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Ross Thomas:Am Boden der Seele kratzen

Einer der besten von Ross Thomas' lakonischen, politisch überaus inkorrekten Krimis der Siebziger: "Porkchoppers", erstmals vollständig auf Deutsch. Großer Gewerkschaftsverhau.

Truman Goff ist der Mann für Obst und Gemüse des Safeway-Ladens in Baltimore. Das alles würde Goff nicht gerade für die tragende Rolle in einem Krimi prädestinieren. Doch diese ihm eigene Unauffälligkeit ist auch die Grundlage für das zweite, lukrativere Tätigkeitsgebiet dieses Obstverkäufers. Was sein Autor Ross Thomas so umschreibt: "Falls Truman Goff zur Armee eingezogen worden wäre und falls die Armee ihn nach Vietnam geschickt hätte und falls er dort ein bisschen Zeit damit verbracht hätte, Vietcong und Nord- und sogar Südvietnamesen zu töten, wäre er höchstwahrscheinlich nie im Auftragsmord-Geschäft gelandet."

Ross Thomas (1926- 1995), längst kein Geheimtipp mehr in Krimikreisen, liebt Schachtelsätze und Serien. Also beginnt auch "Porkchoppers" mit einer Serie. Ein Bündel mit Dollar, anfangs sind es 7500, tritt eine Rundreise an. Es landet zuerst bei Privatdetektiv Karl Syftestad in Minneapolis, in der Folge bei Julius C. Eames in East St. Louis, bei Frank Martelli in Buffalo, bei Bryan Simpson in Jack (Oklahoma), bei Joan Littlestone in Los Angeles und zuletzt dann bei Truman Goff. Bloß zehn Seiten braucht Ross Thomas, um die USA der späten Sechzigerjahre in ihrer saturierten Nonchalance vollständig zu erfühlen. Denn im Umschlag, den Goff erhält, stecken nur noch 5000 Dollar, der Rest ist bei den Zwischenadressaten hängen geblieben. Die sich über ihre Tätigkeit zwar ein bisschen wundern, den Unrat wittern, aber gelangweilt kassieren. So wie sich auch Goffs Frau wundert, aber das Geld gern nimmt.

Ross Thomas: Porkchoppers. Aus dem Englischen von Jochen Stremmel. Alexander Verlag, Berlin 2016. 309 Seiten, 14,90 Euro. E-Book 9,99 Euro.

Das Buch erschien 1972, war bei uns stark gekürzt, ist jetzt erstmals vollständig übersetzt

"Porkchoppers" ist der zehnte Roman von Ross Thomas, der, weil zuvor US-Soldat im Zweiten Weltkrieg, dann Journalist, Gewerkschaftssprecher und Wahlkampfberater, erst mit vierzig Jahren zu schreiben begann. Das Buch erschien 1972, im Jahr darauf lag es, unzumutbar gekürzt, auf Deutsch vor, jetzt wurde es erstmals vollständig übersetzt. Bis auf den Titel. "Porkchopper" ist, so erklärt es der Vorspann, ein Slangausdruck für einen eigennützigen Gewerkschaftsfunktionär. Womit der Rahmen des Romans abgesteckt ist, kämpft da doch ein solcher Porkchopper um seine Wiederwahl. Dabei geht es dann wenig anders zu als bei den derzeitigen amerikanischen Vorwahlen.

Wobei Thomas staubtrocken und mit bewundernswert akribischer Ökonomie die zunehmend widerwärtigen Hinterzimmerarrangements der Wahlkämpfer auffächert. Dabei liefert er niemanden der Häme oder dem Spott aus, denn er zeichnet stets leibhaftige Menschen in all ihrer Mittelmäßigkeit zwischen Suff, Geldgier, Machtstreben, Sexträumen, Karrierepleite: "Der Junge hatte Würde, die Art Würde, die normalerweise die geringfügige Belohnung derer ist, die im Alter von vierzig oder fünfzig, nachdem sie am Boden ihrer Seelen gekratzt haben, den Ekel überleben und danach von der Erbärmlichkeit anderer nie mehr sonderlich betroffen sind."

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Roman stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Ross Thomas: Porkchoppers. Aus dem Englischen von Jochen Stremmel. Alexander Verlag, Berlin 2016. 309 Seiten, 14,90 Euro. E-Book 9,99 Euro.