehung aufbauen konnten. Da gab es kein: Oh, lass uns alle mit dem Auto einen vergnügten Ausflug machen. Später lernten wir auf dem gleichen Weg Robby Wolders, ihren letzten Partner, schätzen.

SZ: Das klingt alles sehr harmonisch. Gab es nie Streit?

Ferrer:In unserer Familie wurde nicht viel gestritten. Meine Mutter war eher schüchtern und hätte nie mit der Faust auf den Tisch geschlagen, wenn ihr etwas nicht passte. Sie konnte sehr gut zuhören und auch ertragen, wenn Dinge gesagt wurden, die sie nicht hören wollte. Eine Sache, die ich von Audrey gelernt habe: Missstimmungen aushalten zu können. Die meisten Verletzungen passieren dann, wenn man immer weiterbohrt und dem anderen keinen Raum gibt, über Argumente nachzudenken.

SZ: Wusste Ihre Frau eigentlich, was für eine Über-Schwiegermutter sie sich einhandelte?

Ferrer:Allerdings, denn meine Frau war Kommunikationsdirektorin der Ferragamo Group, als ich sie kennenlernte. Mit ihr haben wir die erste Audrey-Hepburn- Ausstellung in Florenz gemacht. Meine erste Ehe war gerade am Ende, und wir begannen zu flirten.

SZ: Die Tatsache, dass Sie der Sohn einer Hollywood-Ikone sind, hat sie nicht eingeschüchtert?

Ferrer:Nein, ich glaube, weil sie nie versucht hat, sich mit ihr zu vergleichen. Zum Glück, denn Audrey hatte tatsächlich etwas Übermenschliches. Ich habe mich auch nie mit ihr verglichen. Vor kurzem wurde eine Skulptur von Nofretete gefunden und stellen Sie sich vor, sie sieht aus wie meine Mutter! Der kleine Hügel auf der Nase, die großen Nasenlöcher, die gerade, hohe Stirn. Vielleicht fühlten sich deshalb so viele Menschen von ihr angezogen? Was so besonders an ihr ist, haben viele versucht zu ergründen, aber richtig rausgefunden hat es keiner.

SZ: Sie touren mit der Ausstellung "Timeless Audrey" um die ganze Welt, gibt es Phasen, in denen Sie Ihre Mutter nicht mehr sehen können?

Ferrer:Ich bin dafür da, ihr Image zu schützen und ihr Erbe fortzuführen. Das bedeutet, dass ich mit der Ausstellung Geld für ihre Childrens Foundation sammle. Mein Bruder Luca und ihr letzter Mann Robby sind genauso involviert, ich kümmere mich allerdings um Finanzierung und Produktion, weil ich es kann.

SZ: Würden Sie sich als Geschäftsmann bezeichnen?

Ferrer:Ja, obwohl ich das nie studiert habe und die Hälfte meiner Zeit in etwas investiere, womit ich kein Geld verdiene. Nach der Schule habe ich angefangen, am Filmset zu arbeiten. Allerdings hinter den Kulissen, meine Mutter hat mir immer davon abgeraten, Schauspieler zu werden.

SZ: Warum?

Ferrer:Weil es ein schwieriges Leben ist, für das nicht jeder gemacht ist. Produktion war dagegen eine super Schule fürs Leben, jede Minute beim Film ist so teuer, dass sie genau durchkalkuliert werden muss. Ich habe von der Pike auf gelernt, wie das geht, und es nützt mir bis heute, denn irgendwie ist doch alles im Leben eine Art Produktion.

SZ: Hat Ihnen Ihre Mutter viel Geld vererbt?

Ferrer:Schon, aber meine Mutter war nicht besonders geldgierig. Zu dem war sie eine gewissenhafte Steuerzahlerin, sie hätte nachts sonst nicht ruhig schlafen können. Für "My fair Lady" bekam sie eine Million Dollar, sie musste in den USA Steuern zahlen, dann gingen zehn Prozent an ihren Agenten, und am Ende des Tages blieben ihr zehn Prozent des Geldes. Aber: Sie hat ihr Geld weise angelegt und konnte am Ende mit uns gut leben, als sie beschloss, Vollzeit-Mutter zu werden.

