Politik und Sprache Ich sach ma

Finden Sie auch, dass Politiker heute unglaublich viel Mist reden? Und nicht nur Politiker? Bevor Sie es richtig machen und immerhin schon mal selbst verstummen, sollten Sie noch wissen, warum das alles so kommen musste. Eine Sprachhaufenanalyse.

Von Von Kurt Kister

Manchmal hat man sogar in der Bundespressekonferenz schöne Erlebnisse, wenn auch nur für einen Moment. Neulich saßen Schröder und Müntefering vor der BPK. Der eine sagte sinngemäß, dass er keine Lust mehr habe, SPD-Parteivorsitzender zu sein.

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Der andere versuchte zu erläutern, warum er eben darauf nun Lust habe. Dann sprach jener Franz Müntefering die folgenden Sätze: "Deutschland muss sich neu aufstellen. Deutschland muss wissen, dass wir nicht automatisch an der richtigen Krümmung des Flusses liegen, sondern dass wir uns anstrengen müssen, um vorne zu bleiben, um Wohlstandsland zu bleiben und um ein wichtiges, entscheidendes Land in Europa zu bleiben."

Der Wortlaut ist getreulich wiedergegeben einschließlich der Verb-Trippelung. Er stammt aus dem Protokoll der Bundespressekonferenz. In meinem Notizblock, benutzt an eben diesem historischen Freitag, findet sich das Zitat so aber nicht.

In meinem Block steht hingekritzelt: Münte: Deutschl neu aufstellen; Deutschl nicht richtige Krümmung Fluss... Dann brechen die Worte ab, es folgt die kleine Skizze, die Sie faksimiliert hier rechts sehen, ein Ausriss aus meinem Notizblock.

Der Rest der Pressekonferenz war auch irgendwie interessant, aber wenn ich ehrlich bin, habe ich, abgesehen von meinem eigenen Elend, nur noch an Deutschl nicht richtige Krümmung Fluss gedacht.

Mir fiel erst mal das wunderbare Buch von V. S. Naipaul - "An der Biegung des großen Flusses" - ein, in dem sich der Inder Salim aus Ostafrika einen Laden in Kisangani am Kongo kauft, und dann erleben muss, wie das Land und in der Folge auch sein Laden unter Mobutu allmählich zerfällt.

Als Salim, pleite und ziemlich gebrochen, am Ende des Romans die Stadt an der Krümmung des Flusses verlässt, sagt ihm ein Freund: "Niemand gelangt irgendwohin. Wir fahren alle zur Hölle."

Salims Laden lag eindeutig an der falschen Krümmung des falschen Flusses. Deutschl wiederum liegt, so sagt Müntefering, zwar an einem Fluss, aber nicht automatisch an der richtigen Krümmung.

Wenn man sich ernsthaft damit auseinander setzt, ob wirklich das ganze Deutschl an einem Fluss liegen kann, fällt einem Philip José Farmer ein. Der hat 1971 in einem mehrbändigen Fantasyzyklus die Flusswelt beschrieben.

Farmers Bestseller-Idee: Alle Menschen, die jemals gestorben sind, finden sich plötzlich wieder belebt auf einem Planeten wieder, über dessen Oberfläche sich ein gigantischer Fluss windet.

Am Ufer dieses Riesenflusses bilden sich zahllose Gemeinschaften und Staaten, in denen so unterschiedliche Leute wie Wilhelm der Eroberer, Mark Twain, Hermann Göring und Richard Burton bedeutende Rollen spielen.

Zwar liest Franz Müntefering gelegentlich Bücher, aber es ist unwahrscheinlich, dass er den Flussweltzyklus gelesen hat, obwohl der fast alles Wichtige über das Leben und Sterben an den Krümmungen des Flusses sagt.

Jenseits von Naipaul und Farmer jedenfalls lässt Münteferings Aussage einen Schluss zu und wirft Fragen auf. Der Schluss: Man kann Deutschl zumindest am Fluss entlang verschieben.

Die Fragen: Wer kann es verschieben? Was ist der Fluss? Wieso ist man "vorne" (siehe BPK-Protokoll), wenn man an der richtigen Krümmung liegt? Ist vorne nicht da, wo der Fluss anfängt oder vielleicht auch da, wo er aufhört?

