Porträt:Geist und Klick

Als sein Großvater - der mit dem Münzfernsprecher - die Lösegeldsumme nicht zahlen wollte, schnitten die Gangster dem Jungen ein Ohr ab und schickten es der Presse; erst da ließ der Großvater sich auf Verhandlungen ein, und der Junge kam frei. Wenig später nahm er eine Überdosis und ist seitdem gelähmt.

Marks Vater Sir Paul Getty erholte sich nie mehr wirklich von seinem ausschweifenden Jet-Set-Leben im Rom der sechziger und siebziger Jahre; seine Frau Talitha, Marks Stiefmutter und bis heute eine Stilikone, überlebte diese Zeit gleich gar nicht, sie wurde 1972 tot im Pool gefunden: Heroin.

Zum Ritter geschlagen

Seitdem sah man nicht mehr viel von Sir Paul Getty. Die Queen hatte ihn für seine bemerkenswerte Großzügigkeit zum Ritter geschlagen, die Öffentlichkeit ließ ihm seinen Frieden.

Laut einem Nachruf vom 18. April 2003 im Independent sah er sich am liebsten Kricket im Fernsehen an, in seiner Londoner Wohnung mit Blick auf den Green Park, wo bibliografische Schätze wie das früheste englische Manuskript lagerten, die Historia Ecclesiastica vom Bischof Caesarea Eusebius Pamphilit aus dem siebten Jahrhundert.

Und wo ein Kissen mit dem Spruch bestickt war: "Geld ist nicht alles, aber es sorgt dafür, dass die Kinder sich melden."

Die Getty Aktien hatten er und sein Bruder Gordon 1984 für 10,1 Milliarden Dollar an Texaco verkauft. Seitdem waren die Gettys reiche Investoren, aber keine operierenden Geschäftsleute mehr.

Der Milliardär fährt U-Bahn

Bis zu eben dem Jahr, in dem Mark Getty sich danach sehnte, "rauszugehen, etwas zu tun, das konstruktiv ist, das Freude macht, etwas, mit dem man erwachsen wird". Und hier, in einem stickigen kleinen, fensterlosen Raum im Turiner Pressezentrum, wirkt er so, als habe er all das geschafft: nämlich frei.

In London fährt er mit der U-Bahn zur Arbeit. Anzüge trägt er nie. "Der Pragmatiker seiner Dynastie" hat ihn eine britische Tageszeitung genannt. Er lebt in einem Haus, das USA Today als "bescheiden für Getty-Verhältnisse" beschreibt. Er hat drei Kinder und ist seit mehr als zwanzig Jahren mit derselben Frau verheiratet; für Getty-Verhältnisse eine Ewigkeit.

Wie gut ihm und Klein die Konsolidierung dieser Branche gelungen ist, sieht man auch an den allgemeinen Arbeitsbedingungen. Noch vor zehn Jahren mussten Fotoredakteure stundenlang über heiße Leuchttische gebeugt Dias sichten, ein Lupenmonokel vors Auge geklemmt und mit diesem von einem Dia zum nächsten hüpfend.

Ein paar Klicks

Hinterher und vorher hieß es Bestellungen durchfaxen, Fotopakete auspacken, Lieferscheine abgleichen, Bearbeitungsgebühren drücken, Fotos wieder in ihre Hüllen sortieren. Die Archivare in den Agenturen mussten die Rückgänge wieder in Archivschubladen einsortieren und nicht selten die fehlenden Originaldias einklagen.

Jonathan Klein erinnert sich an eine Fotoredakteurin in Paris, die jeden Tag auf ihrem alten Fahrrad die Fotoagenturen abklapperte, nur damit sie ihrem Chef hinterher sagen konnte, sie habe alles probiert.

Dagegen heute: ein Suchbefehl, ein paar Klicks, ein Download. Es wird heute kaum noch Fotoredakteure geben, die dem alten System nachtrauern. Aber das war nicht von heute auf morgen so.

"Ich will es überspitzt sagen", sagt Jonathan Klein, und lebte er in einem anderen, einem bereits vergangenen Jahrhundert, würde er sich wohl nun in die Brust werfen, aber heute beugt er sich nur noch ein wenig weiter über den Tisch:

Paparazzis sind tabu

"Bei uns arbeiten Menschen in weißen Handschuhen, die wie Museumskuratoren in stiller Abgeschiedenheit historische Bilder archivieren. Währenddessen werden unsere Fotografen in Bagdad schon unruhig, wenn man mal einen Tag lang nicht auf sie schießt. Und zur selben Zeit haben wir Kunden, Kreative, die längst vergessen haben, dass man Ohrringe mal ins Ohrläppchen gesteckt hat und nicht in die vielen anderen Teile des Körpers. All dies zusammenzubringen, während zu selben Zeit das Internet alles revolutionierte, das war eine Herausforderung."

