Portrait: Peter Fox Fuchs, du hast den Tanz gestohlen

Erfolg macht verdächtig - doch bei Sänger Peter Fox ist er hochverdient. Ein Portrait des Popstars der Stunde, der seine Gesichtslähmung als "Naturbotox" bezeichnet.

Von Steffen Rüth

Man kann es getrost als Triumphzug bezeichnen, was diesen Mann da gerade überfährt. Die schon länger köchelnde Karriere des Pierre Baigorry fing richtig Feuer als er Mitte Februar bei Stefan Raabs nationaler Popleistungsschau, dem "Bundesvision Song Contest", mit 174 von 192 möglichen Punkten für sein Lied "Schwarz zu Blau" die Konkurrenz um Längen distanzierte.

Peter Fox: mit seinem Lied über Berlin "Schwarz zu Blau" trumphte er beim Bundesvisison Song Contest auf.

(Foto: Foto: warner)

Bei der Verleihung des Musikpreises "Echo" fand das große Abräumen eine Woche später ihre Fortsetzung - Baigorry gewann mit drei Trophäen so viele wie niemand sonst, auch den "Echo-Kritikerkreis" konnte er einheimsen. Und schließlich schaffte das schon im September 2008 veröffentlichte Album "Stadtaffe" auch noch den Sprung an die Spitze der deutschen Charts. So viel Erfolg könnte verdächtig machen. Im Fall von Pierre Baigorry bestätigt der Durchmarsch hingegen, dass sich Erfolg mitunter auch völlig zu Recht und hochverdient einstellen kann.

Pierre Baigorry tritt nicht als Pierre Baigorry auf. Er hat ein griffiges Pseudonym gewählt, Peter Fox. "Ich wollte einen Namen, den man sich leicht merken kann", sagt er beim Gespräch in einem Konferenzzimmer seiner Hamburger Plattenfirma. "Außerdem heißt Pierre auf französisch Peter, und "Foxy" war wegen der roten Haare schon immer mein Spitzname."

Fox ist 37 Jahre alt. Für einen Popmusiker ist das ein gesetztes, beinahe schon gesegnetes Alter. Aber Fox ist auch kein Frischling mehr. Als Teil der elfköpfigen, kulturell buntgemischten Gruppe Seeed arbeitet Peter, respektive Pierre, schon seit zehn Jahren hauptberuflich als Sänger und Produzent. Drei Alben haben Seeed - die seit zwei Jahren pausieren, aber in diesem Sommer noch reaktiviert werden sollen - seit 2001 veröffentlicht. Sie spielten schon in ganz Europa und reüssierten vor dem als kritisch bekannten Publikum des britischen Glastonbury-Festivals. Der größte Hit gelang dem Kollektiv 2001 mit "Dickes B".

"Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein, so dreckig und grau. Du kannst so schön schrecklich sein, deine Nächte fressen mich auf." So beginnt der Song "Schwarz zu Blau" auf Fox' Album "Stadtaffe", und so sehr es eine Hymne auf die Berliner Morgendämmerung nach durchtanzter Nacht ist, so sehr ist es eine unglamouröse. Peter Fox fügt dem Berlinbild manch neue Facette hinzu. Mit seiner nicht schönen, aber kraftvollen Stimme singt er über Hundescheiße und die "Kotze am Kotti", dem gesellschaftlichen wie Party-Brennpunkt Kottbusser Tor in Kreuzberg.

"Junkies sind benebelt, Atzen rotzen in die Gegend, benehmen sich daneben." Und dennoch findet Fox Schönheit in der Szenerie: "Während ich durch die Straßen lauf, wird langsam Schwarz zu Blau." Auch im Song "Haus am See" thematisiert Fox seine Hassliebe zur Hauptstadt. "Ich sage in dem Stück: 'Hier bin ich geboren, hier werd' ich begraben'. Ich kann mir auch nicht vorstellen, aus Berlin wegzugehen. Aber wenn mir die Stadt zu rau wird, dann nehme ich Frau und Kind und fahre raus in die Natur."

Mit seiner Partnerin und der vierjährigen Tochter lebt Baigorry nicht weit vom Kottbusser Tor in einer geräumigen Loftwohnung. So sehr er Klubs, Kneipen sowie die Tatsache, "dass man auch als Künstler mit wenig Geld in Kreuzberg ein vergleichsweise gutes, entspanntes Leben führen kann", schätzt, so sehr bekümmert ihn doch die Verlottertheit des Viertels: "Kreuzberg ist einen Tick zu versifft. Neulich war ich mit meiner Tochter auf dem Spielplatz, und da lag doch tatsächlich eine benutzte Spritze im Sandkasten. Da hört der Spaß auf. Die Kleine soll auch etwas lernen, und ich weiß nicht, ob das auf Schulen so gut klappt, an denen viele Kinder kein Deutsch sprechen und das auch gar nicht wollen. Privatschule? Das Kind soll mit richtigen Menschen aufwachsen und nicht mit solchen Kohlefreaks." Auch für einen Popstar ist der Spagat zwischen Indie-Boheme und Bürgerlichkeit kein leichter.

