Popstar auf der Theaterbühne "Brecht wollte, dass die Zuschauer denken. Denken!"

Cyndi Lauper über den deutschen Dichter, ihre Vergangenheit in der Wrestling-Szene, das "Studio 54" und ihre Großmutter als Inspirationsquelle.

Interview von Marie Pohl

Die Amerikanerin Cyndi Lauper wurde 1984 mit ihrem Debütalbum "She's So Unusal" zum Weltstar. Es verkaufte 15 Millionen Platten und landete fünf Top-Single Hits, darunter "She Bob", der mit seinem Text über Masturbation einen Skandal auslöste, und "Time After Time", der von Miles Davis nachgespielt wurde. Laupers schrille Stimme und ihre wilden Klamotten prägten den Stil der Achtziger. Sie veröffentlichte weitere acht Alben (zuletzt 2006 "Body Accoustics"), die zwar keine Welterfolge waren, ihr aber elf Grammy Nominierungen einbrachten.

Cyndi Lauper: "Die Kids haben damals mit Steinen nach mir geworfen, weil ich mich komisch angezogen hab."

(Foto: Foto: AP)

Sie war als Schauspielerin im Kinderfilm "The Goonies" zu sehen und gewann einen Emmi Award für ihren Auftritt in der Serie "Verrückt nach dir". Vor einem Monat feierte Cindy Lauper ihren 53. Geburtstag. Sie mietete sich mit ihren Mädels ein Cabrio, fuhr durch die Stadt und ging bis zum Morgengrauen tanzen. Cyndi Lauper lebt mit dem Schauspieler David Thorton und dem gemeinsamen Sohn zusammen in New York.

Während unseres Interviews steht sie im Korsett und in Strapsen vor dem Spiegel in der Garderobe. Zwischen Matinee- und Abendvorstellung hat sie eine Stunde Zeit. Sie spielt hier im New Yorker "Roundabout Theatre", dem ehemaligen "Studio 54", die Spelunken-Jenny in einer Broadway-Produktion der "Dreigroschenoper".

Cyndi Lauper wird bejubelt von Presse und Publikum. Jetzt wirkt sie etwas abwesend, zwischen den Welten. Ihre Garderobiere fragt, was sie zu Essen bestellen soll. Cyndi will Nudeln vom Italiener. Dann zieht sie Spange für Spange aus der Perücke heraus, die auf ihr kurzes Haar gesteckt ist. Auf einer Kochplatte zwischen Spiegel und Waschbecken dampft ein Topf mit Inhalieröl.

SZ: Ist das Foto, hier am Spiegel, aus einem Lubitsch-Film?

Lauper: Das ist Theda Bara als Kleopatra.

SZ: Theda Bara?

Lauper: Die Stummfilmschauspielerin. Ich hab mir ihr Make-up abgeguckt. Für Jenny.

SZ: Sie schminken sich selbst?

Lauper: Für diese Show ja. Im Gegensatz zu den Frauen, die das hier machen sollten, beschäftige ich mich mit Make-up. Das ganze Geheimnis ist: Entweder du kennst dich aus - oder du kennst dich nicht aus.

SZ: Sie kennen sich mit Schminke aus?

Lauper: Ich kenne die verschiedenen Epochen. Dann versuche ich, ein Gesicht zu finden, das zu meinem passt und zu der Rolle, die ich darstellen will. Für Jenny benutze ich das smoky eye, die dunklen Schattierungen der Zwanziger. Aber am inneren Augenwinkel trage ich Blau und Weiß und ein bisschen Rot auf, um die Augen wieder zu öffnen, wie es die Balletttänzerinnen mit den roten Ballerinas machen in dem Film "Die roten Schuhe". Wenn es ums Auge nur dunkel ist, kann man nicht nach innen schauen, und es ist wichtig nach innen zu schauen. Besonders bei Jenny. Da musst du nach innen gehen.

SZ: Wie meinen Sie das, nach innen gehen?

Lauper: Man muss sie verstehen: Sie liebt ihn. Sie hasst ihn. Und sie verrät ihn.

SZ: Zweimal!

Lauper: Sie ist Judas. Aber das erste Mal ist es ein kleines Spiel. Ich weiß, dass er aus'm Knast abhauen wird. Mackie Messer ist ein gerissener Hund. Er gerät in Sachen rein und kommt auch wieder raus. Aber ich will trotzdem mein Geld. Ich habe ihn ausgeliefert und nichts damit zu tun, dass er entkommen ist.

SZ: Und beim zweiten Mal?

