Robert Downey Jr. im Interview Bis der Kaiser den Daumen senkt

Vom Drogen-Problemfall zum Superhelden: Iron Man-Darsteller Robert Downey Jr. über Adrenalin und Sucht, Selbstschutz und Dankbarkeit .

Interview: Anke Sterneborg

Sein Blick zeigt diese gewisse Traurigkeit, auf seinen Lippen spielt selbstironischer Spott. Er hat den zierlichen und durchtrainierten Körper eines abenteuerlustigen Jungen, und doch die Furchen eines weisen Mannes im Gesicht. Robert Downey Jr. braucht eigentlich gar keine Worte, um zu erzählen, was wichtig ist - über die Höhenflüge einer Karriere und die Tiefschläge mit Drogen, Alkohol, Entzug und Gefängniszelle. Natürlich macht es trotzdem Spaß, ihm zuzuhören - zum Beispiel wenn er von seinem neuen Leben als subversiver Superheld erzählt.

"Balance zwischen Selbstsicherheit und Bescheidenheit": Hollywood-Star Robert Downey Jr.

(Foto: Foto: AP)

SZ: Ein millionenschwerer Waffenhändler, der sein Gewissen entdeckt: Ist das auch eine Anspielung auf Amerika am Ende der Bush-Ära?

Robert Downey Jr.: Oh, ich dachte wir hätten einen netten Superheldenfilm gemacht, muss ich da politische Fragen beantworten? Aber warum auch nicht: Das Schöne an diesen Filmen ist, dass man es mit diesen ganzen gesellschaftlichen und politischen Ängsten zu tun bekommt, und ausnahmsweise mal ganz einfache Antworten geben kann. In der Wirklichkeit wird jemand, der so tief in der Waffenindustrie steckt, seine Haltung nicht so radikal ändern. Auch unser Präsident wird nicht eines Tages aufwachen und sagen, ,Ich denke, ich war nicht der Richtige für den Job, ich trete zurück.' Aber in unserem fiktiven Film können wir solche Ideen durchspielen.

SZ: Mit all diesen Autos, Robotern und Gadgets konnten Sie aber auch einen Teil Ihrer Jugend nachholen, oder?

Downey: Klar ist das ein Heidenspaß, gerade eben sind wir noch mit diesem Flitzer durchs Brandenburger Tor und auf der Autobahn gefahren. Aber ich habe genug Erfahrungen gemacht, um zu wissen, dass all diese Adrenalin-Schübe immer irgendwann zum Zusammenbruch führen.

SZ: Ihre Figur Tony Stark, der "Iron Man", baut sich eine eiserne Rüstung. Was ist Ihr Panzer?

Downey: Wahrscheinlich die Balance zwischen Selbstsicherheit und Bescheidenheit. Nehmen Sie Interviewtage wie diesen, sie schlucken viel Energie und können einen ziemlich verrückt machen. Aber heute früh bin ich nach dem Aufstehen erst mal mit meiner Frau im Park und durch das Brandenburger Tor gelaufen. Es hilft, solche alltäglichen Situationen jenseits des ganzen Hypes für sich zu einzufordern.

SZ: Der "Iron Man"-Comic war in den sechziger Jahren durch den Waffenproduzenten, Flugzeugbauer und Filmmogul Howard Hughes inspiriert. Haben Sie sich auch an ihm orientiert?

Downey: Manchmal muss man solche Dinge gar nicht krampfhaft suchen, weil sie ohnehin allgegenwärtig sind: Wir haben diesen Film in derselben Halle gedreht, in der Howard Hughes die Flügel für sein Riesenflugzeug "Spruce Goose" montieren ließ. Ich habe mir oft vorgestellt, dass das dieselben Planken sind, auf denen er damals gelaufen ist und seine Geliebten durch die Fabrik geführt hat.

SZ: Von Ihrer ersten großen Rolle in der Bret Easton Ellis-Verfilmung "Unter Null" an neigen Sie immer wieder zu diesen suchtgefährdeten, selbstzerstörerischen Figuren. Warum?

Downey: Oft hat das einfach damit zu tun, dass es die interessanteren Rollen sind. Nehmen Sie "There Will Be Blood": der Typ trinkt auch bis zum Umfallen, aber das ist nur ein Aspekt seines Charakters, der wiederum mit seiner Getriebenheit zu tun hat. "Unter Null" dagegen war ein Film, der sich ganz offen mit der Drogenkultur beschäftigte. Als ich Charlie Chaplin gespielt habe, ging es um diese fast manische Kreativität und seinen starken Sextrieb. Tony Stark ist von seinem Erfinderdrang getrieben und ist wohl meine bisher versehrteste Figur.

SZ: Kommen Ihnen solche Rollen nie zu nah?

Downey: In der Highschool hatte ich einen Schauspiellehrer, und ich erinnere mich noch, dass es da auch um ästhetische Distanz ging, beschrieben als die Fähigkeit, sich von der Rolle, die man gerade spielt, abzutrennen. Lange Zeit habe ich das gar nicht beachtet, erst bei "Unter Null" habe ich kapiert, dass es darum geht, sich abzusichern. Und inzwischen bin ich darin auch sehr gut.

SZ: "Iron Man" handelt auch davon, dass sich der American Dream in einen Albtraum verwandelt: Wie sieht Ihr American Dream aus?

Downey: Im Grunde lebe ich ihn, ich habe mit persönlichen Problemen gerungen und sie in den Griff bekommen. Der amerikanische Traum besagt, dass man mit harter Arbeit und einer guten Einstellung auch das Unwahrscheinliche erreichen kann: Das erzählt man uns allen, aber es sind nur zwei, drei oder fünf Menschen in einer Million, die es auch erleben. Und diese wenigen sorgen dafür, dass die anderen daran glauben, dass es sich lohnt. Es ist nicht wahr, aber es ist ein Ideal.

SZ: Und Ihr Albtraum?

Downey: Mit dem zu hadern, wofür wir dankbar sein sollten. Ich habe hart gearbeitet, um mich wieder in eine Lage zu bringen, in der ich jetzt bin. Aber ich weiß auch, wie schnell das wieder in sich zusammenfallen kann. Das ist wie im Kolosseum, wo man wartet, bis der Kaiser den Daumen heben oder senken wird. Wenn ich mal wieder mittendrin stecke, ganz aufgeplustert bin und nur noch über mich selbst rede, dann lacht meine Frau, weil sie weiß, dass ich nur der Typ bin, der jetzt gleich ins Bad gehen oder Frühstück bestellen wird. Dem Albtraum entkommt man am besten mit einer ganz einfachen, guten Beziehung.

SZ: Es gibt auch diese Häufung von Detektiven und Journalisten in Ihrer Filmographie: Wie stark sehen Sie auch das Spielen als investigativen Beruf?

Downey: Da sehe ich ganz große Ähnlichkeiten. In jeder neuen Rolle geht es darum, etwas für sich selbst herauszufinden und dann für die Zuschauer freizulegen. Man ist doch immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen. "Iron Man" hat mich auch deshalb so interessiert, weil ich so etwas noch nie gemacht habe, und dann ist er doch wieder ein Getriebener, ein "Süchtiger". Vor allem geht es darum, der Geschichte so gut wie möglich zu dienen. Als Schauspieler bin ich ja ein Dienstleister. Im Grunde fühle ich mich noch heute als Fabrikarbeiter, auch wenn ich inzwischen eher an der Spitze der Belegschaft stehe.