Roms Filmstadt Cinecittà wird erweitert Mussolinis Traumfabrik

Nun ist in den Straßen New Yorks ein Hämmern und Bohren zu hören. Arbeiter schleppen Spanplatten heran - Rohmaterial für neue Kulissen, für ein romantisches Venedig oder ein glitzerndes Las Vegas, wie es den Regisseuren gerade gefällt. Ein paar Schritte weiter erheben sich die maroden Kulissen eines holländischen Dorfes. Dahinter taucht ein mittelalterliches Städtchen auf mit Mauern, Häusern und Kirchen aus unverputztem Naturstein. "Das sieht ja aus wie Assisi", ruft der Besucher verblüfft. Catherine Lowing kichert: "Das ist Assisi. Unsere Leute haben es in zwei Wochen erbaut, für eine Fernsehinszenierung über den Heiligen Franziskus."

Erst Mussolinis Hollywood, dann ein Flüchtlingslager

In zwei Wochen? Das erscheint kaum glaublich. Erst wenn man ganz nahe herangeht und mit der Hand die lederdünnen Fassaden umfasst, merkt man, dass alles aus Tand gebaut ist. "Unsere römischen Handwerker, Schreiner, Schmiede und Kostümbildner sind einmalig", meint Catherine Lowing. "Außerdem haben wir dieses Wetter, diese Sonne!"

Sie zeigt auf den sattblauen Januarhimmel, der durch die Schirmpinien lugt. Das alles mache Cinecittà zur attraktiven Konkurrenz für andere europäische Studios. Gewiss, in Osteuropa lasse sich billiger drehen. Aber das sehe man den Filmen auch an. Die Kulissen wirkten gekünstelt. Cinecittà dagegen setze auf Qualität und Authentizität. Italien sei eben anders.

Rückblende: Auf die Italianità baute schon der Duce, als er am 27. April 1937 Cinecittà einweihte. Seine Kinostadt sollte Hollywood Konkurrenz und Rom Ehre machen. Natürlich wurden da in den Anfangsjahren Propaganda- und Kriegsfilme gedreht. Am häufigsten aber entstanden Komödien. Nach dem Krieg und der deutschen Besatzung diente die Filmstadt dann als Flüchtlingslager. Gina Lollobrigida lernte im Hospital einen Arzt, ihren erster Ehemann kennen.

Dann kamen die italienischen Neo-Realisten wie Vittorio De Sica und Roberto Rossellini, und bald fielen auch die Amerikaner mit "Sandalenfilmen" wie "Quo Vadis" und "Ben Hur" ein. Cinecittà wurde zum "Hollywood am Tiber". Regisseure und Diven aus Übersee brachten die Dolce Vita nach Rom. Liz Taylor und Richard Burton, Audrey Hepburn und Gregory Peck ließen die römischen Nächte glänzen. Fellini und Luchino Visconti konterten mit der subtileren Filmkunst der alten Welt, mit "La Strada" und "Il Gattopardo".

Sieg des kleinen Formats

Der Siegeszug des Fernsehens veränderte später auch die Kinostadt. Die qualitätsvollen Produktionen nahmen ab. Immer mehr wurde fürs kleine Format produziert. Daran hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn Cinecittà die Krise der achtziger und neunziger Jahre bewältigt hat. Die Filmstadt wurde privatisiert, modernisiert. Sie kann den Regisseuren heute vom Dreh an virtuos nachgebauten Schauplätzen bis hin zur Bearbeitung des Filmmaterials alles in italienischer Qualität bieten. Doch ohne Fernsehproduktionen und Werbespots könnte Cinecittà kaum überleben. Im legendären Studio fünf, in dem einst Fellini über das Reich der bewegten Bilder herrschte, werden gerade die Kulissen für eine TV-Show namens "Amici" gezimmert.

"Jedes Mal, wenn ich hier ankomme, erschüttert mich ein Erdbeben der Emotionen", sagte Sophia Loren bei den Feiern zum 70. Geburtstag der Filmstadt. Doch Cinecittà muss nicht im Blues versinken. Die Bertreibergesellschaft kaufte in letzter Zeit Studios in Rom, Umbrien und Marokko hinzu. Zugleich wird "Cinecittà World" geplant, eine Art Disneyland des Kinos, das bald drei Millionen Besucher im Jahr empfangen soll.

Zudem lenkt das frisch gegründete Kinofestival Roms neue Aufmerksamkeit auf die alte Cinecittà. Vielleicht finden sich ja auch noch Zeit und Geld, um nun, nach 70 Jahren, einen eigenen Streifen über die Filmstadt zu drehen. Den gebe es längst, meint Catherine Lowing. Richtig. Der Film heißt "Intervista" - und Regisseur ist Federico Fellini.