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Pedro Almodóvar:Ellipsen sind offene Wunden

"Sprich mit ihr" - Pedro Almodóvars Melodram über die Liebe in den Tagen im Koma

Frauen rennen gegen Wände. Während ein Mann vergeblich versucht, ihnen die Hindernisse aus dem Weg zu räumen, sinken sie erschöpft zu Boden. An den Beginn seiner Geschichte hat Pedro Almodóvar eine Szene aus Pina Bauschs Tanzspiel "Café Müller" gesetzt. Im Publikum sitzt ein Mann, der bei dieser Szene feuchte Augen bekommt. Noch ahnt er nicht, wie nahe ihm diese Erfahrungen von Schmerz und Ohnmacht in seinem eigenen Leben noch kommen werden, denn vorerst trauert Marco, ein heimatloser Journalist aus Argentinien, nur einer längst verlorenen Liebe nach. Dem Mann, der neben ihm sitzt, sind solche Erfahrungen bereits vertraut.

(Foto: TOBIS)

Benigno arbeitet als Krankenpfleger, im Dienst einer einzigen Patientin, der Ballettschülerin Alicia, die seit vier Jahren im Koma liegt. Er bringt ihr ein Autogramm von Pina Bausch mit, er redet mit ihr, erzählt ihr, wider alle medizinische Vernunft, vom Leben draußen, jenseits des Krankenhauses. Benigno liebt "seine" Patientin und schließt sie gerne in seine Sätze ein. Meist sagt er "wir", wenn er von sich und Alicia spricht, als führten sie wirklich ein gemeinsames Leben: "Wir verstehen uns besser als viele andere Paare." Die Grenzen, die ihre Ohnmacht seiner Fürsorge setzt, kann und will er ebenso wenig anerkennen wie den profunden Widerspruch, den er nicht zu lösen vermag: Ihm scheint die einseitige physische Intimität zu genügen, und dennoch hält er unbeirrbar an seinem Glauben fest, dass hinter der Physis noch etwas anderes sein müsse, eine Ebene, auf der Alicia ihn dennoch wahrnehmen könnte.

Dann kommt Marco ins Krankenhaus, und Benigno erkennt den Mann in ihm wieder, der zufällig neben ihm im Tanztheater saß. Auch der Journalist Marco kümmert sich nun um eine Frau im Koma. Er wollte ein Interview führen mit der Stierkämpferin Lydia Gonzales, die, wie er selbst, an den Wunden einer unglücklichen Liebe litt. Eine neue Beziehung hat sich daraus für die beiden angebahnt, dann wurde die Frau, in der Arena merkwürdig unkonzentriert, von einem Stier auf die Hörner genommen und böse zugerichtet. Es gibt keine Hoffnung, sagen die Ärzte, denn Lydias verletztes Gehirn würde nie wieder Gedanken und Gefühle zulassen.

Das Schicksal der beiden Frauen lässt den intelligenten Skeptiker Marco und den naiven Optimisten Benigno Freunde werden. Einmal sehen wir alle wie auf einem Familienfoto, Lydia und Alicia ohne Bewusstsein im Rollstuhl, die beiden Männer dahinter; das Licht in diesen Einstellungen ist so hell und warm, als hätten die beiden Paare im Bild tatsächlich eine Chance. Melodramen brauchen das Bewusstsein oder wenigstens eine Ahnung von Glück, mag es noch so trügerisch sein.

Keine Geschichte Almodóvars hat sich je radikaler gegen die Nacherzählung gesperrt als diese - nicht weil sie zu kompliziert, sondern weil sie zu einfach ist. Die bloße Story könnte an grausige Produkte der Regenbogenpresse erinnern. Dass "Sprich mit ihr" ein kühnes und einzigartiges Meisterwerk wurde, ist der Sensibilität und der Verwegenheit des 50-jährigen Regisseurs zu verdanken; Almodóvar gehört von nun an endgültig in die von Buñuel und Saura angeführte Reihe der großen spanischen Cineasten.

