Patti Smith im Konzert Schmerzensmutter in Guantanamo

Gesamtkunstwerk und Punk-Ikone Patti Smith ist in München, und außer mit Christoph Schlingensief zu reden, singt sie auch. Eine Konzertkritik.

Von Holger Liebs

Unter der großen Wollmütze sieht sie aus wie einst, 1975, als "Horses" herauskam, mit der Zottelmähne, das kleine Mädchen mit dem gewaltigen Organ, der anderen großen Schamanin und Hohepriesterin des Rock neben Jim Morrison, die Freundin des verstorbenen Fotografin Robert Mapplethorpe und Witwe des Musikers Fred "Sonic" Smith, deren erstes Album anfing mit den Worten: "Jesus died for somebody's sins, but not mine."

"Jesus died for somebody's sins, but not mine": Patti Smith.

(Foto: Foto: dpa)

Hier, im Westflügel des Hauses der Kunst, kann man immer noch von dieser kraftvollen Stimme weggeblasen werden, aber die E-Gitarre bleibt eingemottet, stattdessen wird Patti Smith - beschaut von vielleicht 300 Zuhörern, beleuchtet von zwei wunderschönen Scheinwerfern Konstantin Grcics - begleitet vom Cellisten Adrian Brendel, dem Sohn des berühmten Pianisten Alfed Brendel. Und wenn sie nun "Birdland" nicht singt, sondern rezitiert, und Brendel dazu am Cello improvisiert, dann wird aus der Lärm-Orgie über den Orgasmologen Wilhelm Reich im UFO eine zart hingehauchte Meditation.

Es ist ein stiller, manchmal melancholischer, aber kein wirklich trauriger Abend - auch wenn Smith bei einem Song über den Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz von ihrer eigenen Ergriffenheit mitgerissen wird. Ja, es gibt ihn wieder, den Protestsong. "Ich stamme von einer langen Linie von Schäfern ab, die alle mit 'x' unterzeichneten", sagt sie - echte Schamanen kennen keine Selbstironie.

Freilich, am Abend zuvor, da hatte sie noch mit Christoph Schlingensief über den Tod gesprochen. Aber wenn sie nun über den todkranken Regisseur sagt, sie könne seinen Nachnamen immer noch nicht aussprechen, aber er schelle wie eine Klingel, und wo er, Schlingensief hingehe, da folge man ihm, dann ist das, verbunden mit dem Song über den Freund, doch mehr eine zärtliche Hommage.

"Traces du Sacré" heißt die Ausstellung im Haus der Kunst, in deren Rahmen Patti Smith, die mater dolorosa des Punk, auftritt; das passt zusammen - doch religiöses Pathos bleibt an diesem Abend fern. Die zweite, letzte Zugabe heißt "Because the Night": Die Nacht gehört den Liebenden. Da singt dann der ganze Saal.

Patti Smith gibt am heutigen Dienstag, 16. Dezember, 20 Uhr, ein weiteres Konzert in der Allerheiligen-Hofkirche in der Residenz in München. Eintritt: 30 Euro.