Wäre es nicht überhaupt gescheiter, man stellte Deutschl nicht in der Flussbiegung neu auf, wo Hochwasser droht? Sondern weiter oben, weg vom Fluss?

Die wichtigste Frage aber lautet: Warum redet der Müntefering so krauses Zeug daher, wenn er doch nur begründen will, dass die SPD und Deutschl mit ihm als Parteichef besseren Zeiten entgegengehen?

Die Antwort ist einfach und zerfällt, wie so viele Antworten, in einen individuellen und in einen allgemeinen Teil. Die individuelle Antwort auf die Frage, warum der Müntefering krauses Zeug daherredet lautet: weil er der Müntefering ist.

Der Mann macht nicht Politik, weil er gerne viel redet oder schön spricht, sondern er redet so viel, weil er gern Politik macht. Unglücklicherweise für die vielen wackeren Münteferings besteht Politik machen aber immer mehr aus Reden.

Es wäre gemein, sagte man, Müntefering sei ein schlechter Politiker, weil seine Fähigkeit, Sachverhalte in Worte zu packen, ähnlich ausgeprägt ist wie die Fähigkeit Manfred Stolpes, Worte in Handeln umzusetzen. Auch das ist jetzt wieder gemein.

Mehr gegenüber Müntefering als gegenüber Stolpe, denn Stolpes Haupttugend - Mann der Kirche, der er ist - besteht ja darin, mit Worten zu begründen, dass über uns allen etwas schwebt, das größer ist als wir und nicht Toll Collect heißt, sondern, wenn man nur richtig lebt, den Weg in die ewige Seligkeit garantiert. (Für Agnostiker: Gemeint sind nicht die SPD und Gerhard Schröder, gemeint sind Gott und das Himmelreich.)

Müntefering also redet kraus, weil er der Müntefering ist. Dafür allerdings muss man ihn auch wieder loben, denn die Sezierung seiner Sprachbilder kann, Mühe und Willen vorausgesetzt, die erstaunlichsten Ergebnisse zeitigen, wie Deutschl und die Krümmung Fluss beweisen.

Der Müntefering-Faktor

Für viele andere Menschen, nicht nur Politiker , trifft leider zu, dass sich selbst eine sorgfältige Autopsie ihrer Sprachbilder nicht lohnt. Legt man zum Beispiel eine normale Bundestagsrede - Merkel, Gerhardt, Sager - auf den Obduktionstisch, findet man fast nie interessante Wucherungen oder unbekannte Knochen.

Aus den Bestandteilen dieser rhetorischen Würmer fließt unter dem Skalpell meist nur grünliches Leichenwasser. Zu Ehren des Franz Müntefering also, der außerdem auch ein netter Kerl ist, soll der individuelle Anteil an der großen Sprachverschwurbelung nun für alle Zeiten der Müntefering-Faktor genannt werden.

Abseits vom Müntefering-Faktor erfordert die allgemeine Antwort auf die Frage, warum die politische Sprache ähnlich der afrikanischen Sahel-Zone einer rasenden Desertifikation ausgesetzt ist, tieferes Nachdenken. Ein paar Gründe liegen auf der Hand und werden immer wieder, sogar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, genannt. (Nein, die Rechtschreibreform hat damit nichts zu tun.)

Cornelia Pieper und der Scholzomat der SPD

Leute, die viel sprechen, aber oft wenig sagen können oder wollen, benutzen den Hirn-Schallerzeugungs-Komplex als Stanzmaschine. Beispiele dafür: So gut wie alle Generalsekretäre der Parteien, führend Cornelia Pieper sowie der demnächst in die Generalüberholung gehende Scholzomat der SPD.

Der Satzstanzung ("...haben ein freundschaftliches Gespräch über Themen von gegenseitigem Interesse geführt") nah verwandt ist das Zutodereiten von, bei einmaligem Gebrauch womöglich noch witzigen, Bildern oder Redewendungen.

Blähunsinn, der sich vererbt

Dazu gehören neben vielen anderen: Und das ist gut so - Ich bin ein Dideldum, holt mich hier raus! - Das Wunder von Dideldum - undsoweiter. Ebenso doof wie unausrottbar ist die Anwendung verbotener Floskeln, die, wäre dies bei Wörtern nur möglich, in Sicherungsverwahrung gehörten.

