Salma Hayeks Frida-Kahlo-Film Kunst am offenen Herzen

Schönheit und Schmerz - Salma Hayek hat sich mit einem Frida-Kahlo-Film beglückt

Von RAINER GANSERA

"Frida ist eine Märchenprinzessin mit magischen Kräften, in einem Kleid aus vergoldeten Schmetterlingsflügeln", schwärmte André Breton. Die Surrealisten verehrten die mexikanische Malerin Frida Kahlo (1907-1954) und versuchten immer wieder, sie in ihren Kreis zu holen. Frida aber beharrte darauf: "Ich male meine Realität". Und ihre Realität, das war ein durch die Kraft der Imagination erschaffenes Universum aus Schrecken und Schönheit, Schmerz und Eros, sichtbar geworden in der verzaubernd-verstörenden Bildergalerie ihrer Selbstporträts, worin Mythos, Folklore und Faktisches zu eigenwilligen Symbiosen finden. Frida ist, beschrieb Diego Rivera, ihr Mann und Mentor, die Essenz ihrer Kunst, "in der Geschichte der Kunst das einzige Beispiel eines Künstlers, der seine Brust und sein Herz aufriss, um die biologische Wahrheit seiner Gefühle zu enthüllen".

Ashley Judd (r.) als Tina Modotti und Salma Hayek als Frida Kahlo in "Frida".

(Foto: SZ v. 06.03.2003)

Erst in den achtziger Jahren, nach dem Erscheinen von Hayden Herreras wunderbarer Kahlo-Biografie und großen Ausstellungen in den USA und Europa, wurde Frida Kahlo zur Berühmtheit, zur Ikone des Feminismus, sogar zu einer Art Pop-Legende, die mit aufregenden Ingredienzen wie Bisexualität und Kommunismus aufwarten konnte. Das Interesse Hollywoods war geweckt. Es kursierten Gerüchte über diverse Kahlo-Projekte: Madonna wollte sie spielen, dann Jennifer Lopez, Marlon Brando war als Diego im Gespräch, Francis Coppola als Produzent. Schließlich machte Salma Hayek das Rennen, und man mag ihr den Sieg gönnen, denn sie war die Engagierteste, Hartnäckigste: "Ich bin Mexikanerin, kann mich in Frida Kahlos Mentalität einfühlen. Mit vierzehn sah ich ihre Gemälde zum ersten Mal. Damals gefielen sie mir gar nicht, sie irritierten mich, aber sie prägten sich mir tief ein, rumorten in mir, hakten sich fest." Noch bevor Salma Hayek mit "Desperado" (1995) und "From Dusk till Dawn" (1996) ein Star wurde, träumte sie davon, einmal Frida zu verkörpern. Nun schenkt sie der Rolle einen begeisternden Elan, der Fridas Exzentrik in allen tragischen und glückhaften Facetten aufstrahlen lässt.

"Frida" ist ein szenisches Mosaik, gefügt aus eher konventionell erzählten Passagen, deren Herzstück die dramatische Liebesgeschichte zwischen Frida und Diego ist, und plötzlichen Ausbrüchen, in denen alles zu glühen beginnt: die Farben, die Leidenschaften, die Musik, der Sex, das überschwenglich Theatralische und imaginär Verspielte. Beim Prolog durchstreift die Kamera Fridas paradiesischen Garten: blühender Kaktus, Äffchen, Pfauen. Ein neugieriger, liebkosender, enthusiastischer Blick, der dazu einlädt, mit Fridas Augen zu sehen. Ein Himmelbett, das wie ein Sarg getragen wird, schiebt sich ins Bild. Frida liegt darin, 46 Jahre alt, todkrank. Der Arzt hat ihr absolute Bettruhe verordnet, also lässt sie sich mitsamt dem Bett auf einem Lastwagen zu ihrer Ausstellungseröffnung transportieren. Sie nimmt die Huldigungen glücklich entgegen. Es ist die erste Einzelausstellung in Mexiko, 1953, wenige Wochen vor ihrem Tod.

Dann springt die Erzählung zurück zur 16jährigen Frida, die in Schuluniform durch die Wandelgänge de Gymnasiums eilt, um dem berühmten Freskenmaler Diego Rivera (Alfred Molina) bei der Arbeit in der Aula zuzusehen. Diego vernascht, seinem Ruf gemäß, sein Nacktmodell, Frida beschimpft ihn kokett als Fettsack, und man ahnt, dass die beiden füreinander geschaffen sind.

Mit 18 wird Frida Opfer eines schrecklichen Verkehrsunfalls, bei dem sie von einer Metallstange durchbohrt wird, die - so die ärztliche Diagnose - "durch die linke Hüfte eindrang und durch die Vagina wieder austrat". In einer halluzinatorischen Montage beschreibt Regisseurin Julie Taymor diesen Unfall, lässt ein Blaukehlchen aufflattern und Goldstaub über Fridas gemarterten Körper regnen - eine magisch-realistische Vision, um deutlich zu machen, wie es Frida in ihrer Kunst und Imagination gelang, dem Schmerz standzuhalten.

Immer dort, wo sich der Film vom realistischen Erzählgestus befreit, gewinnt er seine stärksten Momente: So bei Fridas Todesvisionen, oder in einer mitreißenden Dada-Collage, wenn Diego in New York als King Kong das Empire State Building besteigt. Nie wieder wird Frida nach dem Unfall den Tod aus den Augen verlieren, lebenslang ist sie von Schmerzen geplagt, versinkt aber nie in Selbstmitleid. Tapfer erfindet sie eine persönliche Mythologie, in ihrer aus mexikanischer Folklore gespeisten Kunst, in sozialrevolutionären Politträumen, und in der Liebe. Die Treulosigkeit Diegos, auf die sie mit eigenen Ausschweifungen und Affären - u.a. mit Trotzki und Josephine Baker - reagiert, lässt sie dennoch nicht daran zweifeln, dass sie mit dem 21 Jahre älteren "Fettsack" in magischer Einheit verschweißt ist. Diego zeichnet sie sich gern als drittes Auge auf die Stirn.FRIDA, USA 2002 - Regie: Julie Taymor. Buch: Clancy Sigal, Diane Lake, Anna Thomas, nach dem Buch von Hayden Herrera. Kamera: Rodrigo Prieto. Musik: Elliot Goldenthal. Mit: Salma Hayek, Alfred Molina, Geoffrey Rush, Edward Norton, Antonio Banderas, Ashley Judd. Buena Vista, 123 Minuten.