Die bereits vorhandenen Bilder machen bei Getty 80 Prozent des Jahresumsatzes aus. Aber Getty und Klein wollen in den Bereichen Nachrichten, Unterhaltung und Sport aktueller werden.

Paparazzi-Fotografen sind tabu, für jetzt und alle Zeiten: "Sie warten in Büschen, verfolgen andere, sie stehen sogar auf Leitern!", sagt Mark Getty so aufrichtig entsetzt, dass sich das nächste Thema, Pornografie, gleich erübrigt.

"Wir lieben Regen"

Die Firmenzentrale von Getty Images befindet sich in Seattle, und dort wohnt auch Klein, doch das viel größere Büro, beeilen sie sich zu sagen, das eigentliche Headquarter steht in London, nicht bei den Nerds. Nerd, das ist das Akronym von Non Responding Emotional Dude, sprich: einem auf emotionaler Ebene nicht ansprechbaren Typen - einem typischen Computer-Heini eben.

Und ein Nerd ist ganz offensichtlich auch das Gegenteil dessen, was Getty und Klein sein möchten. Über den Begriff, die Idee winden die beiden wohlerzogenen Herren sich mit volltönendem, selbstbewussten Continental-Lachen auf ihren Sitzen.

Wenn das so lustig ist - warum sind sie dann überhaupt in Seattle teilstationiert? "Der Regen!", ruft Klein in den winzigen Raum, der mittlerweile Temperatur und Luftfeuchtigkeit eines Bikram-Yoga-Studios angenommen hat, "wir lieben Regen!"

Ein fast noch mächtigerer Heiterkeitsausbruch. "Im Ernst?" sagt Getty, "Natürlich wollten wir eine Injektion Technologie und InternetDenken." Seattle ist bekanntlich das Territorium von Bill Gates. Und Corbis ist seine Fotoagentur, sein Medienimperium, der direkte Konkurrent von Getty Images, gegründet bereits 1989.

Legendärer Leipziger Fotograf

Die Investitionsgeschichten der Kombattanten lesen sich wie ein Wettrüsten um Rechte, Archive, Vermarktungsverträge mit Museen und Abonnenten.

Gates hat die Kollektion des legendären Leipziger Fotografen Otto Bettmann erworben, die erste kommerzielle Bildagentur der Welt, die aus 16 Millionen Bildern besteht und so ziemlich das gesamte 20. Jahrhundert abdeckt:

Jackie Kennedy beim Taubenfüttern, Einstein beim Zungerausstrecken oder auch die explodierende Hindenburg: Originale, die Gates mit anderen historischen Schätzen in einem Bergwerk im abgeschiedenen Pennsylvania hütet. Getty dagegen hat die europäische Hulton Deutsch Collection erworben, eine nicht minder umfangreiche Sammlung.

Gates setzt auf immer bessere Technologien, während man sich bei Getty auf die emotionaleren Bilder konzentriert.Gates hat unlängst sein Fähnchen in den Bereich "Interieur-Fotografie" gesteckt, mit dem Kauf der amerikanischen Agentur "Beateworks", die Elle Deco, In Style und Architectural Digest beliefert.

Das Fahrrad geklaut

Getty und Klein haben sich derweil für, wie es heißt, 50 Millionen Dollar IStockphoto einverleibt, eine kanadische Fotografie-Website mit einem simplen, aber sehr effizienten Honorarkonzept.

Wer übrigens auf die Idee kommt, sich ein Corbis-Bild ohne Honorar auf die eigene Website zu stellen, wird von Gates' Agenten durchs Netz gejagt und ausnahmslos verklagt; sogar Amazon bekam bereits Gates anwaltlichen Zorn zu spüren. Die Corbis-Bilder nämlich sind wie Geldscheine durch ein Wasserzeichen gekennzeichnet und identifizierbar.

Für die Bilanz 2005 erwarte Gates nun endlich, dass sich seine Investitionen amortisieren, hieß es Anfang des Jahres. Aber, so Jonathan Klein, "das haben die für 2001, 2002, 2003, 2004 auch schon gesagt". Und obwohl die beiden vermeiden, über Gates zu reden, schimmert ein Szenario durch: Der neue Junge im Viertel hat dem Bandenführer das Fahrrad geklaut. Und ist jetzt schneller.

Getty schreibt seit 2000 schwarze Zahlen. Corbis gilt seit seiner Gründung vor 17 Jahren als defizitär. Es heißt, Gates sei enttäuscht, weil sein Unternehmen so langsam wachse.