Pierre wuchs zweisprachig im Westberliner Stadtteil Zehlendorf auf, seine Mutter ist französische Baskin. Früh liebte er die Musik, spielte Klavier und Flöte und später im Schönower Posaunenchor das Waldhorn. Er sang in mehreren Schülerbands und entschied sich nach dem Abitur für eine Lehre als Klavierbauer, die er jedoch abbrach. Darauf studierte er Musik, Anglistik und Sozialpädagogik, er wollte Sonderschullehrer für Behinderte werden. "Als wir mit Seeed anfingen, Geld zu verdienen, war ich schon fast 30. Da hat man sich zwangsläufig vorher schon über Alternativen Gedanken gemacht."

Abgeklärt wirkt der Mann. Er macht nicht den Eindruck, als würde ihn die momentane Aufmerksamkeit um seine Person oder der ungewohnte materielle Wohlstand - Seeed teilen alle Einnahmen durch elf - übermäßig aus der Facon bringen. Seine Abende verbringt er gerade auf den Bühnen der größten Hallen Deutschlands, ihm zur Seite stehen eine stattliche Band, allein vier Schlagzeuger und eine Horde Orchestermusiker mit Affenmasken. Doch Fox bleibt inmitten des ganzen Trubels die Gelassenheit in Person. "Wenn ich nicht jeden Abend spielen müsste, würde ich eine Woche Komatrinken veranstalten. Geht aber nicht. Weiterhin möchte ich betonen, dass beruflicher Erfolg zwar sehr schön ist, aber nicht per se glücklich macht."

An einem Morgen des Jahres 2002 wachte Fox auf und merkte, dass er sein Gesicht nicht mehr bewegen konnte. Die Ärzte diagnostizierten eine vorübergehende Gesichtslähmung und irrten sich. Als das Virus, an dem Baigorry litt, entdeckt wurde, war es für eine vollständige Genesung zu spät. Die rechte Gesichtshälfte blieb gelähmt, er selbst bezeichnet das Handicap mit typischer Lakonie als "Naturbotox". "Ich kann nicht mehr pfeifen und das "Pf" nicht mehr vernünftig aussprechen. Aber dramatisch ist das nicht."

Das Dramatischste an Peter Fox und die noch vor seinem Einfach-ein-guter-und-glaubwürdiger-Typ-Sein wichtigste Erklärung für den ihn - in dieser Heftigkeit - selbst überraschenden Erfolg, sind: ganz einfach die Songs. "Filmmusik zum Tanzen" nennt Fox seinen Stil, er hat ein komplettes Jahr an "Stadtaffe" gearbeitet und dafür mehr als 150.000 Euro ausgegeben. Ursprünglich wollte er den Gesang lieber dem befreundeten US-Amerikaner Cee-Lo Green überlassen. Doch als dieser als Teil des Duos Gnarls Barkley mit dem Stück "Crazy" seinen eigenen Triumphzug startete und nicht mehr zur Verfügung stand, entschloss er sich, selbst die Stimme zu erheben.

"Mit meiner Affenpower zelebrier ich Gassenhauer". singt Peter in "Stadtaffe", und das fasst den Anspruch zusammen: "Was ich wollte, war ein gewisser Stil. Pop mit deutscher Sprache, aber cooler Pop. Kein Gelaber." Den Reggae ließ er weg. Lieber bringt Fox treibende, hochrhythmische und sehr melodische Songs auf die Bühne: "Mein Ziel war ein klubtauglicher Sound. Aber das Orchester musste auch dabei sein. Die Platte sollte vor allem verdammt groß klingen."

Peter Fox ist jetzt ein Popstar. Der lässigste und unpeinlichste, den wir in diesem Land haben. Und längst erobern seine Lieder nicht mehr nur Klubs, iTunes und YouTube. Kürzlich konnten wir eine mutmaßlich in den Sechzigern sich befindende Dame dabei beobachten, wie sie im Elektrogroßmarkt nach "der CD von diesem Fox" fragte. Sie wirkte nicht, als wolle sie das Thema ihrem Enkel überlassen.

Der Fox geht um

mehr...