Lauper: Da bin ich sauer auf ihn, stinksauer. Er hat mich wieder reingelegt. Er flieht aus'm Knast, kommt nachts zu mir und geht morgens zur nächsten Hure, wo er eigentlich die Stadt verlassen muss. Und ich war wie eine Mutter zu ihm. Er war der einzige Mann, der immer zu mir zurückkehrte, egal bei welcher Frau er gewesen war. Er liebt mich und er schlägt mich. Die ganze Sache ist dreckig und verdreht. Was habe ich neulich einer Frau geantwortet? Sie sagte: "Das klingt ja nach Missbrauch." Und ich: "Na ja, nicht jede Beziehung ist perfekt."

SZ: Ich hab mal gelesen, Sie mögen auch Ihre Kleidung lieber, wenn sie nicht perfekt ist, lieber zu groß oder zu klein.

Lauper: Momentan ist mir alles zu groß, weil ich in dieser Show so viel abgenommen hab. Aber Sachen, die nicht passen, sind interessant. Sie verändern das Erscheinungsbild. Ein etwas zu großer Anzug bei einer schlanken Frau sieht sexy aus. Und zu klein, wenn die Bluse nicht richtig schließt, ist auch attraktiv. Ich mag Sachen, die nicht perfekt sind. Sie provozieren Gedanken anstatt dass sie Gedanken kontrollieren. Wie dieses Theaterstück. Es bringt einen zum Nachdenken.

SZ: In dieser Aufführung ist Mackie Messer bisexuell. Neben seinen Frauen hat er was mit dem Polizeichef Tiger Brown, der hier schwul ist - und Lucy, die hier ein Transvestit ist.

Lauper: Ich glaube, der Regisseur Scott Elliott wollte sich gegen etwas auflehnen, wie Brecht: seine Zuschauer aufrütteln. Brecht wollte, dass sie denken! Denken!

SZ: Denken Sie, Homosexualität ist heute auf der Bühne noch aufrüttelnd?

Lauper: Ich glaube, es verstört die Leute immer ein bisschen, wenn sie etwas sehen, was nicht ihren Erwartungen entspricht. Wobei ich annehme, dass er Lucy als Transvestit besetzt hat, weil Brian Charles Rooney so eine tolle Opernstimme hat. Alle Leute, die hier mitspielen, haben ein hartes Leben hinter sich, das hat ihn auch daran gereizt. Aber mich hat an diesem Stück am meisten die Musik interessiert.

SZ: Eigentlich sollte Edie Falco Ihre Rolle spielen. Als sie dann wegen einer anderen Broadway-Produktion absagte, haben Sie sich für die Jenny beworben.

Lauper: Und heute kann ich mir niemand anderes mehr vorstellen, der meine Rolle spielt. Ich kenne die Lieder seitdem ich klein bin. Lotte Lenya hat sie hier berühmt gemacht. Ansonsten wird Bertolt Brecht in Amerika leider meistens mit der McCarthy-Ära assoziiert, in der man die "Dreigroschenoper" nicht wirklich aufführen konnte.

SZ: Bertolt Brecht wurde aus Amerika rausgeschmissen.

Lauper: Er wurde aus drei Ländern rausgeschmissen, aber wer zählt schon!

SZ: Haben Sie auch andere Stücke von Brecht gelesen? Oder Gedichte?

Lauper: "Happy End" war immer eines, das ich sehr mochte. Wegen des "Surabaya Songs". Es ist so ein trauriges Lied. Ich frage mich, warum man immer die traurigen Sachen so liebt.

SZ: Was für einen betörenden Duft Sie da inhalieren!

Lauper: Das ist weiße Rose. Blumenöl aus China. Ich hab da eine Connection in Los Angeles. Es hilft gegen geschwollene Stimmbänder.

SZ: Sie singen den "Salomon Song" so schön einfach, ungekünstelt, bewegend.

Lauper: Ja? In dem Moment begreife ich: Es ist vorbei, vorbei für Mackie und vorbei für mich. Und ich frage mich, warum ich ihm nicht das Geld besorge, um ihn aus dem Knast freizukaufen. Und ich denke, ich wollte immer diejenige sein, die ihn zu Fall bringt, nicht die "Peachums".

SZ: Im Lied heißt es, die Weisheit brachte Salomon am Ende den Tod, Cesar starb an seiner Kühnheit, Kleopatra an ihrer Schönheit . . .

Lauper: . . . und Mackie brachte seine unersättliche Begierde an den Galgen. Aber ist es nicht ironisch, dass ich singe "it didn't bring him too much fun"? Diese Show war ein interessanter Prozess für mich. Sie hat mich verändert. Sie hat ein paar Sachen in mir geweckt, die viele Jahre geschlafen haben.

SZ: Was zum Beispiel?

Lauper: Einfach die wildere Seite in mir, die geschlummert hat, während ich Dinge tat, von denen ich dachte, ich müsste sie tun.

SZ: Wie meinen Sie das?

Lauper: Meine Musik. Es gab Augenblicke auf der Bühne, die gut waren, aber nicht mehr so wild wie früher.