SZ: Sie schrecken vor der Kommerzialisierung Ihrer Mutter nicht zurück, oder?

Ferrer:Nun ja, wenn "The Gap" mit einer Tanzszene aus "Funny Face" ihre schwarze Hose bewerben will, dann überprüfe ich das. In dem Fall mochten wir die Idee, und es gab eine TV-Kampagne und von den zwei Millionen Dollar Honorar bezahlen wir unsere Steuern, Miete, Autoversicherung und die Schule der Kinder. Wir machen das sehr selten und schauen, dass das Produkt zu Audrey passt. Zumal die meisten Sachen, die wir unter ihrem Namen machen, für einen guten Zweck sind.

SZ: Mussten Sie lange überlegen, ob Sie das Erbe Ihrer Mutter verwalten?

Ferrer:Kurz nach ihrem Tod kam jemand auf mich zu, um eine Stiftung zu gründen. Ich konnte mich nur um das Erbe kümmern, weil wir eine gesunde Beziehung hatten. Die Menschen waren total geschockt, als Audrey mit 63 Jahren an Darmkrebs starb. Sie hatte Power, beim letzten Unicef-Frühstück mit ihr wurden 60 Millionen Dollar für einen guten Zweck gesammelt. Es wäre einfach dumm gewesen, wenn man in ihrem Namen nicht weiter Spenden gesammelt hätte. Zusammen mit meinem Bruder Luca und ihrem letzten Partner Robert Wolders sind wir ein kleines Unternehmen, das in ihrem Namen agiert und Geld für hilfsbedürftige Kinder sammelt.

SZ: Was halten Sie generell davon, wenn Prominente sich für Charity-Events engagieren?

Ferrer:Wenn Prominente nach Afrika jetten, um sich selber zu produzieren, spürt man das. Man sieht es, wenn man die Fotos in den Illustrierten anschaut. Meiner Mutter ging es um die Kinder, sie ist immer ganz dicht an ihnen dran gewesen, egal wie viel Schmutz oder Fliegen da waren, es ging bei den Reisen nie um sie.

SZ: Am 4. Mai wäre Ihre Mutter achtzig Jahre alt geworden. Werden Sie an diesem Tag melancholisch sein?

Ferrer: Ich vermute mal nicht. Generell bin ich sehr praktisch veranlagt. Wenn ich Kisten mit ihren Sachen öffne und sich ihr Geruch - diese spezielle Mischung aus ihrem Parfüm "L'interdit" und Zigarettenrauch - entfaltet, dann bin ich melancholisch. Als sie am 20. Januar 1993 starb, habe ich schnell danach Frieden gefunden. Ihr Tod kündigte sich an, und so hatte ich die Chance, Abschied von ihr zu nehmen und alles zu klären, was es zu klären gab. Sechs Jahre nach ihrem Tod haben wir ihr Haus "La Paisible" an ein französisches Paar mit einem behinderten Kind verkauft. Bei ihnen hatten wir ein gutes Gefühl, das Kind ist viel im Garten, den meine Mutter angelegt und gepflegt hat. Ich weiß, es hätte ihr sehr gefallen.

Sean Hepburn Ferrer, geboren 1960 in Luzern als Sohn von Audrey Hepburn und Mel Ferrer. Aufgewachsen in der Schweiz, Rom und den USA. Nach dem Abitur arbeitete Ferrer viele Jahre als TV-Produzent in Hollywood. Nach dem Tod seiner Mutter Audrey Hepburn, die am 4. Mai 80 Jahre alt geworden wäre, gründete er 1994 zusammen mit seinem Bruder Luca Dotti und Robert Wolders, dem letzten Partner seiner Mutter, die gemeinnützige Organisation "The Audrey Hepburn Children's Fund". Die tatsächlich sehr charmante Ausstellung "Timeless Audrey" wird noch bis zum 10.Mai in Berlin im U-Bahnhof des Hauptbahnhofs zu sehen sein. Ferrer ist Vater von drei Kindern und lebt mit seiner zweiten Frau Giovanna bei Florenz.