bedeckt München 32°

Schätze & Schätzchen (2):Zeugnisse einer nicht immer heilen Welt

Das Museum in Massing zeigt derzeit die Figuren Berta Hummels, für die sie berühmt wurde

Der Künstler mag den Kritiker nicht. Auch Berta Hummel sieht das so. Deswegen hat die Malerin die Anweisungen gegeben, wie die beiden Bilder aufzuhängen seien: Künstler und Kritiker kehren einander den Rücken zu. Doch auch, wenn der Kritiker recht verkniffen schaut, so ist er keinesfalls unsympathisch mit seinen Pausbacken, den verstrubbelten Haaren, dem vorgereckten Bauch und den klobigen Schuhen an kurzen Beinchen. Der Kritiker ist - genauso wie der Künstler - eines der typischen Hummelkinder, die in den Dreißigerjahren schlagartig berühmt wurden. Zunächst als Zeichnungen der Berta Hummel alias Schwester Maria Innocentia, später dann als Sammlerstück aus Porzellan.

"Vom Bild zur Figur - 80 Jahre Hummel-Figuren" heißt die aktuelle Ausstellung im Hummelhaus in Massing. Es ist eine Schau für all jene, die sich in die putzigen Hummelkinder verliebt haben und sich für deren Ursprung interessieren. In drei Räumen des Museums hängen die großformatigen Kohlezeichnungen der Berta Hummel, weit weniger bunt, als die parallel dazu ausgestellten Porzellan-Figuren vermuten lassen, aber ausgestattet mit einer Unschuld, Lebenslust und Neugier, die offensichtlich eine Sehnsucht vieler Menschen berühren. Sie sind Bildnisse einer heilen Welt.

Berta Hummel: Massing Viehmarkt, 1931

Berta Hummel beobachtete die Menschen genau und verstand es, verschiedene Charaktere wie hier auf dem Markt zu Massing detailgetreu zu zeichnen.

(Foto: Alfred Hummel)

Eigentlich müsste man genau diese Ausstellung in Massing erwarten, im Geburtshaus der Künstlerin. Denn wofür ist Berta Hummel bekannt, wenn nicht für ihre unverwechselbaren Kinderzeichnungen? Doch es ist ganz anders: "Wir haben uns lange gegen diese Ausstellung gewehrt, weil wir eigentlich die andere Berta Hummel zeigen wollen", sagt Alfred Hummel, Museumsleiter und Neffe der Künstlerin. Für ein kleines Museum in der bayerischen Provinz ist dies ein nahezu heldenhaftes Ansinnen. Denn diese andere Berta Hummel ist gut hinter den kleinen Lausbuben und Mädchen versteckt. Nur das Jubiläum der Figuren - 1935 wurden die ersten auf der Leipziger Frühjahrs-Messe gezeigt - hat den Museumsleiter zu dieser Sonderausstellung bewogen. Sonst sind die Hummel-Figuren lediglich im Eingangsbereich zu sehen, stets um die 500 aus dem 3500 Stücke umfassenden Archiv.

Aber was ist mit dieser anderen Künstlerin? Berta Hummel wurde als eines von sechs Kindern 1909 in Massing geboren. Ihre Eltern erkannten und förderten früh ihr künstlerisches Talent. 1927 begann Berta Hummel ein Studium an der Staatsschule für angewandte Kunst in München, das sie 1931 als Klassenbeste abschloss. Nach Ende des Studiums trat Berta Hummel dem Franziskanerinnenorden bei und stellte fortan ihr künstlerisches Arbeiten in den Dienst der Kirche. Ende 1932 erschienen die ersten Fleißbildchen und Postkarten mit Kinderzeichnungen in einem Verlag - es war der Beginn der Hummelkinder-Erfolgsgeschichte, der fortan Leben und Werk der Malerin bestimmte. 1946 starb Berta Hummel nach längerer Krankheit mit nur 37 Jahren.

Berta Hummel

Als Ordensfrau stellte Berta Hummel ihr Werk in den Dienst der Kirche.