SZ: Ihr erstes Album "She's so unusual" hat sich 9 Millionen Mal verkauft, hatte fünf Top-Single Hits. Auch "True Colors" war sehr erfolgreich, aber dann wurde es stiller um Sie, obwohl Sie noch sieben weitere Alben raus brachten. Woran, glauben Sie, liegt das?

Lauper: Ich wollte mich nicht verkaufen, nicht meine Seele und nicht meinen Körper, ich wollte nicht fake - nicht künstlich sein. Ich wollte singen. Das ganze Drumrum hat mich nicht interessiert.

SZ: Sie und Madonna eroberten die Charts zur gleichen Zeit. Madonna interessierte sich offensichtlich sehr für das Drumrum - für alles, was berühmt machte. Aber es gibt Leute, die sagen, Madonna hätte sich die Korsetts, die Glitzersteine, die verrückten Klamotten und vor allem die blonden Haare von Ihnen abgeguckt.

Lauper: Ich weiß nicht. Jeder guckt doch von jedem ab! Und am Ende sind wir eh alle nur suicide blondes oder nicht? Aber mich hat der Erfolg immer weniger interessiert als das Singen, und als ich dann meinen Mann kennen lernte, hab ich mich ganz zurückgezogen und eine Familie gegründet.

SZ: Sie haben einen achtjährigen Sohn.

Lauper: Er will Eishockey-Spieler werden. Ich sage ihm immer, wenn du das wirklich willst, dann musst du lernen, schneller und geschickter zu skaten als all die anderen Mistkerle, die nur draufhauen können. Weil die Leute, die gerne schlagen, sind meistens keine guten Iceskater.

SZ: Sie kennen die coolsten Schläger überhaupt. Sie waren ja früher in der Wrestling-Szene. Wie kam das?

Lauper: Da bin ich durch meinen Manager so reingerutscht. Ich bin nach den Kämpfen aufgetreten. Das war eine sehr lustige Zeit! Hulk Hogan war lustig. Capitan Lou war einer der lustigsten Typen, die ich je getroffen hab. Man hat ihn nie richtig verstanden, aber er liebte es zu reden. Er hat mir die PEG-Prinzipien beigebracht: Politeness. Etiquette. Grooming. (Höflichkeit. Etikette. Kleiderpflege.) Er hatte Stil, trug immer die schicksten Haargummis um den Zopf. Und ich dachte, wenn ich mit 'ner neuen Platte raus komme, mach ich ihn zu meinem spirituellen Mentor. Entschuldigung. Das Telefon . . . Mein Essen ist da. Ich geh schnell zum Pförtner. Kann ich Ihnen was anbieten? Wollen Sie ein Bier?

SZ: Vielen Dank, ich trinke nicht gerne Bier.

Lauper: Wollen Sie Wein? Ich habe eine Flasche Weißwein, Sie müssen sie nur öffnen. Ich kann das nicht so gut. Na ja, die haben mir keine Nudeln gegeben. Ich habe keine Ahnung, was für 'nen Scheiß die mir hier gegeben haben! Wie ist der Wein?

SZ: Der halbe Korken ist stecken geblieben.

Lauper: Sie können es auch nicht? Ich auch nicht. Ich hab noch 'nen anderen, der ist aber wahrscheinlich nicht so gut. Dafür hat er einen Schraubverschluss! Hier nehmen Sie ein Glas!

SZ: Danke. Waren Sie früher mal hier, im "Studio 54"?

Lauper: Wissen Sie, die hatten eine Vorschrift: "No bridge and tunnel" - Keine Leute aus Queens oder Brooklyn! Wir waren denen nicht hip genug. Auch als ich berühmt wurde und in Manhattan lebte, ging ich nie ins "Studio 54". Ich mag das nicht, dass man cool sein muss, um irgendwo rein gelassen zu werden.

SZ: In manchen Artikeln steht, Sie seien in Brooklyn aufgewachsen, in anderen steht, Sie seien in Queens . . .

Lauper: Sie wollen die Wahrheit wissen.

SZ: Wenn es eine gibt.

Lauper: Ich bin in Brooklyn geboren. Als ich vier Jahre alt war, trennten sich meine Eltern, und ich zog mit meiner Mutter nach Queens. Mit 17 hielt ich es zu Hause nicht mehr aus. Und als es eines Tages besonders schlimm war, schnappte ich mir das "Grapefruit"-Buch von Yoko Ono und bin abgehauen nach Long Island zu meiner älteren Schwester. Da hab ich 'ne Minute gewohnt und bin dann rumgetingelt. Ich bin mit meinem Hund durch Kanada gereist, um Bäume zu studieren, weil ich Malerin werden wollte. Irgendwann bin ich zurück nach New York, hab rumgejobbt und meinen High School-Abschluss mit Ach und Krach nachgemacht.

