Schauspiel Hannover Theatrale Krebsforschung

Exist oder Exit? Das ist die Frage im Theaterlabor des polnischen Regisseurs und videokünstlers Lukasz Twarkowski.

(Foto: Karl-Bernd Karwasz)

"Es war einmal ... das Leben": Inspiriert von der TV-Serie, begibt sich ein multimedialer Abend aufs Feld der Genetik.

Von Till Briegleb

Wer sagte noch mal, dass Fernsehen blöd macht? Als es alleine die gute alte Mattscheibe gab und noch keine suchterzeugenden Flimmerkisten im Taschenformat, fürchteten viele Eltern, dass ihre Kinder durch zu viel "glotzen" geistig degenerieren. Deswegen erfanden Programmdirektoren erzieherisch wertvolle Unterhaltungsformate für die Kleinen, die den Eltern den Wind aus den Segeln nehmen sollten. Dreißig Jahre später lässt es sich in einer Bühnenproduktion des polnischen Theatermachers Łukasz Twarkowski und seiner Dramaturgin Marcin Cecko beurteilen, ob Lernen mit Zeichentrickfilmen statt Büchern zu einer Generation geführt hat, die nur "Stroh im Kopp hat", wie man einst befürchtete. Denn für die Anfang der Achtzigerjahre geborenen Künstler bestimmte die französische Serie "Es war einmal ... das Leben" ihre Vorstellung vom Körper und der Welt, so sagen sie selbst.

Diese 1986 erstmals ausgestrahlte TV-Erziehung, die angeblich "alle" gesehen hatten (jedenfalls diejenigen, die damals Kinderprogramm guckten), handelt in 26 Folgen von den Vorgängen im Körper. Auf wissenschaftlicher Basis, aber mit lustigen Figuren als Darsteller von Zellen und Elementen, erzählten die Episoden von Knochenmark und Immunabwehr, Schwangerschaft und Zähnen, Blut und Hormonen und vermittelten so einer Generation von Kindern noch vor dem Biologieunterricht, was los ist in ihnen. Und weil Cecko und Twarkowski, die in Polen bekannte Vertreter eines experimentellen und multimedialen jungen Theaters sind, Glücksgefühle mit dieser Animationsschulstunde im sozialistischen Wohnzimmer der Jaruzelski-Ära verbinden, haben sie nun eine 27. Folge für das Theater erfunden, die sich mit dem wissenschaftlichen Know-how der Gegenwart befasst, speziell: mit der Gen-Schere.

Ist der Eingriff in das menschliche Erbgut nun Fluch oder Segen?

Der vierstündige Abend im Schauspiel Hannover, der den Titel der Serie übernommen hat, will die Sozialisation durch den Kathodenstrahl nicht verleugnen. Die meiste Zeit wird ferngesehen, auf einer großen Leinwand über der Bühne. Der videotechnische Aufwand ist beeindruckend, mit dem Twarkowski und seine Ausstatter (Bühne: Fabien Lédé, Kostüme: Svenja Gassen) die Schauspieler als Erklärungswerkzeuge in Szene setzen für die aktuelle Diskussion, ob der Eingriff mit der Crispr-Methode in das menschliche Erbgut nun Fluch oder Segen ist, Krankheiten besiegen kann oder unkalkulierbare Risiken birgt bis hin zum Bioterrorismus.

Zwischen Labor und Krankenzimmer, Fernsehstudio und Skiresort, Autofahrten mit Unfall und wilder Blutkörperdisco wechseln die atmosphärisch dichten Szene, die sich im Kern um eine kleine Geschichte drehen. Nachdem ein Klinikleiter durch den Kauf einer Gendatenbank seinen Vater gefunden hat, verunglückt dieser auf der Fahrt zum ersten Treffen und wird in das Krankenhaus des Sprösslings eingeliefert. Dort unternimmt der Wissenschaftler teils illegale Experimente mit genomverändernden Eingriffen am Menschen, wie sie durch die Crispr-Cas-Schnitte schnell, billig und angeblich kontrolliert seit 2015 möglich geworden sind. Weil bei seinem Vater ein Hirntumor festgestellt wird, beschließt der Sohn, der nicht frei von Rachegefühlen wegen des väterlichen Desinteresses an ihm ist, diesem eine Gensequenz zu injizieren. Die Lymphozyten sollen das Krebsgeschwür angreifen - aber vielleicht auch anderes.

Um diese Erzählung ranken Twarkowski und Cecko im ersten Teil des Abends verschiedene assoziative und didaktische Szenen, die sich sowohl um das Thema Forschung als auch um die mediale Vermittlung von Wissenschaft drehen. In einem Animationsstudio imitiert eine Schauspielerin für die Synchronisation der Serie "biologische" Geräusche. Stumme Laborgestalten im Zwielicht führen ein Geisterballett nach einem Stromausfall auf, das wie ein Stück des französischen Regie-Gestenkomikers Philippe Quesne wirkt, der banale Handlungen zu absurden Sketchen extemporiert. Von solch amüsanten Momenten wechselt das Thema zur Nachstellung einer Fernsehdiskussion über die ethischen Dimensionen der Genomveränderungen mit der Crispr-Erfinderin Jennifer Doudna. Hier wird anlässlich der Embryonenexperimente des chinesischen Forschers He Jiankui in typischer Talkshowdramatik darüber debattiert, ob die Gen-Schere zu Mutationen, Biohackern und hemmungslosem Missbrauch oder zur Ausrottung von Krebs und anderen Krankheiten führen wird. Nach dieser Entweder-oder-Hysterie geht der zweite Teil des Abends dann über in die Methodik des ursprünglichen Formats, nur mit Live-Acting on Extasy.

Die Gen-Schere rast durch den Körper auf der Suche nach den Killerzellen

Die lange finale Sequenz zeigt - angelehnt an die personifizierte Didaktik von "Es war einmal ...", aber ohne Erklärungen -, wie die zweibeinige Gen-Schere im Körper nach den zu manipulierenden Killerzellen sucht. In einem Stil, den man als Castorf-Theater auf flackerndem "Trainspotting"-Niveau beschreiben kann, rast das Crispr-Wesen im irisierenden Snowboardanzug durch die Gänge und Nischen der Kulissenteile und tauscht sich küssend, prügelnd und jagend mit den menschlichen Stoffen aus, denen es auf seinem Weg begegnet. Nach viel lauter Pantomime und Interaktion gelangt der Manipulator ans Ziel und hinterlässt am Ende doch nur die Frage, ob wir durch die Gentechnik jetzt endlich unsterblich sein können oder uns selbst ausrotten: Exist or Exit?

Es ist eine Szenencollage mit starker Bildkraft, die Łukasz Twarkowski und Marcin Cecko in Hannover erschaffen haben, ein Abend, der zwischen Problembewusstsein und Fantasie die Balance hält, Wissenschaft und Wildheit mixt, und dabei nie das Ziel aus den Augen verliert, aufklärerisch zu unterhalten. In der langen Tradition des themenzentrierten Dokumentationstheaters, für das in Deutschland Rimini Protokoll, Hannah Hurtzig oder Hans-Werner Kroesinger prägende Formate erfunden haben, ist diese neue Powervariante eine echte Bereicherung. Und in dem nostalgischen Stücktitel liegt auch ein Versprechen für die nächste Folge über bedrohte Erscheinungen: "Es war einmal ... das Fernsehen".