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Schillerhöhe:Auf diese Phrasen können Sie bauen

"Ich merkt' es wohl, vor Tische las man's anders."

Jedes rechte Zechgelage ist ein Wendepunkt, an dem sich die Ordnungen verkehren: Mit knurrendem Magen liest sich eine Speisekarte anders als mit aufstoßendem Völlegefühl. Und was man bei nüchternem Geist sich niemals erlaubte, das nimmt man sich dann mit der Lizenz der Trunkenheit heraus. Abfüllen und rumkriegen - das ist auch das Prinzip, auf das Graf Terzky setzt. Die Generalität soll eine Loyalitätsadresse an Wallenstein unterschreiben.

Vor dem Gelage wird sie vorgetragen - unter besonderer Betonung jener Passage, die ein Treuebekenntnis zum Kaiser enthält. Die fehlt dann später, als die Urkunde zum Unterschreiben den abgefüllten Offizieren vorgelegt wird. Doch die Rechnung geht nicht auf: Aus dem Dämmer seiner Trunkenheit erhebt Tiefenbach gleichsam mit schwerer, bedenklich schwankender Armbewegung Einspruch: "Ich merkt' es wohl, vor Tische las man's anders."

"Die Limonade ist matt, wie deine Seele"

So giftig wie die Limonade, die der liebestolle Ferdinand seiner Luise Miller im letzten Akt von "Kabale und Liebe" verabreicht, war die Kritik, mit der Karl Philipp Moritz über Schillers Trauerspiel herfiel: Das Stück sei eine "Schande" und alles, was der Verfasser darin anfasse, werde zu "Schaum und Blase". Dabei war die Limonade zu Schillers Zeiten noch ohne jeden Zusatz an künstlicher Kohlensäure ausgekommen.

Das kühlende Getränk, das seinen Namen der italienischen "limonata" und der Limone verdankte, deren Fruchtsaft mit Wasser verdünnt und mit Zucker versüßt wurde, kam im Europa des 18. Jahrhunderts in Mode. Schiller, der den Trunk in den bürgerlichen Haushalt einführte, lässt bis zum Ausschank viel dramatische Zeit fließen, die Ferdinand dazu benutzt, seine giftigen Absichten mit derben Worten zu camouflieren, darunter dem oftmals verballhornten Satz: "Die Limonade ist matt (schwäbisch für: abgestanden) wie deine Seele".

Luise kostete, lobte den Geschmack und starb bitterlich an dem trüben Wässerchen, das keine Kabale, sondern allein die Liebe gepanscht hatte. Schon im 1. Akt, als die Ränkeschmiede noch gar nicht in Aktion getreten waren, hegte Ferdinand Zweifel an Luisens Liebe, beteuerte zornig, ihre Seele zu durchschauen, und versprach ihr zärtlich, "jeden Tropfen aus dem Becher der Freude... in der Schale der Liebe zu bringen". Gesagt, getan, mit ein paar Tropfen Arsenik in Limonade.