Peter Handke:Am Ende ist fast nichts mehr zu verstehen

Wahr ist: Ich war im Juni 1996 zum ersten Mal (und danach noch um die zehn Mal) in Srebrenica und in den ebenfalls zerstörten serbischen Dörfern ringsum, und habe danach ein kleines Buch geschrieben ("Sommerlicher Nachtrag zu einer Winterlichen Reise"). Wahr ist, dass ich in diesem Nachtrag auch von den blühenden Bäumen erzähle, von den Erdbeeren auf den Hügeln um Srebrenica, aber natürlich (entschuldige, Leser, dass ich mich erkläre, aber die Beschreibung dieser Natur wird mir immer wieder vorgeworfen), um die furchtbare Zerstörung in und um Srebrenica und die Todesstille noch spürbarer zu machen.

Und der Kern des Nachtrags: die endlosen Schreie eines serbischen Mannes aus Srebrenica, der, zwischen den Ruinen, am Sommerabend (Schwalben!) zu seinem Haus (?) zurückkehrt (?) und auf dem Weg gegen sein eigenes Volk anbrüllt, sein Volk verflucht und verflucht, und am Ende ist fast nichts mehr zu verstehen vor lauter Wut und Schmerz.

Hören wir auch - endlich - den Überlebenden der muslimischen Massaker zu, in den vielen serbischen Dörfern um das - muslimische - Srebrenica, jener in den drei Jahren vor dem Fall Srebrenicas wiederholt begangenen und von dem Stadtkommandanten befehligten Massaker, die im Juli 1995 - schreckliche Rache und ewige Schande für die verantwortlichen Bosno-Serben - zu dem großen Gemetzel führten, "dem größten in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg".

Auch andere Mütter hören

Fügen wir immerhin hinzu, dass alle Soldaten oder muslimischen Männer aus Srebrenica, die die Drina - die Grenze zwischen den beiden Staaten - überquerten und aus Bosnien in das damals von Milosevic regierte Serbien flohen, dass all diese Soldaten, die in dem "feindlichen" Serbien ankamen, heil blieben - hier, kein Gemetzel, keine Massaker.

Ja, hören wir, nachdem wir "die Mütter von Srebrenica" gehört haben, auch die Mütter, oder auch nur eine Mutter des nahe gelegenen serbischen Dorfes Kravica, wenn sie von dem an der orthodoxen Weihnacht 1992/1993 von den muslimischen Streitkräften Srebrenicas begangenen Massaker erzählt, dem auch Frauen und Kinder zum Opfer fielen (und nur für ein solches Verbrechen trifft das Wort "Genozid" zu).

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