(Foto: Alfred Hummel)

Das Werk, auf das sich das Museum in Massing konzentriert, ist jenes der vorklösterlichen Zeit. Die junge Künstlerin probierte sich damals aus, war noch nicht festgelegt auf einen Stil, eine Technik, eine Herangehensweise. Kohle-, Bleistift- und Pastellzeichnungen finden sich ebenso wie Aquarelle und Holzschnitte. Stillleben, Stadtansichten, Landschaften, Porträts, Innenräume, Studien, Karikaturen. Realistisches neben Expressionistischem. All das zeugt von dem Talent der Studentin. Und von ihrer Faszination für das Alltägliche, das Bodenständige, das Natürliche. Markante Gesichter scheinen Berta Hummel magisch anzuziehen. Menschen, denen die Anstrengungen des alltäglichen Lebens anzusehen sind und deren Blicke ins Leere gehen. Der Kontrast zu den späteren Hummelkindern könnte kaum größer sein.

Im Hummelhaus werden jene Arbeiten in wechselnden Ausstellungen präsentiert, teils in Retrospektiven, die ein möglichst breites Spektrum ihres Schaffens abbilden sollen, teils in der Gegenüberstellung mit Arbeiten anderer Künstler; etwa mit den Karikaturen von Olaf Gulbransson oder Honoré Daumier, den Grafiken von Käthe Kollwitz oder den Skulpturen von Andreas Kuhnlein. Berta Hummel wird - je nach beigeordnetem Werk - in den Kontext der Zeit oder eben in ein Spannungsverhältnis zur Gegenwartskunst gebracht. Das Hummelmuseum beschränkt sich damit nicht auf ein lange abgeschlossenes Werk, sondern belebt und beleuchtet es durch die hergestellten Bezüge immer wieder neu. Es ist ein ambitionierter Weg, der fortgesetzt wird: Im Anschluss an die aktuelle Ausstellung sollen Arbeiten von Paul Flora in den Dialog mit Berta Hummels Frühwerk treten.

Wissenswertes

Adresse: Berta-Hummel-Straße 2

84323 Massing, Telefon: 087 24/96 02 50

Öffnungszeiten: Montag bis Samstag 9 bis 17 Uhr, Sonntag 10 bis 17 Uhr

Eintrittspreis: Erwachsene 5 Euro; Gruppen ab 15 Personen/pro Person 4 Euro; Kinder, Versehrte, Studenten 3 Euro; Kombikarte mit Freilichtmuseum 7 Euro

Internet: www.hummelmuseum.de

Schwerpunkt: Im Hummelhaus wird das künstlerische Werk der Berta Hummel - vor allem jenseits der weltbekannten Hummel-Kinder - in wechselnden Ausstellungen präsentiert. Der Ort selbst ist Schauplatz ihrer Kindheit und Jugend.

Aktuelle Ausstellung: Vom Bild zur Figur - 80 Jahre Hummel-Figuren, bis März 2016

Trägerschaft: privat geführt, J.Hummel KG

Was das Museum in Massing neben den aufwendig konzipierten Ausstellungen ebenfalls prägt, ist der Ort und das Haus an sich: Massing ist der Geburtsort, die Heimat in Kindheit und Jugend von Berta Hummel. Im Hummelhaus, das seit 1875 in Familienbesitz ist, lässt sich die elterliche Wohnstube begutachten, wie sie zu Lebzeiten der Künstlerin aussah. An einer Wand hängt der Stammbaum der Familie Hummel, der bis ins Jahr 1454 zurückreicht, in einer Ecke steht die Messlatte, auf der man das Wachstum der Kinder über Jahrzehnte hinweg zurückverfolgen kann. Es ist ein authentischer Charme, der sich durch diese Details vermittelt und den das Haus mit einem weltoffenen Flair kombiniert, das sich in den zweisprachigen Beschriftungen (deutsch/englisch) ebenso ausdrückt wie in der gut gemachten Internetpräsenz. Das Hummelhaus gibt sich aufgeschlossen in jeder Hinsicht. Ob das dann auch auf jeden Künstler und Kritiker im Haus zutrifft, sei dahingestellt.