Wer immer noch von irgendetwas ausgeht oder ich sag mal sagt; wer in jedem dritten Satz etwas nicht ausschließt und gleich darauf beteuert, offen gesagt, ganz ehrlich und unter uns zu reden, der versündigt sich an unseren Kindern, weil die nachplappern, was wir sagen, und sich dieser Blähunsinn so vererbt.

Schuld an der großen Sprachverschwurbelung in der Politik haben auch Manager und Redenschreiber. Die dynamischen Manager haben sich eine eigene Sprache geschaffen, die changiert zwischen dem Yu-gi-O-Jargon der Siebenjährigen und dem rasanten Geplapper eines 31-jährigen Roland-Berger-Beraters, der ein Verhältnis mit Jil Sander hat.

Sprech, internalisiert

Da wird forgecastet und outgesourct, Arbeiter heißen human resources und etwas neu zu machen heißt gleich mal change management. Politiker finden diesen Sprech toll. Sie bauen ihn in ihre Reden ein, wenn sie vor der Mittelstandsvereinigung sprechen. Irgendwann internalisieren sie den Sprech und reden auch in der Kneipe so.

Redenschreiber wiederum sind eigentlich arme Schweine, weil sie ihren Chefs brillante Dinge aufschreiben sollen, die aber so klingen müssen, als habe sie der Chef selbst gerade spontan erfunden, weswegen sie andererseits nie wirklich brillant sein können.

Referentenentwurfshumor

Sagt jener Chef also plötzlich interessante Sachen, wundert sich der professionelle Beobachter, weil er doch weiß, dass der Politiker Habermas nie gelesen hat, aber ihn dennoch jetzt paraphrasiert. Das ist unglaubwürdig.

Die meisten Redenschreiber in Berlin sind ohnehin Beamtenseelen, und deswegen klingen die meisten Reden, als seien sie aus den Geschäftsordnungen diverser Ministerien entnommen worden, gewürzt mit einer Prise Referentenentwurfshumor.

Wenn zum Beispiel ein amtstragender Politiker statt Vereinte Nationen oder UN nur noch VN ("das ist unsere Positionierung im Vauenn-Sicherheitsrat") sagt, dann weiß man, dass er sich endgültig der Macht des Faktischen, also der Ministerialwahrnehmung und -sprache, unterworfen hat.

Schwindende und verschwundene Haufen

Soweit die vielschichtige Analyse, die gewisslich wahr ist. Die wirkliche Erklärung für die große Sprachverschwurbelung aber ist das alles nicht. Die ist viel einfacher. Ich glaube, dass Sprache ein Verbrauchsgut ist. (Weil es sich im Folgenden um eine sehr persönliche Theorie handelt, ist der Gebrauch der ersten Person Singular hier nicht der Eitelkeit geschuldet, sondern der Redlichkeit.)

Nach dem Prozess des Spracherwerbs, der Sozialisation in der Familie und der anschließenden Ausbildung hat der Mensch einen gewissen Wortschatz sowie eine je individuell ausgeprägte Fähigkeit, mit diesen Worten Dinge zu sagen, die er sagen will. Ich stelle mir das so vor: Die Worte liegen auf einem großen Haufen und der Sprechende klaubt sie sich nach seiner Kenntnis der Grammatik, der Redekunst und nach seinem Sprachgefühl zusammen.

Da aber im Leben jeder Haufen bei stetigem Gebrauch seiner Bestandteile kleiner wird, kleiner werden muss, nimmt auch der Worthaufen bei jedem Einzelnen im Laufe seines Lebens ab. Dies ist eine gute Erklärung dafür, warum zum Beispiel Männer mit zunehmendem Alter immer weniger reden. (Bei Frauen ist das ähnlich. Nur wenn Frauen mit Frauen reden, sprechen sie sehr viel. Vielleicht gibt es da einen dem männlichen Verständnis unzugänglichen Worthaufen.)

Andererseits erklärt die Theorie des abnehmenden Worthaufens auch, warum Politiker umso krauser reden, je länger sie Politiker sind. Politiker müssen, das haben wir bereits bewiesen, sehr viel reden, zumal, wenn sie Bundeskanzler, Parteichef oder Generalsekretär sind.

Ein Generalsekretär, der unablässig vor der Partei, in Talkshows und im Deutschlandfunk labern muss, verbraucht in sechs Monaten so viele Worte wie ein Bundestagshinterbänkler in drei Legislaturperioden.