Kindlicher Stolz

Getty und Klein wirken euphorisch, fast hingerissen von fast kindlichem Stolz über ihren kolossalen Erfolg. Und über die Tatsache, dass sie die weiche Stelle im Panzer des reichsten, undurchdringlichsten Mannes der Welt gefunden haben.

Gates hat auch einen Großteil der Schelte eingesteckt, die mit der Konsolidierung einherging, er wird abwechselnd als Kulturbanause, Kultur-Monopolist und Kultur-Imperialist beschimpft.

"Goodbye to all that" schrieb das Magazin American Heritage, nachdem Gates Bettmann erworben hatte. Auch Klein und Getty hören immer wieder den Darf-man-das?-Ruf. Laut Urheberrecht verfügt über ein Kunstwerk zu Lebzeiten sein Schöpfer, 70 Jahre nach seinem Tod darf es dann von jedermann reproduziert werden. Aber darf man es digital monopolisieren?

Die Technologie, das Internet hatte sich seinerzeit schneller entwickelt als die träge Juristik diese Frage beantworten konnte, und bevor die Rechtslage eindeutig wurde, hatte die New Economy neue, eigene Realitäten geschaffen: Der Erwerb eines Archivs ermächtigt zum Verkauf der digitalisierten Bilder.

Der Baumfrosch

Und nun darf man das eben. Dort mehr, hier weniger: "Schwierigkeiten gibt es vor allem in Europa", so Klein, "besonders die Franzosen haben lauter Sonderregeln, eine Art Moralkodex für Bildrechte. Doch ich versichere Ihnen: Museum, Sammler, Fotograf, Agentur, dem Leser eines Magazins ist es egal, wem das Bild gehört, das er gerade betrachtet. Wenn er in einem Hotel übernachtet, fragt er sich ja auch nicht, wem es gehört. Ihn interessiert der Service. Es steckt kein Wert darin, ein Bild nicht zu sehen, aber es steckt Wert darin, wenn es gesehen wird."

Der Baumfrosch war eines der meistverwendeten Getty-Bilder der neunziger Jahre. American Express hat es für eine Kampagne verwendet, ein Naturkundemuseum für Plakate und etliche Artdirektoren illustrierten Geschichten damit.

Gettys Baumfrosch ist klein, natürlich grün, er hat rote Augen und er sitzt auf einem Halm. Die Frage, wie man so einen Frosch katalogisiert, war bei Getty schon von Anbeginn die entscheidende. Neben dem Stichwort "Frosch" kann man ihn nun auch unter sechzig anderen Begriffen finden wie "Neugier" oder "niedlich".

Ihr Suchsystem haben Getty und Klein entwickeln und patentieren lassen, es ist einer der Pfeiler ihres Erfolgs. Ein anderer ist Offenheit. "Wir halten", sagt Getty, "fanatisch an einer Strategie fest: Wir sind als Menschen und als Firma extrem transparent. Wir sind ständig in Kontakt mit unseren Fotografen, reisen quer durch die Welt zu ihnen, sie haben unsere Handynummern. Wir veröffentlichen Umsätze, Verkaufszahlen und Preise, und wir weichen von unserer Strategie nie, niemals ab. Was leichter gesagt als getan ist."

Alles rast

Denn rasend schnell bewegt sich alles weiter. Erst 2004 wurde Flickr.com gegründet, eine kostenlose Tauschbörse für Fotos - und anders als beispielsweise die Musikbörse Limewire legal und für Werbekunden offen.

Ist eine solche Seite voller gut aufgelöster, kostenloser Fotos nicht eine enorme Bedrohung für Getty Images? Klein und Getty tauschen einen Blick und sagen, in Diphtong-starkem Privatschulenglisch: "Nooouuhh".

Flickr.com hat bereits mehr als drei Millionen registrierte Benutzer und gehört angeblich schon zu den tausend am stärksten frequentierten Seiten im Internet. "Wir haben natürlich darüber diskutiert", setzt Getty rasch nach, "aber wir haben nichts darin gefunden, was unseren Markt beeinträchtigt."

Möglicherweise wolle man in etwas investieren, das in diese Richtung geht. Flickr.com ist leider schon weg, der Gründer, der nicht einmal 30 Jahre alte Kanadier und Parade-Nerd Stewart Butterfield, hat Flickr.com an Yahoo verkauft, für geschätzte 30 Millionen Dollar. Alles bewegt sich weiter, rast schneller.

Der alte Getty, hieß es, hatte im Grunde nur ein Ziel vor Augen: Sein Name solle so lange präsent sein, wie es die Zivilisation gibt; ein Dauergast in ihrem geistigen Eigentum. Es sieht so aus, als habe sein Enkel es bald geschafft.

© SZ vom 29./30.4.2006
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB