Post-Punk-Porträt Das Ende der Spaßkapelle

"Joy Division"-Sänger Ian Curtis nahm sich, von Epilepsie und Eheproblemen geplagt, mit 23 Jahren das Leben. Der Film "Control" ist eine bewegende Hommage. Bei den Dreharbeiten wurden Sam Riley und Alexandra Maria Lara ein Paar.

Von Rainer Gansera

In der Nacht vom 17. auf den 18. Mai 1980 erhängt sich Ian Curtis, Sänger/ Gitarrist/ Songwriter der Postpunk-Band Joy Division, in seinem Reihenhaus in Macclesfield, einen Tag, bevor die Band zu ihrer USA-Tour aufbrechen soll. Curtis, bekannt für seine dunkle, wie ein Echo aus Grabestiefe kommende Stimme, für seinen manischen, roboterhaften Tanzstil auf der Bühne, ist gerade erst 23 Jahre alt. Bevor er zur Tat schreitet, legt er eine Platte auf, Iggy Pops "The Idiot", und sieht im Fernsehen Werner Herzogs Film "Stroszek".

Die Entdeckung des Jahres: Sam Riley singt, tanzt und bewegt sich wie Ian Curtis.

(Foto: Foto: ddp)

In seinem "24 Hour Party People" (2002) zeigte Michael Winterbottom Curtis' Freitod als provokant-verzweifelten Akt, beinahe wie ein theatralisches Happening. Ganz anders zeichnet das nun Anton Corbijn in seinem Curtis-Porträt "Control". Er bleibt auch beim tragischen Finale dem unspektakulären - und darum viel stärker bewegenden - Gestus seiner Erzählung treu, und man spürt, wie hier einem, der an Epilepsie und Depressionen leidet, die Kontrolle über sein Leben vollends entgleitet.

"Seit ich denken kann, will ich da weg!"

"Control" ist zärtliche Porträtzeichnung und bewegende Hommage. Der holländische Regisseur Anton Corbijn, 51, kennt sich mit der Epoche, um die es da geht, bestens aus. Er kam Ende der siebziger Jahre als Fotograf nach England. Seine grobkörnigen, subtil komponierten Schwarz-Weiß-Bilder - er fotografierte unter anderen Joy Division, Depeche Mode, Captain Beefheart - waren stilbildend. Dass er jetzt seinen ersten Spielfilm in Schwarz-Weiß gedreht hat, ist nicht nur seinem "Markenzeichen" als Fotograf geschuldet, sondern trifft Ton und Atmosphäre der Curtis-Geschichte präzise. Die weit aufgefächerte Grau-Palette der Bilder entspricht dem Melancholie-Spektrum des Helden.

Wenn die Betonwüste, in der Curtis aufwächst, in solchen S/W-Bildern "schön" erscheint, ist das keine Lüge. Curtis sagt wohl einmal "Seit ich denken kann, will ich da weg!", und er schreibt sich sogar mit Tippex in Großbuchstaben das Wort "Hass" auf sein Jackett. Aber das ist nur die eine Hälfte der Wahrheit. Curtis ist kein auftrumpfender Rebell. Das, was er hasst, mag er auch, und Corbijn behält recht, wenn er "schöne" Bilder macht und Curtis' Karriere ohne Sex-Drugs-and-Rock'n'Roll-Knalleffekte präsentiert.

Als Teenager hängt Curtis den buntesten Träumen vom glamourösen Popmusiker-Dasein nach. Vor dem Spiegel tanzt er zu seiner Lieblingsmusik: Roxy Music, Lou Reed, vor allem David Bowie. Er schminkt sich wie Bowie, tritt ganz nahe an den Spiegel heran, behaucht ihn, und malt mit dem Zeigefinger in den kondensierten Atem seine Initialen - eine der Szenen, in denen Corbijn uns seinen Helden wie auf Zehenspitzen nahebringt, und Curtis-Darsteller Sam Riley (der bisweilen Pete Doherty ähnlich sieht) mit knappen Gesten die Kontur einer träumerisch in sich vergrabenen Figur entwerfen kann.

Dämonen einer Krankheit

Mit 19 heiratet Curtis - "viel zu früh", wie er später klagt - seine Jugendliebe, Deborah, ein molliges working-class girl aus der Nachbarschaft (Samantha Morton), und absolviert seinen Angestellten-Job beim Arbeitsamt. Schon weil Corbijn diese Lebenssphären genau schildert, gerät er nie in Versuchung zum Glamour-Gemälde, als es dann mit Joy Division erfolgversprechend losgeht. Mit den ersten Auftritten offenbart sich dann Curtis' Epilepsie immer deutlicher. Er, der auf der Bühne ganz aus sich herausgehen mag, der die Trance des Auftritts herbeisehnt, hat immer größere Angst vor dem Kontrollverlust durch seine epileptischen Schübe. So laden sich alle seine Sehnsüchte mit Ängsten auf. Er verliebt sich in eine hübsche, intelligente belgische Journalistin, Annik (Alexandra Maria Lara), will aber Deborah nicht verlieren. Er möchte gern mit der Band auf Tour gehen, bricht aber auf der Bühne immer öfter zusammen.

Sam Riley kann diesen dramatischen Bogen der Curtis-Figur hin zu immer größerer Entfremdung von der Umgebung, zum immer tieferen Versinken in dunkler Verzweiflung großartig darstellen. Man muss kein Joy Division-Fan sein, um "Control" zu mögen - der Film ist, über ein musikalisches Biopic hinaus, die ergreifende Studie eines Menschen, der von den Dämonen seiner Krankheit überwältigt wird. Eine tragische Geschichte, die gleichwohl nichts Niederdrückendes an sich hat. Noch in der Kapitulation bleiben die Bilder des Aufbruchs und die Gesten, die nach Schönheit tasten, die stärksten Eindrücke.

CONTROL, GB/USA/Austr 2007 - Regie: Anton Corbijn. Buch: Matt Greenhalgh. Nach Erinnerungen von Deborah Curtis "Touching from a Distance" (deutsch: "Aus der Ferne"). Kamera: Martin Ruhe. Musik: Joy Division, New Order. Mit: Sam Riley, Samantha Morton, Alexandra Maria Lara, Joe Anderson, James Anthony Pearson, Tony Kebbell, Craig Parkinson, Harry Treadway. Capelight, 125 Minuten.