Für den Bundeskanzler und Minister trifft dies eigentlich auch zu, aber das Gefälle zwischen Clement und Scholz ist auch der Tatsache geschuldet, dass sich ein Minister viele Reden aufschreiben lässt, während ein Generalsekretär dauernd selber redet.

Schröder also verbraucht die Worte seiner Redenschreiber und nicht nur seine eigenen. Dies muss so sein, denn wenn Schröder nur seine eigenen Worte verbrauchen würde, wäre er bereits stumm, und außerdem bemerkt der, der Schröders Redenschreiber kennt, dass die sich in den letzten Jahren verändert haben.

Manchmal wirken sie irgendwie wortentleert, wenn auch nicht so deutlich wie bei Laurenz Mayer oder bei Scholzomat. Wenn aber die Theorie des allmählichen Verschwindens der Worte zutrifft, warum sprechen dann Leute wie Ursula Engelen-Kefer, Hans-Olaf Henkel oder Dietrich Austermann überhaupt noch? Auch das kann ich erklären.

Ich glaube, es gibt zwei Geschlechter, zwei große Arten von Wörtern, so wie es zwei Geschlechter beim Menschen gibt. Die eine Art sind die guten, die originellen, die schönen, die lustigen, die tollen Wörter.

Wucher-Wörter

Die verbrauchen sich, so wie sich alles Schöne im Leben leider verbraucht. Die anderen aber sind die Alltagswörter, die garstigen Ministerialwörter, die auf -ung endenden Wörter, die Subjekt-Prädikat-Objekt-Wörter, die stimmungslosen Wörter, die kalten, grünlichen, rumänischen, wasserlosen Wörter.

Die verbrauchen sich nicht. Im Gegenteil: diese Wörter wuchern nach der Art des Krebses. Sie lassen sich nicht verbrauchen, sie wehren sich wie Einzeller durch stetige Vermehrung.

Je mehr einer spricht, desto seltener findet er auf seinem Sprachhaufen unter den wachsenden, wuchernden, wabernden Molluskenwörtern die schönen, klingenden, warmen Ausdrücke.

Der Kanzler zum Beispiel suchte an jenem historischen Deutschl-Freitag vielleicht nach einem Satz wie: "Ich habe eingesehen, dass es für einen Menschen eine zu schwere Bürde ist, gleichzeitig an der Spitze einer über ihre Grundwerte debattierenden Partei und einer ins Straucheln geratenen Regierung zu stehen."

Ung! Keit! Basta!

Das Verb "einsehen" fand er nicht, wohl weil es schon lange nicht mehr in seinem Worthaufen liegt. Als er nach "zu schwere Bürde" suchte, fiel ihm das glitschige, albanische "Vermittlungsproblem" in die Hand und dann in den Mund.

Als er nach "ein Mensch" fahndete, -ungte und -keite es heftigst von seinem Sprachhaufen und heraus kam der Satz: "Das ist ein Prozess, von dessen Notwendigkeit und der Notwendigkeit seiner Weiterführung - unbedingter Weiterführung - ich überzeugt bin." Ung! Keit! Basta!

Die Theorie vom Verschwinden der schönen und vom Wuchern der hässlichen Worte erklärt jenseits der Politik so gut wie jede menschliche Kommunikation.

Sie erklärt, warum die meisten Schriftsteller in ihrem Leben nur ein einziges gutes Buch schreiben; sie erklärt, warum aus den guten Gesprächen am Anfang einer Liebe der karge Ehedialog wird; sie erklärt, warum Dieter Bohlen so viel und was er spricht; sie erklärt, warum es keine guten Talkshows geben kann.

Und sie erklärt auch Franz Müntefering. Die Krümmung des Flusses nämlich ist im Grunde ein sehr schönes Bild. Müntefering ist schlau genug, um selbst darauf gekommen zu sein, dass er sich in Gefahr befindet: nämlich gleichzeitig sprachlos und geschwätzig zu werden.

Deswegen geht er so sparsam mit seinen Worten um, und deswegen sagt er: "Ich kann nur kurze Sätze."

Franz Müntefering steht also an der richtigen Krümmung des Flusses. Mal sehen, ob er auch Deutschl dahin bringt.