SZ: Schulen waren nicht Ihr Ding.

Lauper: Ich bin immer durchgefallen, ich hatte große Lernschwierigkeiten. Ich war der Loser der Klasse. Die Kids haben mit Steinen nach mir geworfen, weil ich mich komisch angezogen hab, in Secondhand-Klamotten, mir die Haare gefärbt hab und so. Irgendwie hab ich's dann doch auf einem Kunst-College versucht und bin wieder durchgefallen! Dann hab ich 'ne Band gegründet und gesungen, gesungen, gesungen bis es endlich geklappt hat.

SZ: Wollten Sie immer Sängerin werden?

Lauper: Ich hab immer für mich gesungen und Lieder geschrieben. Aber irgendwie hab ich nicht daran geglaubt, jemals Sängerin werden zu können. Also wollte ich malen. Aber in meinen Träumen spielte ich auf der Gitarre meiner Kunstlehrerin vor, dass ich singen muss. Ich hatte auch andere Träume, wo tote Sänger mir sagten, ich sei auf der falschen Fährte. Es ist unglaublich! Ich esse dieses Zeug hier, ohne Nudeln! Kein Wunder, dass es nur fünf Dollar gekostet hat.

SZ: Was essen Sie?

Lauper: Wenn ich das wüsste! Ich erkenne Brokkoli, Radicchio, Gemüse? Irgendwas ist hier noch in der Plastiktüte. Brot. Sehr interessant.

SZ: Sie haben sich das Singen sozusagen selbst beigebracht?

Lauper: Das Singen, das Liederschreiben, ich spiele jetzt auch den Dulcimer, eine Art von Zither. In meiner Familie hat man alles nach dem Gefühl gemacht. Mein Vater hat immer irgendwo zugehört und sich dann das Mundharmonika-Spielen beigebracht. Die Leute auf der Straße riefen immer: "Freddy, play us something!"

SZ: Ihr Vater war Schweizer.

Lauper: Yeah. Lauper. Man nannte ihn auch: das "Wechseljahre-Baby"! Weil seine Mutter 50 Jahre alt war, als er geboren wurde. Er ist gestorben. Meine Mutter lebt noch. Sie hatte es nicht leicht. Sie wollte auch Sängerin werden, aber es blieb bei der Kellnerin im Diner. Das tat mir immer weh, das mit anzusehen.

SZ: War das eine Inspiration für "Girls Just Want To Have Fun"?

Lauper: Auf jeden Fall. Als meine Großmutter in dieses Land kam, hatte sie nichts, keinen Anspruch auf Bürgerrechte, nichts. Sie und meine Mutter haben geackert und geackert und geackert und hatten nie wirklich Spaß. Und was geschah? Ich sah auf meinen Konzerten drei Generationen - Großmutter, Mutter, Tochter - tanzen! Da hatte ich das Gefühl, wirklich etwas erreicht zu haben.

SZ: Woher kam ihre Großmutter?

Lauper: Aus Sizilien. Lauter lärmende Frauen und dazwischen der Schweizer, der immer rief: "Waaartet mal! Waaaartet mal! Wie spääät ist es eigentlich?" In diesem Sinne bin ich eher wie meine Mutter. Ich hab das Konzept von Zeit nie ganz verstanden. Aber ich versuche mein Bestes.

SZ: Man hat vor kurzem einen Stamm kolumbianischer Eingeborenen gefunden, die nie den Urwald verlassen haben. Sie kennen weder das Konzept von Geld noch von Zeit. In ihrer Sprache gibt es das Wort Zukunft gar nicht.

Lauper: Das ist schön! Da haben die uns was voraus. Ich glaube, man muss versuchen, bewusst und wach zu leben, nicht immer an tausend andere Dinge zu denken. Man kann das trainieren. Und dann fängt man an, die ganzen kleinen Wunder zu sehen, die einen tagtäglich umgeben. . . Der Wein ist nicht so schlecht wie ich dachte.

SZ: Ich trinke so selten.

Lauper: Er macht schön müde. Ich muss mich gleich hinlegen.

SZ: Ist Ihnen in letzter Zeit solch ein kleines Wunder geschehen?

Lauper: Oh, ja: Mir hat ein Vogel auf die Lippe gekackt! Auf einem Freiluftkonzert. Ich hab einen hohen Ton gesungen, sehr hoch und laut - da kackt mir ein Vogel auf die Lippe. Die Bühne hatte so ein Metalldach, und die Vögel saßen drunter. Ich hab keine Ahnung, vielleicht hat die Musik im Metall gescheppert und sie aufgeschreckt.

SZ: Das kann ja nur die höchste Form von Glück sein, wenn einem ein Vogel auf die Lippe kackt!

Lauper: Meine Großmutter würde das auch sagen. Oder: Regen am Hochzeitstag! Das bringt Glück!