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Rücktritt:Ärger in Erl

Gustav Kuhn begründete die Tiroler Festspiele 1998.

(Foto: Ulrike Schuster)

Dem Gründer und künstlerischen Leiter der Tiroler Festspiele werden Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung vorgeworfen. Nun hat er sein Amt niedergelegt.

Von Rita Argauer

Gustav Kuhn, der künstlerische Leiter und Gründer der Tiroler Festspiele im österreichischen Erl, hat sein Amt vorläufig niedergelegt. Das teilte ein Sprecher der Festspiele mit. Gegen Kuhn gab es anhaltende Vorwürfe wegen sexueller Belästigung und Machtmissbrauchs. Zuletzt hatten fünf Künstlerinnen in einem offenen Brief erstmals namentlich Vorwürfe gegen den 72-Jährigen geäußert. Mit seinem vorläufigen Rücktritt wolle Kuhn weiteren Schaden von Erl abwenden, sagte der Sprecher. Der Schritt zum Ende der Sommerspielsaison sei jedoch kein Schuldeingeständnis.

Derzeit ermittelt die Staatsanwaltschaft Innsbruck wegen des Verdachts der sexuellen Belästigung, zudem wurde die Gleichbehandlungskommission in Österreich eingeschaltet. "Wir wollen keinen Machtmissbrauch", teilte der frühere Unternehmer Hans Peter Haselsteiner, Unterstützer und Präsident der Festspiele, mit. Gustav Kuhn müsse seine Unschuld beweisen, nur dann könne er zurückkehren. Damit stellte sich Haselsteiner zum ersten Mal nicht mehr bedingungslos hinter Kuhn. Bisher waren die Vorwürfe, die der österreichische Enthüllungsblogger Markus Wilhelm im Februar erstmals veröffentlicht hatte, als Verleumdung dargestellt worden.

In zahlreichen anonymen Zitaten wurden die Arbeitsverhältnisse bei dem österreichischen Klassikfestival massiv kritisiert - die Rede war von Lohndumping und ungleicher Bezahlung der oft osteuropäischen Orchestermusiker bis hin zu sexueller Nötigung. Kuhn und Haselsteiner erwirkten vor dem Tiroler Landesgericht gegen Wilhelm eine Unterlassungsverfügung. Zu weiteren Äußerungen Wilhelms auf seinem Blog zum Verfügungsverfahren forderte Kuhns Anwalt eine Gegendarstellung. Einen Rechtsstreit zur Form dieser Gegendarstellung hat Wilhelm am Mittwoch in zweiter Instanz gewonnen.

Die Staatsanwaltschaft Innsbruck schaltete sich vergangene Woche im Zuge der neuen Vorwürfe der fünf Künstlerinnen ein. Blogger Wilhelm fühlt sich bestätigt: "Der Rücktritt Kuhns kommt fünf Monate zu spät. Nicht zuletzt dadurch wurden die Künstlerinnen ermutigt, mit Namen an die Öffentlichkeit zu gehen."

Haselsteiner reagierte schon vergangene Woche öffentlich auf diese neuen Vorwürfe. "Selbstverständlich werde ich veranlassen, dass den von Ihnen erhobenen Vorwürfen mit Ernsthaftigkeit und Akribie nachgegangen wird und Sie über die Ergebnisse der Recherchen umgehend informiert werden", wandte er sich an die Unterzeichnerinnen des offenen Briefs. Er weist jedoch die Klage der Künstlerinnen zurück, man würde in Erl nicht auf die Vorwürfe reagieren und "trotz der allseits bekannten Faktenlage" keine Konsequenzen daraus ziehen.

Seit einem halben Jahr beruhigt sich die Situation in Erl nicht. So meldeten sich immer wieder Stimmen für und gegen Kuhn. Noch im Februar äußerten sich einige Künstler zu Gunsten Kuhns und im März gaben Musiker des "Minsk Orchestras" bekannt, mit den Erler Arbeitsbedingungen zufrieden zu sein.

Andreas Leisner, langjähriger Stellvertreter Kuhns, übernimmt dessen Posten interimsmäßig. Der Verein "Art but fair", der für faire Arbeitsbedingungen in den Darstellenden Künsten und der Musik eintritt, kritisiert: "Wenn das die Erneuerung ist, die die für die Region so wichtigen Festspiele auf neue Beine stellen soll, dann bezweifeln wir sehr, dass dies so gelingen wird!"

Der vorläufige Rücktritt Kuhns als künstlerischer Leiter (als Dirigent bleibt er auf seinem Posten) ist die erste sichtbare, wenn auch sanfte Konsequenz, die aus der Affäre gezogen wird. Noch vor den ersten Vorwürfen wurde im vergangenen November die Stelle eines künstlerischen Geschäftsführers in Erl ausgeschrieben. Das Auswahlverfahren läuft gerade. Wie lange dieses dauern wird, könne man derzeit noch nicht sagen, heißt es aus dem Festspielort.

© SZ vom 02.08.2018

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