Mann in Fingergröße

Es geht in diesem Film von der ersten Szene an um Leben und Tod: Der Stier, den Lydia besiegt, dient keineswegs zum Anlass für den traditionellen Topos des Triumphs menschlicher Überlegenheit. Almodóvars Kamera verlangsamt kaum merklich die Bewegungen des verendenden Tiers zu einer Sequenz des Sterbens und der Trauer; sie wird zum visuellen Requiem für die leidende Kreatur, ohne dass darüber die Stierkämpferin denunziert werden würde. Als Marco Lydia in ihr Haus zurückgebracht hat, hört er von draußen ihre Schreie: Eine Schlange hat die Frau in Panik versetzt - als Symbol des Sündenfalls ist sie keineswegs die einzige biblische Anspielung in diesem Film, bis hin zu den Motiven von Opfertod und Erlösung; aber sie ist eben auch das Zeichen des heilenden Äskulap. Diesmal ist es Marco, der ein Tier tötet.

Immer wieder hebt Almodóvar die Chronologie der Ereignisse auf, durchkreuzt sie mit Rückblenden, die ihrerseits keiner chronologischen Ordnung folgen, oder markiert Ellipsen mit Inserts wie "Einige Monate später" oder "Vier Jahre früher". Manchmal wirken die dadurch entstehenden Brüche der Geschichte so schmerzhaft wie offene Wunden. Erst der tiefe Ernst und die Trauer, die selbst in den heiteren Momenten ständig zu spüren sind, schafft den sicheren Boden, von dem aus der Regisseur zu seinen riskanten Grenzüberschreitungen und das Genre des Melodrams sprengenden Tabuverstößen ansetzen kann.

Benigno schaut sich alte Stummfilme an, weil Alicia sie mochte, um ihr hinterher davon zu berichten. Almodóvar inszeniert dazu - überaus stilsicher - eine Variation zu Jack Arnolds "The Incredible Shrinking Man": Ein auf Fingergröße geschrumpfter Mann erkundet, bis in den letzten Schlupfwinkel, die Körperlandschaft seiner lebensgroßen Geliebten ... erst hinterher wird klar, dass diese Sequenz metaphorisch zu verstehen ist wie einst der fahrende Zug, der im Schlussbild von Hitchcocks "North by Northwest" in einen Tunnel einfährt. Alicia, die junge Frau im Koma, erwartet schließlich ein Kind .. .

Als Marco erfuhr, dass sich Lydia vor ihrem letzten Kampf in der Arena wieder mit ihrem ehemaligen Freund versöhnt hatte, floh er nach Jordanien, um ein weiteres seiner Bücher über fremde Länder zu schreiben; die Nachricht von Lydias Tod lässt ihn nach Spanien zurückkehren. Den Selbstmord seines inhaftierten Freundes kann er nicht verhindern; Benigno wollte ins Reich zwischen Leben und Tod, um Alicia im Koma nahe zu sein. Er wusste nicht, dass sie durch den Schock einer Totgeburt aufgewacht war und an einem Neubeginn stand, den sie schwerlich mit ihm geteilt hätte. Bis zum Finale nimmt der Film immer neue Wendungen, die befremden müssten und es doch nicht tun, durch Almodóvars Fähigkeit, alles vermeintlich Extreme zu inszenieren, als wäre es alltäglich. Dabei greift er nie zu dem simplen Trick, mit den Bildern einfach die Story zu dementieren; es ist einfach die von einer bedingungslosen Zärtlichkeit gegenüber seinen Figuren geprägte Haltung des Regisseurs, die über alles entscheidet und alles menschlich nachvollziehbar macht - auch das Vergehen des liebenden Pflegers Benigno und seinen unbewussten Sühnetod.

Almodóvar schließt seine Geschichte wieder mit dem Tanztheater und betont noch einmal die Realität einer Kommunikation jenseits der Worte, mit einer Szene aus "Masurca Fogo": "Pina Bausch hat nichts ahnend die Pforten geschaffen, durch die man in meine Geschichte Einlass findet und sich daraus wieder verabschiedet." Ganz am Ende von "Sprich mit ihr" steht ein Blickwechsel, der das Melodram überwindet und Anlass zur Hoffnung gibt.

H.G. PFLAUM

HABLE CON ELLA, Spanien 2002 - Regie und Buch: Pedro Almodóvar. Kamera: Javier Aguirresarobe. Schnitt: José Salcedo. Mit: Javier Cámera, Darío Grandinetti, Leonor Watling, Rosario Flores, Geraldine Chaplin. Tobis StudioCanal, 116 Minuten.

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